Rassenunruhen in Amerika

Mein Land, zerrissen und in Flammen

Von William Collins Donahue
03.06.2020
, 15:54
Vor mehr als fünfzig Jahren sah ich als Kind Detroit brennen. Jetzt brennt das Land wieder. Was werden meine Kinder einst über die Gegenwart denken, und wie wird dann ihre Zukunft aussehen?

Ausnahmsweise durften wir beim Abendessen fernsehen. Meine Mutter stellte „Fernsehtische“ vor dem Schwarzweißgerät in unserem kleinen Wohnzimmer auf, das in einem Nullachtfünfzehn-Vorort namens East Detroit lag: fast identische Häuser, so weit das Auge reichte, nach dem Krieg für die Arbeiter von Amerikas „Motor City“ gebaut. Sie machte uns „swanky franks“ (Hot Dogs mit Käse überbacken), die etwas zu lang im Ofen blieben. Während der noch qualmte, stand sie wie angewurzelt und mit Tränen in den Augen vorm Fernseher. An diesem heißen Juliabend 1967 aßen wir still und sahen zu, wie die Stadt ihrer Kindheit und Jugend brannte.

Ich war sieben, und ich werde nie die Bilder von Panzern in brennenden Straßen vergessen, die Sirenen, die Geräusche der Tränengasgranaten, die aus dem Off hörbaren Schreie. Es war ein Chaos, wie wir es in meiner segregierten Heimatstadt noch nie erlebt hatten: Mit 43 Toten und mehr als 1200 Verletzten war es der bislang blutigste Aufstand der amerikanischen Geschichte, bis zu den Rassenunruhen in Los Angeles 1992. Bis heute hat sich die Stadt nicht völlig erholt. Ganze Straßenblocks verschwanden, viele Gebäude wurden dem jahrzehntelangen Verfall überlassen.

Meine damals einzigen vergleichbaren Eindrücke stammten aus fernen Dschungeln in Vietnam – diese hier kamen aus einer nur wenige Meilen entfernten Stadt, in der meine Großmutter lebte. Ich weiß nicht, was mich mehr verängstigte: die physische Gewalt oder dass ich plötzlich meine Eltern, Lebensanker und Autoritätsfiguren, so verängstigt sah. Nach den Aufständen fuhren wir weiterhin manchmal nach Detroit, zu Baseballspielen oder am St. Patrick’s Day, aber die Angst ging nie mehr weg. Auch wenn wir Antidiskriminierungsmaßnahmen und die Desegregation per Schulbus erlebten, waren wir letztlich segregiert – und blieben es auch in unserem Bewusstsein, selbst wenn wir mit Schwarzen zusammentrafen.

Was wurde aus Johnsons „Great Society“?

Heute steht mein Land wieder in Flammen, und wieder sehe ich das alles im Fernsehen. Und wieder ist es im Grunde dieselbe Geschichte wie in Detroit vor mehr als fünfzig Jahren: weiße Polizisten, die brutal auf schwarze Männer losgehen. Am 25. Mai wurde George Floyd, der angeblich Zigaretten mit Falschgeld bezahlen wollte, von der Polizei in Minneapolis getötet. Manche allzu vorsichtigen Reporter bevorzugen noch immer die Formulierung „starb in Polizeigewahrsam“, aber die Dokumentation mit mehreren Video-Quellen in der „New York Times“ zeigt deutlich, dass er ermordet wurde.

Wie viele weiße Amerikaner habe ich mich jahrelang mit der Vorstellung von einem allmählichen Fortschritt getröstet. Ja, es gibt noch viel zu tun, aber Lyndon Johnsons „Great Society“, das Wahlrechtsgesetz von 1965 und andere Bürgerrechtsgesetze haben nicht nur einen Kompass, sondern einen Fahrplan zu wenigstens etwas Rassengerechtigkeit geschaffen. Wir waren auf dem richtigen Weg. Das Konzept der „affirmative action“ in der Arbeitswelt und im Bildungswesen führte zu dauerhaften Verbesserungen.

Mit einem Zitat von Martin Luther King, der dieses wiederum von einem Geistlichen des neunzehnten Jahrhunderts geliehen hatte, sagte Präsident Obama gern: „Der Bogen des moralischen Universums ist weit geschwungen, aber er neigt sich zur Gerechtigkeit.“ Daran habe auch ich viel zu lange geglaubt.

Als ich vor fünfzehn Jahre eine Stelle an der Duke University annahm, stand auf der Leseliste für Erstsemester an der benachbarten Universität von North Carolina Timothy Tysons Memoir „Blood Done Sign My Name“. Es schildert, wie der 23 Jahre alte schwarze Veteran Henry Marrow 1970 von drei Weißen ermordet wurde. Auch wenn er durch Schüsse starb, war es im Grunde ein Lynchmord. Die Täter wurden von einer weißen Jury freigesprochen. Es war ein Buch zur Bewusstseinsbildung, das viele Preise gewann und viel Aufmerksamkeit erregte.

Wann endet die Jim-Crow-Zeit?

Was viele weiße Leser und auch mich überraschte, war der Zeitpunkt des Mordes, 1970. Moment mal, dachten wir – sollten wir nicht längst über solche Verbrechen aus dem amerikanischen Süden der Jim-Crow-Gesetze hinaus sein? Das passte nicht zur Chronologie der Heilung solcher Wunden, an die ich glaubte und die man uns in der Schule gelehrt hatte. Und dann die Nähe dieses Verbrechens: Es hatte sich nur 35 Meilen entfernt von meinem paradiesischen neugotischen Campus ereignet. Nicht, dass der Kampf um Bürgerrechte mir unvertraut gewesen wäre oder im Lehrplan nicht vorgekommen wäre – aber er war immer eingebettet gewesen in eine ermutigende Darstellung des Fortschritts, so dass die Anwendung des Begriffs „Apartheid“ auf den amerikanischen Süden für mich eine Offenbarung war: ein peinliches Eingeständnis für jemanden, der sich da bereits im mittleren Alter, in der Mitte seiner Karriere befand und Zugang zu exzellenter Bildung hatte.

In den Vereinigten Staaten ist Gewalt gegen Schwarze so weit verbreitet und dominiert derart den Diskurs, dass man unmöglich weiter der Erzählung von allmählich entstehender Rassengerechtigkeit glauben kann, mit der ich aufgewachsen bin. George Floyds verzweifelte letzte Worte, dass er einfach nicht atmen kann, waren fast genau dieselben wie jene Eric Garners, den 2014 ein weißer Polizist in New York auf dieselbe Weise tötete: im Würgegriff. Dann die Erschossenen Ahmaud Arbery und Breonna Taylor: Die Liste wird länger und länger. Rassistische Morde sind so alltäglich geworden, dass sie im Nachrichtengeschäft traurigen „Evergreen“-Status erreicht haben. Dieser Anstieg der Gewalt gegen Schwarze ist meinen schwarzen Mitbürgern freilich nicht entgangen. Sie brauchten kein Buch zur Bewusstseinsbildung von Tim Tyson. Nichts davon ist ihnen neu. Sie hatten nicht den Luxus, sich in einen Kokon von Fortschritts-Fabeln zu hüllen.

Videotechnik hat es leichter gemacht, diese schreckliche Geschichte glaubwürdig und eindringlich zu erzählen. Viel klarer sieht man nun, wie Polizeiberichte zum Schutz der Polizisten manipuliert werden. Und viele sehen, dass die Rechtsauffassung der „qualifizierten Immunität“, die seit Jahrzehnten die Polizei schützt, überholt sein könnte. Zur Veränderung brauchte es ein engagiertes Justizministerium, das sich tatsächlich um Gerechtigkeit kümmert, und einen Präsidenten, der kein Rassist ist.

Jüngst lasen wir in der „New York Times“ vom asymmetrischen Einsatz der Polizeikräfte in unserem Land, bei dem ältere, weiße und rechte Demonstranten viel respektvoller und sanfter behandelt werden als jüngere Menschen, einschließlich farbige, die gegen den Mord an Floyd und Polizeigewalt protestieren. Der Präsident selbst hat gerade die Polizeigewalt voll ausgenutzt, um eine friedliche Menge zu zerstreuen, damit er sich für einen Medienauftritt inszenieren konnte. Dieser Präsident, der sich nie um die Feinheiten der Demokratie gekümmert hat, droht nun, das Militär gegen amerikanische Bürger einzusetzen.

Während ich dies schreibe, gehen die Proteste hier und auf der ganzen Welt weiter, auch in Berlin. Ich bin zutiefst dankbar für diese Solidarität. Sie müssen jetzt mehr denn je die Demokratie in Amerika unterstützen. Bitte geben Sie uns nicht auf.

Ich hoffe, dass die Proteste nicht zu weiteren Plünderungen, zur Zerstörung von Eigentum und zu aggressiveren Polizeieinsätzen führen, sondern vielmehr zu politischen Veränderungen – zu solchen Vereinigten Staaten, in denen meine Kinder in fünfzig Jahren keine Wiederholung derselben Szene erleben müssen, so wie ich es gerade muss.

Wenn sie über die krassen Bilder dieser Proteste von 2020 nachdenken – sowohl gewalttätige wie auch friedliche –, hoffe ich, sie werden es besser machen und über Verwirrung, Angst und nicht eingestandenes Selbstmitleid hinauskommen. Es genügt nicht, zu weinen und zu zittern. Denn Angst schürt nicht nur Rassismus, sie veranlasst auch weiße Liberale wie mich, an einfache Mythen über den Bogen eines moralischen Universums zu glauben, der sich in Richtung einer Gerechtigkeit neige, die gegenwärtig noch nicht einmal am Horizont ist.

William Collins Donahue ist Professor für Literaturwissenschaft an der Universität von Notre Dame, Indiana.

Aus dem Englischen von Jan Wiele.

Quelle: F.A.Z.
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