FAZ plus ArtikelEuropa und Amerika

Wir alten Vasallen

Von Klaus von Dohnanyi
23.06.2018
, 08:13
Angela Merkel und Donald Trump beim G-7-Gipfel in Kanada.
Im Verhältnis Europas zu Amerika muss sich einiges ändern. Emotionen helfen nicht weiter. Doch ohne Härte und Entschlossenheit geht es nicht. Ein Gastbeitrag.
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Die Welt ist in einem historischen sozialen und politischen Umbruch; und er wird, wie seit Menschengedenken immer, durch eine Revolution der Kommunikation verursacht und vorangetrieben. Kein Teil unserer Welt kann davon unberührt bleiben, auch die atlantische Gemeinschaft nicht. Nationale Interessen beginnen freundschaftliche Beziehungen zu verdrängen, und so befinden sich Europa und die Vereinigten Staaten auf dem Weg zu gefährlichen außen- und wirtschaftspolitischen Konflikten. Ein emotionaler Antiamerikanismus auf europäischer Seite wird gespiegelt von unverhohlener amerikanischer Missachtung des schwächlichen Partners: Europa und die Vereinigten Staaten, scheinbar über ein Jahrhundert hinweg Wertegemeinschaft, Freunde und Partner, befinden sich auf einem dramatischen Konfrontationskurs mit offenem Ausgang.

Was ist passiert? Ist Präsident Trump, der die isolationistische Parole Woodrow Wilsons „America first“ aus dessen Wahlkampf 1916 wieder aufgegriffen hat, nur ein historischer Unfall, wird nach Trump alles wieder so sein wie in unserer Erinnerung an die Jahrzehnte vor und nach 1945? Oder ist Trump in Wahrheit nur der ungeschlachte Beleuchter einer seit langem verdrängten Realität? Waren denn George W. Bush und die höhnische Verachtung seines Secretary of Defense, Donald Rumsfeld, im Irak-Krieg für das „alte“ Europa und die bedenkenlose Spaltung des europäischen Kontinents durch die von den Vereinigten Staaten initiierte „Allianz der Willigen“ mit dem „neuen“ Europa auch nur ein Zwischenfall? Ist Europa nicht doch nur der nützliche geopolitische „Brückenkopf der Vereinigten Staaten auf dem eurasischen Kontinent“, wie Zbigniew Brzeziński, der bedeutendste geopolitische Denker der neuzeitlichen Vereinigten Staaten, in seinem Weltbestseller „The Grand Chessboard: American Primacy and It’s Geostrategic Imperatives“ 1997 schrieb? Hatte nicht schon der Sicherheitsberater von John F. Kennedy, McGeorge Bundy, einst Konrad Adenauer mit der Feststellung empört, Europa werde zukünftig nicht von Frankreich, Großbritannien oder Deutschland geführt werden, sondern von den Vereinigten Staaten? Wir Europäer haben uns zu lange in einer Illusion von Sicherheit und Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten bequem gebettet, aber nun muss Europa seine Interessen und die seines großen atlantischen Partners nüchterner verstehen, ohne emotionalen Zorn und Enttäuschung.

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