Eine literarische Erinnerung

Zwei Paar Schuhe

Von Gisela Trahms
10.08.2022
, 23:09
Peter von Tresckows Illustration zu Gisela Trahms
Wie viel darf man gegenüber einen Schriftsteller preisgeben? Was, wenn man etwas auf keinen Fall durch fremde Worte verändert sehen will? Eine literarische Erinnerung.
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Um vor der Lesung im Heine-Haus noch ein wenig mit ihm zu plaudern, hat die Leserin den Autor vom Zug abgeholt. Zusammen spazieren sie in die Altstadt und verirren sich in einen Imbiss, wo sie bei Hot Dogs und einer Art Kaffee ein Gespräch ver­suchen. Bislang haben sie nur gemailt.

Der Schriftsteller ist weit gereist und erzählt Chinesisches über China. Zurzeit ist er mit seinem neuen Roman unterwegs, zuletzt in Basel. Viele Kritiker haben Lobendes über das Buch geäußert, auch der Leserin hat es gefallen, und Basel, ja! Dort hat sie vor vielen Jahren eine Schuhgeschichte erlebt. An einem heißen Sommersonntag, auf dem Weg vom Bahnhof ins Kunstmuseum, riss plötzlich das Riemchen, das ihre Sandale am Fuß hielt. Was nun? Geschäfte geschlossen, keine Schnur, nichts zum Festbinden dabei und also der Fuß am Ziel schwarz vor Baselstaub. Die Kassiererin schob ihr trotzdem ein Billett hin, und von der Garderobe her winkte lächelnd ein alter Mann, der verstand, was er sah, und anbot, die Ruine und das Pendant zu hüten.

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Denkt er an denselben Film wie sie?

Also schlenderte sie befreit und barfuß durch die stillen Säle und saß in düsteren Gedanken lange vor Holbeins grün­lichem Christusleichnam. Schließlich suchte und fand sie die Toilette, wo tadellose Waschbecken leuchteten, und als sie mit zwei sauberen Füßen zur Garderobe zurückkehrte, hatte der alte Mann wie ein erfahrener Schuhmacher das Riemchen durch die Sohle getrieben und festgezwackt und sprach freundlich allerlei Mitfühlendes auf Baseldütsch, indes sie seine Hand drückte und viele Male „Mär-ci“ stammelte und wieder froh und lebendig wurde.

Sehr weit liegt diese Geschichte zurück, und dass der alte Mann längst jenseits der Wolken wohnt, wird der Leserin erst beim Erzählen bewusst und verstört sie. Unruhig greift sie nach der auf dem Tisch liegenden Kappe des Autors, setzt sie auf und rollt die Augen, was den Autor amüsiert. Ob er dabei an denselben Film denkt wie sie, mag sein oder auch nicht: Sie lachen beide, da sie doch in diesem warmen, verlotterten Imbiss sitzen, Wasser mit Kaffee trinken und reden und reden. Zwischendurch denkt sie an den berühmten auteur des Films, der seine Schuhe bei einem anderen, strengeren Garderobier abgeben musste, und seufzt.

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Es dämmert schon, als sie den Weg zur Buchhandlung einschlagen. In den engen Gassen reiht sich Laden an Lädchen, Leuchtschriften blinken, viele Menschen sind unterwegs. Mitten im Strom steht eine junge spitzhaarige Punkerin und bittet um Euros. Ihre schwarzbestrumpften Beine enden in glänzend roten DocMartens mit offenen Schnürsenkeln, sicher neu, sicher teuer. Sie summt ein bisschen, lächelt aufmunternd und hält den Passanten einen leeren Kaffeebecher entgegen.

Was in eine Geschichte passen könnte

Später grübelt die Leserin, was dem Schriftsteller wohl durch den Kopf fuhr, als er nach ein paar Schritten plötzlich anhält und umkehrt, zurück zur Punkerin, wo er das Portemonnaie aus der Tasche zieht und ein paar Münzen in den Becher wirft. Aus Mitleid? Aber wieso? Munter und vergnügt steht sie in ihren Schuhen und schaut dem Autor in die Augen. Statt zu kellnern, hält sie den Becher hin. Nun, warum nicht? Die Leserin hätte einiges einzuwenden, der Autor ist es zufrieden, er zieht keine Grenze zwischen Buchstolz und Schuhstolz, sondern antwortet dem Augenblick, ohne zu räsonieren. Groß­mütig trägt er bei zu dem, was sie braucht und begehrt, während sie ihm ihren Anblick und ihren Witz bietet, ein gelungener Tausch. Vielleicht wird er sich eines Tages an sie er­innern, weil sie in eine Geschichte passt.

Was für eine Geschichte? Was könnte darin geschehen? Trauriges? Wüstes? Sentimentales? Noch ist nichts entschieden, denkt die Leserin. Kennt er sich aus mit Punkern? Spricht er ihre Sprache? Muss er sich überhaupt auskennen mit ihnen? Offenbar hat er die richtigen Worte gefunden für die lachende Frau, die den Becher sorgsam senkrecht hält und Erheiterndes entgegnet. Die Leserin findet, dass der Autor ihr eine Chance geben sollte, mitsamt den roten Schuhen in seine Sätze zu schlüpfen und ein zweites Leben zu beginnen, von dem sie nichts erfahren wird, da sie ohne Bücher auskommt. Aber sie, die Leserin, würde die Figur erkennen und sich bevorzugt fühlen, keine edle Idee, aber eine hübsche.

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Ungeahntes Wörterleben

Nur noch wenige Schritte sind es bis zur Buchhandlung, wo die Literaturfreunde zwischen den Büchertischen warten, dass der Veranstaltungssaal geöffnet wird. Die Lesung ist ausverkauft, der Moderator sitzt bereits auf dem Podium und testet das Mikrofon. Als die Leserin einen Platz gefunden hat und sich zu konzentrieren versucht, muss sie plötzlich an die Sandale denken. Herrje! Wird der Autor nicht nur die Punkerin, sondern auch die Basel-Geschichte im Gedächtnis behalten, um ihr zu einem ungeahnten Wörterleben zu verhelfen? Gott bewahre! Diese Möglichkeit ist ihr nicht in den Sinn gekommen. Töricht, wie sie ist, hat sie eine Erinnerung preisgegeben, die sie auf keinen Fall durch fremde Worte verändert sehen will. Wer weiß, was der Autor daraus macht, seinen eigenen, erlaubten Zwecken folgend! Und selbst wenn die Erzählung funkelt und bezaubert wie das Buch, aus dem er gerade vorliest, wäre sie nicht einverstanden. Die Geschichte soll bei mir bleiben, denkt sie, und die Texte sollen den Autor schmücken, das bleibt unbenommen, doch zwischen den beiden existiert ein Graben, unsichtbar für andere, umso tiefer für mich. Steckt ja mein Leben drin, wie in jedem anderen Lebenspunkt auch, und die Herrschaft darüber will ich nicht abgeben. Viel Zeit ist vergangen seit Basel, viel Deutung hat sich angehäuft, und je kompakter die Zeit, desto dichter gepresst das Nachdenken darüber, sodass ein einziger, seitenlanger Satz die an­gemessene Form der Erzählung wäre, ähnlich wie László Krasznahorkai es neulich vorgeführt hat.

Doch auf solche Bravourstücke bin ich nicht aus. Sage ich „Basel“, meine ich den alten Mann, der mich mit dem schmutzigen Fuß und dem an den Fingern baumelnden Schuh durchs Foyer humpeln sieht. Der Schuh interessiert ihn, er ahnt, was zu tun wäre. Wie froh macht ihn später mein Staunen! Wem hat er davon erzählt? Oder behielt er die Geschichte für sich, um sich in Ruhe an ihr zu freuen, wenn ihm danach zumute war? Käme mir die Sandale aus einem Buch entgegen, vorgelesen in diesem schönen Saal, meisterhaft beschrieben und deutlich sichtbar für alle Zuhörer, während ich doch kaum noch die Farbe weiß und die Form und auch nicht, wie sie endete, im Müll wahrscheinlich – was würde ich tun? Mir die Ohren zuhalten? Aufstehen, rausgehen, um meine Bruchstücke zu retten? Ach, Autoren! Diese elenden, zungenfertigen Diebe!

Gisela Trahms ist Publizistin und lebt in Düsseldorf.

Quelle: F.A.Z.
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