FAZ plus ArtikelKörperverständnis und -politik

Wie sähe eine Welt aus, in der körperliche Risiken gerecht verteilt wären?

Von Karin Harrasser
19.10.2021
, 13:59
Glücksmoment: Kind unter einem Wasserstrahl im Freibad
Pandemien, soziale Ungleichheit und der Klimawandel bedrohen unsere körperliche Integrität. Den Luxus, unsere Körper besser zu schützen oder zu trainieren, können sich viele Menschen nicht leisten. Ein Gastbeitrag.
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An heißen Sommertagen gehe ich gern in ein städtisches Schwimmbad. Ich mag die Atmosphäre: das Kindergeschrei, die Mischung aus Chlor- und Pommesgeruch, die, trotz sich ändernder Medienumwelten und Smartphones, relativ gleichbleibenden Annäherungsspiele der Jugendlichen am und im Becken. Am schönsten – und gleichzeitig postcoronabedingt etwas beunruhigend – ist, dass es nach wie vor eine so große Vielfalt an Körpern gibt, die einem mitunter sehr nahe kommen. So eine Vielfalt ist selten geworden, organisieren sich berufliche und private Milieus doch über den sozialen Status, über Klasse, und damit: über bestimmte Körpernormen. Städtische Bäder sind Orte, an denen es nach wie vor recht gemischt zugeht, Orte, an denen der Beamte aus dem Wirtschaftsministerium samt Gattin ebenso gesehen wird wie die polnische Raumpflegerin, die die Wohnung des Akademikerpaars für wenig Geld putzt. Bierbäuche und Sixpacks, faltige Oberarme und perfekte Busen, Seite an Seite und durcheinander.

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Gestern habe ich in so einer Badeanstalt einen spindeldürren Jungen beobachtet. Er mag etwa acht Jahre alt gewesen sein und stand endlos lange unter der Dusche. Mit geschlossenen Augen lächelte er selig, während er eigenhändig den Guss aus Kälte oder Wärme regelte. Mal bibberte er grinsend, dann zuckte er ob zu heißen Wassers zurück. Das ging noch so weiter, als ich längst mit dem Schwimmen fertig war. Nichts konnte ihn ablenken. Nicht die tobenden Gleichaltrigen, nicht der Vater, der der Meinung war, er habe lange genug geduscht. Dieses Kind war glücklich, sich den kontrastierenden Hautreizen aussetzen zu dürfen. Und: sie im Griff zu haben.

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Quelle: F.A.Z. Quarterly
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