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Anthropozän

War’s das, Holozän?

Von Petra Ahne
21.05.2022
, 20:25
Forschungsstation an der Entnahmestelle des Palmer-Bohrkerns auf der Eisdecke der Antarktischen Halbinsel – ein Kandidat für den „Golden Spike“. Bild: Giulia Bruno und Armin Linke für das Haus der Kulturen der Welt, Berlin (2020 – 2022)
An welchem Ort ließe sich der Übergang ins Anthropozän stratigraphisch ablesen? Im Berliner HKW wird die Shortlist für den „Golden Spike“ präsentiert – und die Diskussion um eine neue Erdepoche geht in die heiße Phase.
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Es ist dunkel und leer auf dem Grund des Gotlandbeckens in der Ostsee, es gibt kaum Sauerstoff dort unten, in 240 Meter Tiefe. Was es gibt, ist ein weder von Lebewesen durchwühlter noch von Strömungen verwirbelter Meeresboden, der bewahrt, was im Laufe der Jahre auf ihn herabsinkt. Ein Chronist dessen, was sich viel weiter oben, über der Wasseroberfläche, abgespielt hat und in den vergangenen Dekaden vor allem mit dem Menschen zu tun hatte. Im Bohrkern, der im Östlichen Gotlandbecken entnommen wurde, sind in den Schichten seit 1950 konserviert: DDT-Pestizide, Blei, Kohlenstoff, radioaktive Nuklide, Mikroplastik, Flugasche.

Neben einem Foto des Bohrkerns hängt im Haus der Kulturen der Welt (HKW) eines von einem Labortisch mit vielen Gläsern, Flaschen, Röhren. „Sieht chaotisch aus, aber für mich macht das alles Sinn!“ steht quer darüber: der Kommentar eines Mitglieds des Forschungsteams zu seinem Arbeitsplatz.

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Ein Brocken Eis, ein Häufchen Torf

Es geht in der Ausstellung „Earth Indices. Die Verarbeitung des Anthropozäns“, die seit Freitag und noch bis 19. Oktober zu sehen ist, nicht nur darum, die Orte vorzustellen, die sich wie das Gotlandbecken als geologische Marker für eine neue Erdepoche namens Anthropozän qualifiziert haben, sondern darum, die wissenschaftliche Arbeit zu thematisieren, die dieses Neubenennungs-Vorhaben begleitet. Es braucht viele hochtechnologische Schritte, bis aus einem Brocken Eis aus der Antarktis oder einem Häufchen Torf aus einem Moor in Polen die anthropogenen Spuren isoliert sind, die die Internationale Kommission für Stratigraphie bewegen könnten, das Holozän offiziell enden zu lassen.

Der seit 2009 dauernde Prozess tritt nun in seine heiße Phase: Am Mittwoch und Donnerstag berieten die Mitglieder der Anthropocene Working Group im HKW über die zwölf Kandidaten für den „Golden Spike“, jenen Ort, an dem sich der Übergang in die neue Erdepoche stratigraphisch ablesen lässt. (F.A.Z. vom 18.Mai).

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Eine den Planeten verändernde Kraft

Vergrößerung des Dünnschliffs eines Stalagmiten aus der Ernesto-Höhle im italienischen Trentino – ein „Golden Spike“-Kandidat. Das dicke braune Band markiert das Ende der „Kleinen Eiszeit“ um 1860. Bild: Giulia Bruno und Armin Linke für das Haus Der Kulturen Der Welt, Berlin (2020 – 2022

Während die Geologen, Erdsystemwissenschaftler, Ökologen und Archäologen im Vortragssaal diskutierten, wurde also nebenan im Foyer eine Ausstellung aufgebaut, die den Gegenstand dieser Diskussion zeigt und, indem sie die Arbeitsweise der Wissenschaft selbst im Fokus hat, eine Metaebene einzieht. Die Feststellung, dass der Mensch inzwischen eine den Planeten verändernden Kraft ist, berührt auch das Selbstverständnis der Naturwissenschaft, zu dem gehört, vor dem Hintergrund eines unveränderbaren Erdsystems dieses zu erforschen. Nun stellt sich heraus: Es gibt auf der Erde kaum einen biologischen, biochemischen, geologischen Prozess mehr, der nicht vom Menschen beeinflusst wäre.

Möglich wurde dies durch Technologien, die die Wissenschaft hervorgebracht hat. Die Ausstellung hält also einen historischen Moment fest: Forscher tragen mit ihrer Arbeit zu einer Diagnose bei, die die eigene Disziplin nicht unberührt lassen kann, und deren Weichen in der eigenen Lebenszeit gestellt wurden.

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Einig ist man sich mittlerweile darin, den Beginn des Anthropozäns auf die Fünfzigerjahre zu datieren, den Zeitpunkt, zu dem die als „Great Acceleration“ bekannt gewordenen Diagramme einen steilen Kurvenverlauf nach oben zeigen. Es ist der Beginn der westlichen Konsumgesellschaft – und damit der Prozesse, die das Erdsystem nun destabilisieren. Dass der Mensch die klimatischen Bedingungen verändert, die die Zivilisation erst haben entstehen lassen, ist nur einer davon.

Zwei Jahre lang standen die Künstler Giulia Bruno und Armin Linke, die die Ausstellung konzipiert haben, im Austausch mit den Forschern, die im Auftrag der Anthropocene Working Group die zwölf Bohrkerne untersuchten, baten sie um Bilder von der Entnahme der Proben, und deren Zerlegung, um Kommentare zu den Fotos und um die Metadaten zu den Untersuchungen. Letztere sind den Fotos als grafisch strenge und wortkarge Indexkarten beigegeben, aus denen man spärliche Informationen zu Forschungsstandort, den beteiligten Institutionen und den verwendeten technischen Geräten herausliest.

Alle Wissenssysteme sind betroffen

Es ist ein ästhetisch geschlossenes, zugleich aber ausschließendes System: Wer von der Suche nach dem „Golden Spike“ nur beiläufig gehört hat, dürfte nur schwer Zugang finden. „Earth Indices“ versteht sich weniger als Dokumentation denn als künstlerisch-ästhetischer Kommentar – und somit als Beitrag zu jenem interdisziplinären Diskurs, den das HKW befeuern möchte.

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Seit 2013 hat sich das Haus zu einer Art Anthropozän-Schaltstelle entwickelt. Damals startete das zunächst auf zwei Jahre angelegte „Anthropozän-Projekt“. HKW-Intendant Bernd Scherer spürte richtigerweise, dass in der noch recht jungen These, es sei eine „Menschenzeit“ angebrochen, tiefgreifende und Selbstverständlichkeiten erschütternde Implikationen stecken, die fächerübergreifend diskutiert und erfasst werden müssen: Wenn die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur hinfällig wird, weil Menschheits- und Erdgeschichte eins geworden sind, hat das Auswirkungen auf alle Wissenssysteme, auch auf Geistes- und Sozialwissenschaften. Diese Überlegungen hat das HKW beständig vorangetrieben, zusammen mit Institutionen wie dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte.

Nun könnte das HKW sogar zum Geburtshelfer des Anthropozän werden. Weil die Anthropocene Working Group die finanziellen Möglichkeiten nicht hatte, die protokollarisch verlangten Bohrkerne an verschiedenen Orten der Welt zu entnehmen und zu untersuchen – was auch mit der unter Geologen durchaus verbreiteten Ablehnung der Anthropozän-Idee zu tun haben könnte – kümmerte sich Bernd Scherer um die Beschaffung der Mittel und sicherte sich im Gegenzug die Möglichkeit, den Prozess in seinem Haus zu begleiten. Bis Sonntag wird dort öffentlich und bei freiem Eintritt über das Anthropozän diskutiert, von und mit Fachleuten verschiedenster Disziplinen.

Wie packend und zugänglich sich die Arbeit der Geologen erzählen lässt, zeigte sich am Donnerstagabend, als Forscher die Arbeit an „ihren“ Bohrkernen vorstellten. Einmal wanderte ein Stück Eis durchs Publikum, aus einem antarktischen Gletscher gedrillt und 150 Jahre alt. Andächtig wurde es weitergereicht, mit schmelzwassernassen Fingern fotografiert und vor allem ans Ohr gehalten. Ein unablässiges zartes Knacken – Luft entwich, aus der Zeit, als Tausende Kilometer von der Antarktis entfernt die Industrialisierung Fahrt aufnahm. Und das, was der Mensch vermag, vor allem noch Hoffnung war.

Quelle: F.A.Z.
Petra Ahne
Redakteurin im Feuilleton.
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