Gentechnik lässt Zahl steigen

Tierversuche: Aufschrei mit Ansage

Von Joachim Müller-Jung
11.08.2016
, 14:00
© F.A.Z., Lucas Wahl, F.A.Z., Lucas Wahl
Die Gentechnik treibt die Zahl der Tierversuche weiter in die Höhe. Warum das keine moralische Kapitulation der Wissenschaft ist, sondern eine überfällige Erkenntnis dahinter steckt.

Wenn Helene Richter will, hört sie Ratten und Mäuse lachen. Bei fünfzig Kilohertz, Ultraschall, gickern spielende Ratten wie Vorschulkinder. Auch Ratten, die in Standardkäfigen in Tierhäusern untergebracht sind, und von diesen gibt es praktisch in jedem Forschungspark und Universitätsinstitut eins, auch wenn nirgendwo ein Schild an der Straße darauf hinweist.

Tierversuchslabore sind kein Aushängeschild oder Spielplatz für Nagetiere, nichts, womit sich auch nur eine Forschungsmacht der Welt brüstet. Wer schon einmal die Hatz von Tierrechtsaktivisten auf Forscher erlebt hat, weiß, warum in unseren Wissenschaftsstädten die Tierhäuser ausgebaut, erneuert, ja auch modernisiert werden – und trotzdem versteckt werden müssen. Das betrifft auch die 947.019 Ratten und Mäuse, die nach Recherchen der Grünen im Bundestag im Jahr 2013 allein für die gentechnische Forschung „verbraucht“, sprich: für Experimente und Zucht in deutschen Tierlaboren genehmigt und gehalten wurden. Fast eine Million, dreimal so viel wie 2004, so geht seit gestern der Aufschrei vom Grünen-Büro durchs ganze Land.

Ein Aufschrei mit Ansage. Und nichts, was Helene Richter, eine der gefragtesten jungen Verhaltensforscherinnen und eine der intimsten Kennerinnen der Nagerpsyche, tut, kann nun verhindern, dass die Skandalisierung ihren Lauf nimmt. Mit „Wohlergehensdiagnostik“ für Versuchs- und Nutztiere sucht sie nach „positiven Emotionen“, sie befragt die Tiere und vermisst die Tierseele, so umschreibt es ihr Chef Norbert Sachser, selbst einer dieser modernen Ethologen, die sich international einen Namen gemacht haben, indem sie der „Persönlichkeit des Tieres“ mit quantitativen Testverfahren auf den Grund gehen. Die Formel dafür ist denkbar einfach: Lernen gleich Kognition plus Emotion.

Das Leid wird verringert

Tiere, die sich wohl fühlen, lernen schneller, können sich die Position des Futtertrogs im Testfeld besser merken – selektives Erinnern. „Wir messen Happiness“, sagt Richter. Wer vor dem Glas sitzt und es halb voll sieht, ist kognitiv gut gerüstet. Für wen es halb leer ist, der hat auch mental verloren. Von den kognitiven Leistungen der Tiere schließt Richter auf ihr Befinden, und die Liste ihrer hochrangigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zeigt: Wohlergehensdiagnostik gewinnt international an Rang – zynischerweise, könnte man hinzufügen, im gleichen Tempo wie die Ausweitung der Tierversuche.

Natürlich gehört Richter mit ihrem empathischen Ansatz auch zu jenen jungen Forschern, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Forschungspolitik und überhaupt von der Tierschutzbürokratie im Land, jede Unterstützung erhalten. In Kürze schon könnte sie die erste Professur für Verhaltensforschung und Tierschutz erhalten. Ob ihre Forschung das Leid der Tiere verringern, die Zahl der Tierversuche verringern könne? Ein entschlossenes Ja, auch vom Chef. Tiere, die in Standardkäfigen gehalten würden, entwickelten gelegentlich Zwangshandlungen und diffuse Verhaltensstörungen, in „angereicherten“ Käfigen dagegen, solchen mit Unterschlupf und Klettergerüsten, dagegen kaum.

Eine Illusion

„Diese Verhaltensartefakte verfälschen die Forschungsergebnisse“, sagt Norbert Sachser. Experimente aus dem einen Labor können, dem Ansinnen der Standardisierung – Reproduzierbarkeit – völlig zuwider laufend, in anderen Laboren nicht bestätigt werden. Doppel- und Mehrfachversuche, Qualitätsmängel im Studienansatz, all das also, was nach dem Tierschutzgesetz zu minimieren ist, werden nach dem Dafürhalten der Münsteraner Verhaltensforscher durch den „Standardisierungswahn“ noch gefördert. Und die Qualität der Forschung selbst ist gefährdet, die Kosten werden unnötig in die Höhe getrieben.

Nun ist Stressreduktion zwar schon ein Schritt in die Richtung, mit der vor vierzehn Jahren die Aufnahme des Tierschutzes als Staatsziel ins Grundgesetz begründet wurde. Den Tierschützern freilich ging es im Kern vor allem um eins: Tierversuche weitgehend überflüssig zu machen, die Zahl von Experimenten vor allem mit Säugetieren sukzessive zu senken.

Wohin des Wegs? Eine Versuchsmaus im Labyrinth der Verhaltensforschung. Ihre Lernfortschritte sind Kern der neuen „Wohlergehensdiagnostik“.
Wohin des Wegs? Eine Versuchsmaus im Labyrinth der Verhaltensforschung. Ihre Lernfortschritte sind Kern der neuen „Wohlergehensdiagnostik“. Bild: Foto SPL / Agentur Focus

Eine Illusion, wie sich herausstellt, die nicht zuletzt von den Forschungsverantwortlichen im Land quasi zum rhetorischen Tierschutzstandard erhoben wurde. „Der DFG geht es darum, wie Forschung die Zahl der Versuche verringern und die Versuchsbedingungen für die Tiere so wenig belastend wie möglich gestalten kann“, wiederholte DFG-Präsident Peter Strohschneider erst vor wenigen Tagen zur Verleihung des Händel-Tierschutzpreises. Eine jährliche Veranstaltung, die jedesmal zur Drei-R-Gala wird: „Reduction, Refinement, Replacement“ – die drei Tierschutzziele, die alle Maßnahmen enthalten, mit denen Versuchstierleiden vermieden oder vermindert beziehungsweise durch verbesserte Tierhaltung und -behandlung entlastet werden können.

Mehr Tierversuche

Zellkulturen und andere Ersatzmethoden werden gekürt, „Human on a chip“ – menschliche Organe auf Mikrochipformat geschrumpft – als Lösung propagiert. Doch hinter dieser moralisch untadeligen Fassade, die Hoffnungen auf Seiten der Tierschützer wecken und die politischen Gemüter abkühlen sollen, wird seit Jahren eine unangenehme Wahrheit versteckt wie die Käfighaltung vor der Öffentlichkeit. Mit dem Boom der Biomedizin, namentlich der Genforschung und der Zelltherapie, ist der Weg zu immer mehr Tierversuchen längst vorgezeichnet. Absehbar war das schon im Jahr 2002, als der Tierschutz Verfassungsrang erhielt, aber völlig unumkehrbar ist die Entwicklung der Tierexperimentstatistik quasi spätestens mit den revolutionären Fortschritten in den Gen-Editier-Verfahren geworden.

In Wochen werden heute gentechnisch veränderte Mäuse erzeugt. Die Grundlagenforschung – viel mehr noch als die vorklinischen Tests an Mäusen und Ratten – entwickelt einen gewaltigen Hunger nach immer neuen Genvarianten. Jeder, der die Entwicklung beobachtet, kann erkennen, was der Heidelberger Stammzellforscher Andreas Trumpp in eine wissenschaftliche Selbstverständlichkeit verpackt: „Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Tierversuche. Wir müssen unsere Ergebnisse aus der Zellkultur im lebenden Organismus validieren.“ Kein Krankheitsbild, das seine genetische Entsprechung nicht im „Tiermodell“ bekommen soll.

Weg mit der Fortschrittsbremse

Was im Tier nicht verstanden wird, hat in der Medizin kaum eine Chance auf Verwertung. Und was medizinisch gewünscht ist, wird durch die gewaltige Zunahme der Forschungsausgaben etwa für die Gesundheitszentren im Land und mit den „Hightech“-Strategien hinreichend dokumentiert: Forschritt ohne Wenn und Aber. Tatsächlich hat sich die Entwicklung im Biotechnik- und -medizinsektor in den letzten Jahren nicht etwa weniger stark beschleunigt als in den Digitalbranche, sondern eher noch mehr, zumindest in der öffentlichen Forschung. Die Hoffnung auf neue Heilmethoden treibt die Akteure in den Spitzenforschungsländern an und verschärft den Wettbewerb zusehends.

Vor wenigen Tagen hat das weltgrößte Gesundheitsforschungszentrum, die amerikanischen National Institutes of Health, praktisch unbemerkt von der Öffentlichkeit, genau zu diesem Zweck eine ethische Schranke entfernt. Ein Tabu, das in einer republikanisch dominierten Bürokratie unantastbar schien, das allerdings von den Wissenschaftlern als Fortschrittsbremse gesehen wurde: Mischwesen, also Hybride mit menschlichen Zellen im tierischen Leib, sollen nun auch in amerikanischen Labors gefördert werden.

Mit „Pro-Test“ in die Fußgängerzone

Die Europäer, auch hier gespalten, versuchten zuletzt mit immer mehr Bürokratie und schärferen Gesetzen die Anforderungen an Tierexperimente zu verschärfen, bioethische Hürden aufzubauen. Gleichzeitig aber müssen sie erkennen, wie sie wissenschaftlich ins Hintertreffen geraten, wenn nun etwa das amerikanische Moratorium fällt – eingeleitet von Laborexperimenten in Großbritannien und China, die sich mit der Herstellung von Tieren mit Menschenanteilen („humanisierte Versuchtstiere“) weitere Fortschritte insbesondere für die Krebsbekämpfung und die Transplantationsmedizin erhoffen.

Nur zögernd versucht man, mit Transparenz die Illusionen zu zerstreuen. Die „Allianz“ der deutschen Forschungseinrichtungen geht mit einer eigenen Internetseite in die Offensive, in Tübingen, wo ein Hirnforscher von Tierrechtsaktivisten klinikreif gemobbt wurde, gehen junge Forscher mit „Pro-Test“ in die Fußgängerzone. „Ich bin sicher, eine große schweigende Mehrheit steht hinter unseren Tierversuchen“, sagt Trumpp vom Deutschen Krebsforschungszentrum, wo vor ein paar Monaten ein ultramodernes Tierhaus mit Standardkäfigen für 20.000 Nagern in Betrieb genommen wurde. Groß gefeiert hat man die Eröffnung nicht.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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