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Notfallarbeiten

Wie die freie Kulturszene in Ostmitteleuropa überleben will

Von Niklas Zimmermann
Aktualisiert am 30.05.2020
 - 20:22
Nackte Ratlosigkeit: Szene aus dem Stück „29 1/2“ des Experimentaltheaters Stoka in Bratislava.
Die Kulturpolitik im östlichen Mitteleuropa ist gespalten: In der Slowakei fordert die Präsidentin Unterstützung für Künstler, während der Regierungschef in Ungarn nicht ertragen will, dass er diese Sphäre nicht kontrolliert.

Igor Matovič liebt drastische Bilder. Man müsse das Land „ausknipsen“, verlangte Ende März der frischgebackene Ministerpräsident der Slowakei und forderte ein komplettes Herunterfahren des öffentlichen Lebens. Mittlerweile ist der Regierungschef, begünstigt von niedrigen Infektionszahlen, eifrigster Lockerer der Maßnahmen. Seit dem 20. Mai dürfen auch Theater, Kinos und Musikklubs wieder öffnen, mit bis zu hundert Besuchern. Allerdings sind die Abstandsregeln so strikt, dass es sich für viele nicht lohnt.

Das Experimentaltheater Stoka in Bratislava musste, da ist die Metapher des Ministerpräsidenten ganz realistisch, tatsächlich die Lichter löschen. Weil der Mietvertrag ausläuft, verliert das bekannteste freie Theater der Slowakei seine Bühne. „Wir ziehen ins Lager“, sagt die Sprecherin Ľudmila Braun. Es soll nicht das definitive Aus sein. Man bewege sich stets „an der Grenze von Leben und Tod“, lautet das Credo des exzentrischen Theatergründers Blaho Uhlár. Die Gelassenheit kommt daher, dass das Stoka vieles überstanden hat: Den autokratischen Regierungschef Vladimír Mečiar, der dem bei Oppositionellen beliebten Theater Mitte der neunziger Jahre sämtliche Zuschüsse strich, sowie den Wirtschaftsboom danach, als das „alte Stoka“ dem Parkplatz eines Einkaufszentrums weichen musste.

„Wir stehen zur Kultur“

Auch wenn Kulturministerin Natália Milanová auf der Suche nach einer neuen Bleibe für das Stoka nicht helfen konnte, gibt der Regierungswechsel in diesem Frühjahr der slowakischen Kulturszene neue Hoffnung. Die Plattform „Wir stehen zur Kultur“ forderte noch die Abberufung der vorherigen sozialdemokratischen Ministerin, die Gelder für LGBT-Projekte strich. Zu Nachfolgerin Milanová von der Matovič-Partei „Gewöhnliche Menschen“ hat sie dagegen einen Draht gefunden. Der Schriftsteller Michal Hvorecký mag die Partei nicht, weil ein Flügel Abtreibungen ganz verbieten will. Doch über Milanová sagt er, sie habe sein Vertrauen. Die Kulturschaffenden registrieren wohlwollend, wenn Milanová sagt: „Ich kann den Meinungen nicht zustimmen, dass Kunst unnötig ist.“ Staatspräsidentin Zuzana Čaputová geht noch weiter und fordert Unterstützung für Künstler, die durch die Netze des Sozialstaates fallen.

Ganz anders sieht das der tschechische Präsident Miloš Zeman. Dieser hatte Künstlern geraten, sich nicht über Einkommensausfälle zu beklagen: „Es wäre besser, wenn sie zum Beispiel Altersheime besuchen und dort ein bisschen Freude bereiten würden.“ Mittlerweile ist auch in der Tschechischen Republik wieder ein eingeschränkter Kulturbetrieb möglich. Doch die Gesellschaft bleibt gespalten, mit kulturaffinen Bildungsbürgern auf der einen und den Wählern von Zeman und Ministerpräsident Andrej Babiš auf der anderen Seite. Der Dichter, Performer und Kunsttheoretiker Jaromír Typlt fühlt sich gar in die „Normalisierung“ der siebziger und achtziger Jahre zurückversetzt: „Es herrscht ein Klima der Angst, es gibt Fremdenhass, Künstler und Intellektuelle werden verleumdet.“

Doch Typlt sagt auch: „Es ist bei uns nicht so hoffnungslos wie in Ungarn oder Polen.“ Ähnlich denkt David Gaydečka, der Organisator der Prager Musikfestivals Metronome und United Islands of Prague. Er attestiert zumindest dem sozialdemokratischen Kulturminister Lubomír Zaorálek guten Willen. Zugleich ärgert er sich über den Minister, weil dieser Ende April verkündete, dass es im Sommer keine großen Festivals geben werde. Gaydečka dagegen glaubt: „Unsere Festivals finden statt.“ Über die Verschiebung von Juni auf September sei er mit den Behörden so gut wie einig. Er vermutet, dass die Minister angesichts der Ungewissheit lieber verkünden, dass gar nichts stattfindet. Für ihn ein falsches Signal: „Wir brauchen eine Regierung, die klare Regeln setzt und Veranstalter belohnt, die schlüssige Konzepte für die Gesundheit der Besucher vorlegen.“

Auf einen Staat, der Klarheit schafft, ist die freie Szene angewiesen. Es sei überhaupt nicht klar, welche Regeln gelten, sagt Martin Boross über die Situation in Ungarn. Der künstlerische Leiter des freien Theaters Stereo Akt in Budapest beschreibt die Lage als „chaotisch“. Politiker sprächen nicht mit Fachleuten. Es gebe keinen Plan, wann Theater wieder vor Publikum spielen können. Proben waren Mitte Mai wieder überall möglich, nur nicht in Budapest. Die Regierung von Viktor Orbán nutzt die Gelegenheit, der von der Opposition regierten Hauptstadt ihre Macht zu zeigen. Ähnliches zeigt sich bei einem neuen „Hilfsprogramm“ für von der Corona-Krise betroffene freischaffende Künstler. Es solle vor allem die ländlichen Regionen erreichen, steht in der Beschreibung des Programms, dessen Name „Danke Ungarn!“ beste PR für Orbán ist.

Auch Theater ist eine Dienstleistung

Die Demokratie sei in Ungarn schon vor Jahren gestorben, sagt Theaterleiter Boross. Man müsse sich das aber nicht so vorstellen, als würde ein Zensor Theaterprojekte auf ihre Gefälligkeit für die Regierung überprüfen. Es passiere über ökonomischen Druck, so Boross. Die Regierung wollte im Zuge des im vergangenen Dezember verabschiedeten neuen Kulturgesetzes gar den nationalen Kulturfonds abschaffen, sah nach Demonstrationen aber von dem Plan ab. Laut Boross kann sie es sich schnell wieder anders überlegen: „Es besteht immer die Gefahr, dass ein neues, restriktiveres Gesetz verabschiedet wird.“

Wenn die Regierung den Geldhahn zudreht, ist es wohl aber nicht das Ende des Stereo Akt. Das Budapester Theater wird vor allem von Nichtregierungsorganisationen unterstützt. Ohnehin verlangt freie Kunst in Ostmitteleuropa Opferbereitschaft: „Viele unserer Schauspieler haben andere Jobs“, erzählt Boross. Sie betreuen Kinder oder liefern Essen aus. Unkünstlerische Berufe interessieren den Theatermacher auch in einem Projekt, für das er Laiendarsteller sucht. „Wir wollen diejenigen in den Mittelpunkt rücken, die sich um unsere Gesundheit, Sicherheit, Bildung und Pflege kümmern.“ Auch das Theater sei eine Dienstleistung, ja sogar eine „Notfallarbeit“, ist Boross überzeugt.

Der Vergleich von Ungarn, Tschechien und der Slowakei zeigt, dass die Lage im östlichen Mitteleuropa höchst unterschiedlich ist. In der Kulturpolitik kontrastiert die slowakische Präsidentin, für die Kunst „Teil unserer Identität“ ist, mit dem ungarischen Regierungschef, der nicht ertragen will, dass er diese Sphäre nicht kontrolliert. Zwischen ihnen steht der neue Ministerpräsident in Bratislava, Igor Matovič, der sich auch als provokativer Aktionskünstler gefällt. In seinem Regierungssitz durchwühlte Matovič die Schubladen seines Vorgängers Peter Pellegrini und postete die Funde schadenfroh auf seinem Facebook-Profil.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zimmermann, Niklas
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