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Zukunft des Urlaubs

Der letzte Sommer der Utopie

Von Valentin Groebner
Aktualisiert am 29.06.2020
 - 19:43
Der Sprung in die Freiheit.
Wir wissen nicht mehr, was in zwei Wochen sein wird. Strikte Regeln müssen uns schützen. Könnte es sein, dass die intensive Beschwörung des Sommers eine Kränkung wiedergutmachen soll, die mit dem Virus verbunden ist? Ein Gastbeitrag.

Geht es ohne Sommer? Natürlich nicht. Denn Sommer ist keine Jahreszeit. Sondern die Chiffre für Erholung, Genießen und Ferien. Sommer ist die Kurzformel für Urlaub als die große Wiedergutmachung, die einem zusteht. Und der ist am Beginn des 21. Jahrhunderts die letzte große private Utopie: das Territorium der Freiheit, für zweimal drei Wochen im Jahr.

Sommer ist also die erlösende Zukunft. Deswegen die Bestürzung, als in Deutschland am 12. April 2020 – immerhin Ostersonntag, also Wiederauferstehung des Herrn – die EU-Kommissionspräsidentin offiziell davor warnte, Sommerferien zu buchen. Niemand könne wissen, wie die Lage im Juli oder August aussehen werde.

Danach war die Frage nach dem Sommer in den deutschen Medien der Dauerbrenner schlechthin, gemischt mit Ermahnungen, ihn doch bitte daheim verbringen. Also nur Hiddensee, Amrum, Bayrischer Wald? Oder würde es ihn doch geben, den „Korridor in den Süden“? (Das stand da wirklich.)

Sehnsucht nach Urlaub

Die Überschriften trompeteten von „Hoffnung“ und „Sehnsucht“, und der „Spiegel“ machte Anfang Mai mit der Zeichnung einer unglücklichen Kleinfamilie am Strand mit Schutzmasken auf der Titelseite auf. „Wo wir im Sommer Urlaub machen können – und was aus unseren Lieblingsländern wird.“

Unseren, wohlgemerkt. Denn Sommerurlaub, konnte man darunter nachlesen, ist nationaler Durchmarsch. Von den Ferien der Spanier, Österreicher oder Italiener war keine Rede. „Mittlerweile“, verkündeten die Autoren stolz, „geht es nirgendwo mehr ohne die Deutschen“.

Deren Feriensommer ist offensichtlich Errungenschaft, Aufgabe und Vorrecht in einem; ein großes „Wir“ in Badehosen. Komisch. Hatte nicht dasselbe Nachrichtenmagazin im August 2018 seine Titelgeschichte dem overtourism gewidmet? Überschrift: „Das verlorene Paradies. Wie der Reisende das zerstört, was er liebt.“

Reden von den Ferien handelt gewöhnlich von den Erinnerungen, vom Eislutscher, dem Strand, dem Glück von früher. In Wirklichkeit beruhen Ferien auf dem genauen Gegenteil: dem Vergessen. Zum Beispiel der Medienberichte von 2017, 2018, 2019 über überfüllte Städte, Strände und Berge, von Berlin und Venedig bis Südtirol und Mallorca.

Was sucht man eigentlich in den Ferien?

Was hatten die fast eineinhalb Milliarden Menschen eigentlich gesucht, die sich im vergangenen Jahr weltweit auf die Suche nach dem gelungenen Urlaub gemacht hatten, nach der Auszeit, der Wiedergutmachung des eigenen Lebens durch Reisen?

Ferien sind das Versprechen, dass man Veränderung und Überraschung bestellen könne, als unfehlbare Anti-Überdruss-Maßnahme gegen den eigenen Alltag. So richtig funktioniert das aber nur in der Theorie. In der Praxis bin ich häufig mit Überdruss am Anti-Überdruss zurückgekommen.

Reisen war schon lange vor Covid-19 eine sehr postromantische Angelegenheit. Aber kaum waren in der Krise alle Grenzen geschlossen worden, schon war sie wieder da, die Sehnsucht. Ein Artikel bei „Spiegel Online“ schilderte am 15. März, fünf Tage nach der Verhängung der Ausgangssperre für ganz Italien, wie menschenleer und charmant Rom jetzt sei.

„Keine Autos mehr, nur gelegentlich die Hubschrauber über den Dächern und die Möwen.“ So geht Tourismus: die ästhetische Erfüllung im Anderswo, die du wieder nicht erreicht haben wirst, weil sie nur in deiner Abwesenheit stattgefunden hat.

Hinterher wissen wir es dann natürlich immer besser. Hinterher sind wir überzeugt, dass wir es geahnt, gespürt und kommen gesehen haben. Dass es ja nicht so weitergehen konnte mit dem ungebremstem Wachstum, der Hektik, dem Massentourismus.

Ästhetische Erfüllung im Anderswo

Die Psychologie nennt das den „hindsight bias“, den Rückschaufehler. Weil Menschen gerne Recht behalten, sind sie im Nachhinein von ihrer eigenen Fähigkeit zur korrekten Vorhersage überzeugt – und organisieren ihre Erinnerung dementsprechend. Der Rest lässt sich in den Handbüchern der Kognitionswissenschaft nachlesen.

Dort findet man auch den Cousin des Rückschaufehlers. Er heißt englisch „self-serving bias“: Menschen neigen dazu, ihre Erfolge (und Privilegien) ihren eigenen besonderen Fähigkeiten zuzuschreiben, ihre Misserfolge aber Zufällen und äußeren Ursachen. So bleibt ihr Selbstbild stabil – und ihre imaginierte Gruppenzugehörigkeit auch.

Deswegen sind die Deutschen so fest überzeugt davon, dass sie ihn sich doch verdient haben, ihren kostbaren Urlaub. Weil sie doch so fleißig seien. Nur ist das ein Irrtum, wenn man sich die einschlägigen Statistiken ansieht. Diejenigen Länder, die in Europa die meisten Touristen stellen, sind diejenigen, in denen am wenigsten lang gearbeitet wird.

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Maas: Reisewarnungen enden
„Genießen Sie Ihren Sommerurlaub“

Die tatsächliche Lebensarbeitszeit ist in Griechenland, Spanien und Italien, klassischen Touristendestinationen, deutlich länger als in Deutschland und der Schweiz. Die Arbeitnehmer dort haben deutlich kürzere Ferien und verdienen im Schnitt auch sehr viel weniger. Bei überseeischen Destinationen wie Thailand oder Sri Lanka ist das Verhältnis noch extremer.

Was Touristen nicht wissen wollen

Als Touristen wollen wir das lieber nicht so genau wissen. Lieber kommen wir uns als schutzbedürftige Opfer der aktuellen Krise vor; und als brave Kinder, die sich jetzt aber ihre Belohnung verdient haben. Der Feriensommer ist jenes ökonomische Privileg, das wohlhabende Europäer am liebsten mit Selbstverwirklichung verwechseln.

Urlaub als Massenphänomen ist möglich geworden durch ökonomische und technische Veränderungen, die Reisen im Vergleich zu Lebenshaltungskosten und Löhnen radikal verbilligt haben. Die meisten Urlauber sehen sich aber viel lieber als romantisch, frei und ungebunden – auch wenn sie in Wirklichkeit Kundinnen und Kunden smarter Serviceunternehmen sind.

Und die verkaufen fiktionale Inszenierungen, die an den Glauben ihrer Kundinnen und Kunden an das Einzigartige und Unberührte appellieren. Bei 1,5 Milliarden Touristen weltweit im Jahr werden diese Geschichten allerdings zwangsläufig zu einer Art Märchenstunde für Erwachsene.

Die Branche hat zur Selbstinfantilisierung ohnehin ein inniges Verhältnis. Die Medienberichte der letzten drei Monate haben die banalsten Klischees vom Sommerglück am Strand und im Süden wiederholt, als ob es keine Wirklichkeit diesseits der Werbebilder gäbe.

Hang zur Selbstinfantilisierung

Wenn es um den Sommer geht, zeigen die immer Menschen unter 35 – glückliche Paare, Kinder, Kleinfamilien am Strand. Ältere wird man auf den Bildern der touristischen Traumziele vergeblich suchen. Die zahlungskräftigsten Touristen, wissen die Fachleute, sind die über 50. Aber das Sommerversprechen auf den Bildern heißt: Keine Alten außer mir.

Deswegen sind die Ziele des Traumsommers auch keine wirklich existierenden Städte, Berge oder Strände, sondern Drehorte für einen imaginierten Film, den ich dann dort werde aufführen können – mit mir in der Hauptrolle. Das Drehbuch habe ich mir nicht selber ausgedacht, sondern aus Filmen und Büchern übernommen.

Sommerferien sind das, was ein kluger Film „Inception“ genannt hat: die Übernahme fiktionaler Sequenzen anderer Leute ins Heimkino im eigenen Kopf. Deswegen will ich als Urlauber über mich selbst lieber nicht allzu viel wissen. Ich ziehe meine selbstgemachten Fiktionen über mich vor.

Die Angst, etwas verpasst zu haben

In den Ferien ist deswegen so viel von Vergnügen die Rede, weil sie vielleicht auf einem ganz anderen Gefühl basieren: auf der Angst, etwas bereits verpasst zu haben. Tourismus lässt sein Objekt nicht mehr los – nie mehr. Wenn ein Ort erst einmal zur touristischen Marke geworden ist, ist die offensichtlich unzerstörbar, egal wie monströs, übernutzt und banal das ursprünglich besondere Schöne geworden ist.

Man kann das in Venedig und Florenz ebenso besichtigen wie auf Sylt, in Garmisch und Berlin: Wenn viele Touristen kommen, passiert nichts Neues mehr an einem Ort – außer mehr Parkplätzen, mehr Souvenirläden und noch mehr Bildern von den immergleichen Wahrzeichen. Deswegen sahen die Touristenziele im April 2020 ohne Besucher auch so eigenartig unwirklich und unwirtlich aus: entleerte Spiegelbilder ihrer selbst.

Denn Fremdenverkehr ist eine wunderbar erfindungsreiche Dienstleistungsindustrie – aber ohne eigene Inhalte. Reiseanbieter verkaufen etwas, was ihnen nicht gehört: Landschaften, Stadtbilder und den damit verbundenen attraktiven öffentlichen Raum.

Sie ziehen Gewinn daraus, den Zugang zu etwas zu vermarkten, für das sie selbst nichts bezahlt haben. Und Touristen fühlen sich – im Gegensatz zu den Anwohnern – nicht für das verantwortlich, was am Ziel ihrer Wünsche nach ihrer Abreise geschieht.

Verkaufen, was einem nicht gehört

Tourismuskritiker dagegen machen sich es häufig sehr einfach, wenn sie von den zerstörerischen Wirkungen des globalen Fremdenverkehrs schreiben. Sie heben die eigene Opferrolle hervor, indem sie sich zum Sprachrohr der Erniedrigten und Geschädigten machen.

Gleichzeitig demonstrieren sie ihre eigene moralische Überlegenheit als Kritiker. Selbstviktimisierung plus Selbsterhöhung der Gruppe, in deren Namen man spricht, ist vermutlich einfach unwiderstehlich – das ist er wieder, de „self-serving bias“.

Könnte es sein, dass die intensive Beschwörung des Sommers in den letzten Wochen eine Kränkung wiedergutmachen soll, die mit dem Virus verbunden ist? In der Theorie war der freie Markt allmächtig gewesen. In der Wirklichkeit wurden verletzliche menschliche Körper aber nicht von Marktkräften, sondern von Institutionen beschützt; und die funktionieren nur dann halbwegs zuverlässig, wenn sie vom Staat betrieben, finanziert und beaufsichtigt wurden.

Noch eindrucksvoller war die flächendeckende Abschaffung der Nahzukunft. Was in zwei Wochen oder drei Monaten passieren würde, war seit Mitte März unzugänglich und unvorstellbar geworden.

Zwölf Prozent unserer Wachzeit, also gut zwei Stunden pro Tag, sagt die Psychologie, denken wir an Dinge, die erst noch geschehen werden. In unseren Köpfen sind wir Zukunftsbewohner und planen die Reise nach Irgendwann. Dieses Irgendwann wurde im Frühjahr 2020 offiziell geschlossen.

Auf dem Weg nach Irgendwann

Das Schönste am Sommer war gewesen, ihn planen zu können; das Versprechen, dass alle diese Mietautos, Hotelzimmer und Wellness-slots auf mich warten würden. Beim Planen waren nämlich auch die vielen anderen Touristen noch nicht da. Ferienmachen war das Versprechen auf Kontrolle. Ich konnte mir die Welt bestellen in ausgewählten kleinen Portionen meiner Wahl, oder wenigstens konnte ich mir das einbilden.

Mit Covid-19 war das vorbei. Sommerferien, so versichern mir die nimmermüden Anbieter, seien die Möglichkeit zur Veränderung, zu neuen Wahrnehmungen, neuen Perspektiven. Aber das ist self-serving fiction. Ferien sind die imaginäre Stillstellung der Zeit durch Bewegung ins Anderswo.

Reisen wird – wie das Pendeln zum weit entfernten Arbeitsplatz – gewöhnlich dazu eingesetzt, um Veränderungen zu verhindern. Deswegen sind die Sommerferien ja strenge Paar-, Eltern-, Familienpflicht. Ich fahre in den Urlaub, damit alles so bleibt, wie es ist. Nur sage ich Freiheit dazu.

Fremdenverkehr ist das, was die Sozialwissenschaft einen „Superreplikator“ nennt: Ferien machen auf eine Weise unzufrieden, gegen die nur mehr Ferien zu helfen scheinen. Und jetzt? Am Zürcher Flughafen steht am Ausgangs des Terminals A ein gelbes Leuchtschild mit einer sehr philosophischen Botschaft darauf. „No Way Back“.

Gegen Ferien helfen nur mehr Ferien

Die Vergangenheit, in der ich mich jeden Sommer erholen möchte, ist der Ort, den ich nie mehr erreichen werde. Aber aus dem, merkwürdigerweise, alle meine Ängste kommen. Wenn ich nur in den Sommerferien ich selber sein kann, aber dabei ständig Angst habe, etwas zu verpassen: Was passiert dann eigentlich, wenn ich es nicht tue?

Freiheit ist die Frage danach, was man selber tun möchte. Freiheit besteht deswegen zu einem beträchtlichen Teil im Unterlassen, im Verschlampen und Nicht-Handeln. Wenn das Wort überhaupt noch einen Sinn hat, dann ist Freiheit die selbst erteilte Erlaubnis, aus dem Sommerferienplan auszusteigen.

Veränderung beginnt mit Unterbrechung. Indem ich etwas unterlasse; indem ich erlaube, dass sich eine Lücke auftut. Gibt es wirklich nichts Besseres als den Urlaub?

Vor allem werde ich das Gefühl nicht los, dass ich in zukünftigen Ferien das Gefühl vom Frühjahr 2020 – den plötzlichen Leerraum, die Stille, diese Mischung aus Überraschung und Ungewissheit – werde versuchen wiederzubekommen. Für zwei Wochen im Jahr. Aber diesmal geplant. Damit ich es so richtig geniessen kann. Ob das geht?

Und apropos nationale Aufgabe: In Deutschland wurde in den letzten fünfzehn Jahren im Schnitt alle vier Tage ein Freibad geschlossen – für immer. Vermutlich über 1200 insgesamt; die genaue Zahl weiß niemand. Ist das auch die Zukunft des Sommers?

Valentin Groebner lehrt Geschichte an der Universität Luzern. Sein Buch „Ferienmüde“ erscheint am 30. Juni bei Wallstein/konstanz university press.

Quelle: F.A.S.
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