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Gergiev und Putin

Der Dirigent und der Diktator

Von Jan Brachmann
25.02.2022
, 22:06
Valery Gergiev am 22. Februar 2022 in der Alten Oper Frankfurt. Er dirigierte die Wiener Philharmoniker. Bild: Tibor Pluto
Der Dirigent Valery Gergiev wird genötigt, zu Putin Stellung zu nehmen. Aber kann er sich eine Distanzierung überhaupt leisten?

In der Welt der Sozialen Medien wird auf den Dirigenten Valery Gergiev schon scharf geschossen: „CancelGergiev“ lautet ein aktueller Hashtag auf Twitter, unter dem die Absage aller Opern- und Konzertengagements für den russischen Staatsbürger ossetischer Herkunft im Ausland gefordert wird. Als Sieg verbucht man bereits, dass sowohl Gergiev als auch der Pianist Denis Matsuev ihre Mitwirkung bei einer Reihe von Konzerten der Wiener Philharmoniker, darunter in der New Yorker Carnegie Hall, abgesagt haben.

In der Welt der Kulturpolitik geht man noch nicht ganz so weit, gleichwohl ist auch hier die Zeit der Ultimaten angebrochen. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ließ am Freitag verlauten: „Ich habe gegenüber Valery Gergiev meine Haltung klargemacht und ihn aufgefordert, sich ebenfalls eindeutig und unmissverständlich von dem brutalen Angriffskrieg zu distanzieren, den Putin gegen die Ukraine und nun insbesondere auch gegen unsere Partnerstadt Kiew führt.“ Bis Montag habe er dem Chef der Münchner Philharmoniker Zeit gegeben, sich zu positionieren. Sonst könne Gergiev „nicht länger Chefdirigent unserer Philharmoniker bleiben“.

Tags zuvor hatte Mailands Bürgermeister Beppe Sala in Abstimmung mit dem Intendanten der Mailänder Scala, Dominique Meyer, erklärt: „Wir bitten den russischen Maestro, klare Position gegen die russische Invasion zu beziehen. Tut er das nicht, sind wir gezwungen, diese Zusammenarbeit aufzugeben.“ Man verlangt gar eine schriftliche Erklärung von ihm „zugunsten einer friedlichen Konfliktlösung“.

Von Putin mit Geld überhäuft

Solche Forderungen sind verständlich zum einen aus dem Impuls der Kulturveranstalter heraus, in einem politischen Konflikt Stellung zu beziehen, ohne auf den Konflikt selbst wirkungsvoll Einfluss nehmen zu können. Sie sind auch verständlich aus dem bisherigen Verhalten Gergievs heraus: Er ist als Anhänger Wladimir Putins lautstark geworden. Im Georgien-Konflikt 2008 unterstützte er vehement die russische Sicht der Dinge, 2014 unterschrieb er einen offenen Brief, der die Annexion der Krim guthieß; auch das russische Gesetz zum Verbot der „Propaganda für nichttraditionelle sexuelle Beziehungen“ hieß Gergiev offiziell gut.

Nun darf man aber fragen, was die Akteure, die Gergiev ein Ultimatum stellen, von seinen Erklärungen erwarten. Der Dirigent ist, wie wenige Künstler sonst, ein Exponent russischer Kulturpolitik. Er saß im Rat für Kultur und die Künste im Kreml. Und schon die Einladung dorthin abzulehnen, hätte für seine Laufbahn vermutlich unangenehme Folgen gehabt. Gergiev wird von Putin mit Geld überhäuft. Er profitiert davon auch privat; doch zugleich hat er in Wladikawkas und in Wladiwostok Opern-Filialen seines Sankt Petersburger Mariinsky-Theaters errichten lassen, finanzierte mehrere Musikfestivals im Land, setzt sich regelmäßig mit Nachdruck für Chöre und Kinderchöre sowie die musikalische Nachwuchsförderung ein. Er treibt also einen Handel: Geld gegen politische Ergebenheit. Frei reden kann er in seinen offiziellen Erklärungen viel weniger als die Sopranistin Anna Netrebko, die im Oktober ihren fünfzigsten Geburtstag im Kreml feierte mit einer vierstündigen Gala samt Laudatio von Putin, die im Fernsehen übertragen wurde. Netrebko trägt kaum kulturpolitische Verantwortung für Opernhäuser, Orchester und Festivals und damit für viele Hundert Menschen. Sie liefert ihre Ergebenheit gleichsam gratis, Gergiev nicht.

Berühmt geworden ist der Vorfall, als der Journalist und Komponist Nicolas Nabokov im März 1949 bei einer Pressekonferenz in New York den Komponisten Dmitri Schostakowitsch fragte, ob er denn das stalinistische Verbot der Musik Igor Strawinskys in seinem Heimatland, der Sowjetunion, gutheiße. Schostakowitsch war in diesem Moment öffentlich gezwungen, Stalin zu unterstützen. Andernfalls hätte er umgehend den Antrag auf politisches Asyl in den Vereinigten Staaten stellen müssen. Über Jahrzehnte hinweg galt er fortan als parteitreuer Künstler, bis man nach Veröffentlichung von Solomon Wolkows Interviewbuch „Zeugenaussage“, dessen authentischer Dokumentarcharakter bis heute umstritten ist, eine Umwertung von Schostakowitschs Werk vornahm und heute in jedem Takt den Dissidenten hört. Julian Barnes’ Roman „Der Lärm der Zeit“ hat diese Sicht der Dinge nochmals popularisiert, so sehr, dass der amerikanische Musikwissenschaftler Richard Taruskin sich genötigt sah, vor der Verwechslung von Fiktion und Fakten zu warnen. Viel wahrscheinlicher sei, so Taruskin, dass Schostakowitsch mit seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ die Kulakenmorde und den Genozid Stalins an den Ukrainern durch den Holodomor habe politisch stützen wollen und überrascht war, dass Stalin das nicht anerkannte. Jedenfalls solle man das Dissidententum Schostakowitschs nicht eindimensional betrachten, Opportunismus habe immer dazugehört.

Wenn Gergiev sich jetzt politisch vor dem Westen erklären muss, steckt er in einer ähnlichen Situation. Distanziert er sich von Putin und dessen verbrecherischem Krieg gegen die Ukraine, wird er seine Karriere nur außerhalb Russlands fortsetzen, womöglich sogar um sein Leben fürchten, in jedem Fall in seiner Heimat alles aufgeben müssen, was er dort in den letzten drei Jahrzehnten aufgebaut hat. Tut er es nicht, wird man ihn in Westeuropa – vielleicht mit Ausnahme der Schweiz – moralisch wie einen Wirtschaftsoligarchen behandeln und auf eine kulturelle Sanktionsliste setzen. Ein Plädoyer für diesen Krieg, wie erzwungen auch immer, wäre untragbar.

Wie aber Gergiev wirklich zu Putin und dessen Krieg steht, wird man zum jetzigen Zeitpunkt dadurch nicht erfahren.Vielleicht erzählt in fünfzig Jahren ein Roman Glaubwürdigeres über den Lärm unserer Zeit.

Quelle: F.A.Z.
Jan Brachmann
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