FAZ plus ArtikelLifestyle-Kochbücher

So also isst man sich glücklich und gesund?

Von Kai Spanke
28.03.2020
, 08:18
Gekocht, um fotografiert zu werden: Bei diesem veganen Kichererbsen-Curry essen Auge und Gewissen gleichermaßen mit.
Hinter dem Sprachkompott: Kochbücher für die vegetarische Küche boomen. Allerdings locken sie häufig nicht nur mit Rezepten, sondern auch mit Anleitungen für ein sinnvolles Leben.
ANZEIGE

Nichts trennt Menschen so strikt voneinander wie das Essen. Das mutet paradox an, da sich jeder von etwas ernähren muss, um zu überleben, doch schon Georg Simmel hat in seiner „Soziologie der Mahlzeit“ auf einen einfachen Umstand hingewiesen: „Was ich denke, kann ich andere wissen lassen; was ich sehe, kann ich sie sehen lassen; was ich rede, können Hunderte hören – aber was der einzelne isst, kann unter keinen Umständen ein anderer essen.“ Hinzu kommt, dass sich die Palette an Ernährungstrends immer weiter verfeinert: von Superfood und Rohkost über Smoothies und Infused Water bis hin zu Paleo und Clean Eating. Zu jeder Mode erscheinen Bücher, die, obwohl sie demselben Genre angehören, so wenig miteinander zu tun haben, dass sie separate Nischen bilden. Deren Autoren kochen gewissermaßen ihr eigenes Süppchen und müssen sich mit der Konkurrenz nicht mehr auseinandersetzen. Dissens wird in der Kulinaristik durch Spezialisierung unterdrückt.

ANZEIGE

Dennoch gibt es eine Sparte von Kochbüchern, die gleichsam über sich selbst hinauswachsen möchte, indem sie Rezepte mit Lebensphilosophie kombiniert. Verantwortungsvolle Nahrungsaufnahme, daran lassen viele lukullische Fibeln keinen Zweifel, bedarf einer Haltung zu Tier- und Wirtschaftsethik, Selbstoptimierung und ökologischer Landwirtschaft. Das „Nichts Wegwerfen“-Kochbuch von Patrick Jaros und Günter Beer aus dem Jahr 2007 trägt sein Programm genauso im Titel wie Sophia Hoffmanns 2019 erschienene „Zero-Waste-Küche“. In „Für immer zuckerfrei“ (2018) verrät Anastasia Zampounidis ihre „Glücksrezepte“, während die Ernährungsberaterin Lynn Hoefer wiederholt aufs große Ganze setzt und dabei spendabel mit Selbstzitaten umgeht. Vor zwei Jahren veröffentlichte sie das Brevier „Himmlisch gesund: Natürliche Rezepte für ein gutes Leben“, gerade hat sie mit „Einfach himmlisch gesund: Natürliche und schnelle Rezepte für das echte Leben“ nachgelegt. Diese Bücher zeigen, dass eine der berühmtesten Sentenzen Brechts schlecht gealtert ist, denn mittlerweile gilt: Erst kommt die Moral, dann kommt das Fressen.

Testen Sie unser Angebot.
Jetzt weiterlesen.
Testen Sie unsere Angebote.
F.A.Z. PLUS:

  FAZ.NET komplett

Diese und viele weitere Artikel lesen Sie exklusiv mit F+
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE