Wertewandel in unsicherer Zeit

Was ist euch jetzt wichtig?

Von Elena Witzeck
02.07.2022
, 11:45
Vielleicht eine gute Zeit für die größeren Fragen des Lebens: Sonnenuntergang an der Rheinuferpromenade in Düsseldorf
Die großen Krisen hinterlassen Spuren und verändern Einstellungen. Wir haben Menschen aus unterschiedlichsten Lebensbereichen gefragt, worauf es ihnen heute ankommt – bei sich selbst und anderen.
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„Geld“, sagte meine Freundin, sah von ihrem Glas auf und lächelte provokant. „Das gibt allerdings niemand zu.“

„Geld ist kein Wert“, wandte ich ein.

„Gut“, sagte sie, „aber du weißt, was ich meine.“ Sie lehnte sich auf ihrem Plastikstuhl zurück, bis es knackste. Dann verschränkte sie die Arme.

„Ein gutes Leben. Ein von Wohlstand erleichtertes Leben. Wer wollte das nicht?“

Wir saßen uns am frühen Abend im Schatten eines Cafés gegenüber. Mir wäre es nie in den Sinn gekommen, Wohlstand als einen meiner Werte zu bezeichnen, so selbstverständlich unser Privileg, die Zeit, darüber zu sinnieren, so tief verwurzelt der postmaterialistische Gestus. Ich dachte an Lena, die junge Auszubildende in Halle, die mir gesagt hatte, Besitz bedeute ihr nichts, aber für die Zukunft stelle sie sich schon ein Familienleben mit Häuschen und Kind vor, ohne großes Brimborium.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Seit Wochen hatte ich Menschen in ganz Deutschland, junge und ältere, wohlhabende und weniger begüterte, Unternehmer und Kreative, nach ihren persönlichen Werten gefragt. Ich hatte keine Antwort zweimal gehört.

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Was wir uns voneinander wünschen

Zunächst hatten die meisten gar nicht geantwortet. Sie hatten vielmehr Fragen gestellt. Was genau eigentlich gemeint sei, wollten sie wissen. Denn wie oft dachte man schon noch über seine Werte nach? Werte schienen zunächst einigen wie etwas aus der Zeit Gefallenes, der Begriff roch nach Küche, Kindern, Kirche. Von Träumen, Erwartungen und Visionen ließ sich ausgiebig reden, von Fehlern und Verlusten und der Bereitschaft, daraus zu lernen. Werte waren statisch, sie klangen nach gestern. Und wer wollte von abstrakten Vorgaben sprechen, die man sich selbst setzte, um sie dann mit Tausenden anderen gemein zu haben?

Werte verraten, was sich ein Mensch von der Gesellschaft und der unmittelbaren Umgebung, in der er lebt, wünscht. Wer von Toleranz und Solidarität spricht, sehnt sich danach, dass seine Mitmenschen aufeinander achtgeben und füreinander einstehen, wer die Moral zu seinem Maßstab erhebt, dem mag im Vergleich zu den eigenen Erwartungen ein Defizit im moralischen Handeln der anderen um sich negativ aufgefallen sein.

Allzu fremd klingt das auch heute nicht

Wenn sich die gesellschaftlichen Umstände verändern, wenn irgendwo Krieg geführt wird und die Zukunft plötzlich und unerwartet gefährdet scheint, verschiebt sich bei den meisten automatisch der Blick, die persönlichen Prioritäten werden anders gesetzt.

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Mit einem Dutzend Personen über Werte zu reden ist natürlich alles andere als repräsentativ. Die Werte eines Menschen, der einen großen Teil seines Lebens hinter sich hat, unterscheiden sich grundsätzlich von denen einer Heranwachsenden. Wer sein soziales Umfeld in einer Kleinstadt im Osten hat, stellt andere Erwartungen an das Leben als jemand, der einen Kiosk in einer Großstadt im Westen besitzt. Und doch offenbaren diese Gespräche in einem Moment, in dem sich die Vorstellungen von Haltung, Gut und Böse, Anstand und Verantwortung neu sortieren, etwas über unsere Ausnahmezeit.

Der Soziologe Stefan Mauritz aus Köln kam, als ich mit ihm über seine persönlichen Werte (Sicherheit, Solidarität) reden wollte, auf den Begriff des Wertewandels zu sprechen. Er erinnerte an den amerikanischen Politikwissenschaftler R. Inglehart, in dessen Analysen der Postmaterialismus den noch vorherrschenden Materialismus ablösen sollte. Er bestätigte Ingleharts These für seine im Durchschnitt 30 Jahre alten städtischen Freunde, die Mitbestimmung und freie Entfaltung zelebrierten. Dann wurde er nachdenklich, sprach von der Veränderung, die er auch in seinem Umfeld spüre, einen Rückzug ins Private, und fragte sich vorsichtig, was Pandemie und Putin wohl mit unserem Verständnis von Selbstverwirklichung, persönlicher Freiheit und Wohlstand machten.

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Natürlich ging es auch um die Frage, was sich verändert hatte, nicht zuletzt durch die aktuellen Krisen. Ich dachte an meinen Soziologieprofessor in Mainz. Stefan Hradil prognostizierte schon 2002 nach den sorglosen Neunzigerjahren einen rückläufigen „Wandel des Wertewandels“. 2002 und 2010 stellten die Shell-Jugendstudien die Frage nach der Werteorientierung. Junge Menschen zwischen 12 und 25 gaben in der ersten Studie an, dass ihnen gute Freunde, ein Partner, dem man vertrauen könne, und ein gutes Familienleben wichtig seien. Bis 2010 waren diese Werte jeweils noch wichtiger geworden. Aber auch die Erwartung von Unabhängigkeit und einem Leben, das man genießen konnte, hatte zugenommen. Der Wunsch nach Stabilität und persönlicher Leistung verband sich mit der Erwartung eines „guten Lebens“, wie es meine Freundin genannt hatte. Allzu fremd klingt das auch heute nicht.

„Wer meine Werte angreift, greift mich an“

Ein Mann führt seit Jahren ein Unternehmen, einen Hamburger Barkassenbetrieb, er führt es gut, geht darin auf. Dann kommt mit Corona eine Zeit, in der er die Firma stilllegt. Es ist zunächst nicht absehbar, wann er wieder in den Hafen hinausfahren wird, wann seine Mitarbeiter wieder arbeiten können. Die Toleranz und Kompromissbereitschaft, die ihn ein Leben lang begleitet haben, stärken ihm in der Ausnahmezeit den Rücken.

Eine Frau, die viel gereist ist, die ihr persönliches Wachstum, ihre Identität an den Erfahrungen der Weltläufigkeit maß, die sie als Stewardess machte, ist plötzlich zu Hause eingesperrt, sieht die Proteststürme auf den Straßen, liest das Unverständnis im Netz, spricht mit ihrer Tochter in Amerika und ist froh über das Geschenk der Offenheit, das sie ihren Kindern mitgeben konnte.

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Ein Musiker, der zwei Jahre in die Stille gezwungen war, steht auf einmal wieder auf einer Bühne, und was er spürt neben der Euphorie, sind Demut und Dankbarkeit, Gefühle, die er nie zuvor so ernst und wichtig genommen hatte.

Eine 70 Jahre alte Juristin denkt über Anstand nach. Sie beschreibt die Momente, in denen ihr Selbstbeherrschung geholfen hat. Es muss nicht immer nur um die persönliche Befindlichkeit gehen, sagt sie, Haltung ist etwas, was die Zeit mit sich bringt.

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Welche Werte sind uns jetzt wichtig?

Über Individualismus als Wert sagt im Übrigen niemand etwas. Auch über Frieden will gerade keiner sprechen. Dafür umso mehr über Verantwortung und Solidarität – Werte, von deren angeblichem Verschwinden so oft die Rede ist. Wo, wenn nicht in der Krise, hat sich Zusammenhalt zuletzt besonders bewiesen?

Florian Meister erkannte vor Jahren, dass seine persönlichen Werte nicht mit seiner Arbeit als Investmentbanker vereinbar waren. Also entschied er, statt sich seinen Job zu verändern. Es machte mich nachdenklich, wie er, der frühere Banker, vom sehr menschlichen Wunsch nach persönlichem Wachstum sprach, von unserer längerfristigen Aufgabe, zum Wohl des Planeten andere Ziele zu verfolgen.

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Der Theaterregisseur Antú Romero Nunes schrieb mir auf dem Weg nach Schweden, wo er gerade an einem neuen Projekt arbeitete: „Werte sind Gebots- und Verbotsschilder im Verkehr unseres Handelns und Denkens. Die Frage, warum andere irrational handeln, beschäftigt uns, weil wir das Gefühl für uns selbst verlieren, wenn das Außen keinen Sinn zu machen scheint. Also versuchen wir uns an Werten zu orientieren.“ Sein Blick auf die Idee der Werte war skeptisch und sein Eindruck davon, wie wir sie verteidigen, um Haltung ringen, kritisch. Wenn er sich auf einen Wert einzulassen bereit war, dann war es die Phantasie.

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Wo sammelt man seine Werte, gleicht sie ab, überprüft, erweitert und relativiert sie? In der Familie, durch Erfahrung, die gute wie die schlechte – und am Rande des Weges. Beim Lesen, im Theater und in Momenten der Entgrenzung. Im Ausnahmezustand, sagten meine Freunde.

Wir saßen zusammen in einem kleinen Haus auf dem Land, noch ohne Kinder, und einigten uns auf Solidarität, Toleranz und Offenheit. Wir schwiegen zufrieden, bis eine von ihnen sagte: Was ist mit der Moral? Ist nicht die Moral der Wert unserer Gegenwart? Und dann erzählte sie ihre Anekdote von der Kuhhaut: Sie hatte sich mit ihren Brüdern in einer Gaststätte getroffen, in der die Sitze mit Kuhfell bezogen waren. Als ihre Geschwister sich empört weigerten, ihre Plätze einzunehmen, hatte sie sich amüsiert: Was kümmerte es die tote Kuh? Dann gab es einen Streit. Nun fragte sie sich, was schiefgelaufen war. Hatten ihre Geschwister mit ihrer moralischen Überzeugung (Sitze aus Kuhhaut sind unethisch) den klareren Wertekompass? Wäre es geboten gewesen zu schweigen, um ihre Werte nicht zu verletzen? „Wer meine Werte angreift, greift mich an“, hatte der Wertekritiker Nunes geschrieben.

Als ich gerade fertig mit den Interviews war, fuhr eine Kollegin von mir in die Ukraine. Sie schrieb von der Normalität im Chaos, von Kindern, die geboren wurden, der Versorgung an der Front, davon, wie der tägliche Luftalarm im Alltag zur Kenntnis genommen wurde. Ich dachte an den Wert des Lebens, den man erst ernst nahm, auf den man überhaupt erst kam, wenn er in Gefahr war. Und daran, was es für ein unglaubliches Glück war, ganz unkonkret darüber nachdenken zu dürfen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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