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Fluchtpunkt der Corona-Krise

Wollen wir nicht alle in den Baumarkt?

EIN KOMMENTAR Von Ursula Scheer
Aktualisiert am 22.05.2020
 - 09:45
Erst mit Maske in den Baumarkt, dann ohne in den Garten: Kunden in einem Münchner Hobbyhandwerkerdorado.
Als Gaststätten und Geschäfte in der Corona-Krise schließen mussten, blieben die Baumärkte geöffnet. Sie vermitteln uns die Illusion, im Leben sei alles reparierbar.

Wenn die Welt außer Kontrolle und das eigene Leben gleich mit aus den Fugen geraten scheint, gibt es eine einfache Lösung. Nein, keine Ratgeberliteratur von Populärpsychologen, sondern die Fahrt in den Baumarkt. Als Nachfolger der altehrwürdigen Eisenwarenhandlung, in der ein grau bekittelter Herr hinter der Theke Nägel abwog und seine Kundschaft verunsicherte wie Diether Krebs in dem gleichfalls altehrwürdigen Sketch mit dem Flansch und Dieter Pfaff, ist der Baumarkt auf der grünen Wiese ein Versprechen: das bequemer Machbarkeit für jeden.

Dass sich vor den im Lockdown vielerorts als praktisch systemrelevant geadelten Märkten immer noch lange Schlangen bilden, mag den Hygienemaßnahmen mehr geschuldet sein als der Entschlossenheit, den Urlaubsetat mangels Fernreise zu verbauen. Der Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten jedenfalls klagt, auch diese Branche stecke in der Corona-Krise. Wegbleibende junge Menschen, von denen offenbar immer weniger wissen, wo bei einem Hammer oben und unten ist, hatten ihr ohnehin zu schaffen gemacht.

Nicht vergessen werden sollte bei allem Mitleid, das vielleicht gerade aufwallen mag, für welche ästhetischen und ökologischen Schrecken rund um Einfamilienhäuser allerorten Baumärkte mitverantwortlich sind: Ihre Billig-hässlich-selbst-Montieren-Angebote im Verbund mit steigenden Handwerkerkosten und dem Mangel an Zeit und Lust, sich um Haus und Hof zu kümmern, haben eine fürchterliche Nachfrage geschaffen nach Schotterbeetfüllungen, Betonpflanzsteinen und verzinktem Doppelstahlmattenzaun mit integrierter Plastiksichtschutzmatte. „Gärten des Grauens“, wie sie Ulf Soltau in seinem gleichnamigen Buch dokumentiert, sind die Folge: normierte Geschmacklosigkeiten, dekoriert mit Alibi-Insektenhotel.

Dabei sollte das Selbermachen den Menschen doch sich selbst und seiner Umwelt näherbringen, zu Unabhängigkeit und Nonkonformismus anregen. Das einzige Buch mit Axt auf dem Einband in unserem Regal stammt von dem Philosophen Ralph Waldo Emerson und handelt von „Self Reliance“, also dem Bauen auf sich selbst.

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Wenn man es richtig betrachtet, bietet der Baumarkt dazu jede Gelegenheit. In seinen weiten Hallen stellt sich die Illusion eines vollständig reparierbaren Lebens ein. Das Bord wackelt? Abhilfe können Senkkopfschraube, Linsenkopfschraube, Rundkopfschraube in Kreuz- und Längsschlitz, Schlüsselkopfschraube mit Sechskantkopf, Konusplättchen für Schrauben und zum Versenken in der Wand zwanzig Sorten Dübel schaffen.

Klingt das nicht wie Poesie? Fehlt die Vierundzwanziger-Nuss zum Steckschlüssel, hier wird man fündig. Die RAL-Farbentabelle strahlt die Gewissheit verlässlicher Wiederholbarkeit aus. Bleibt das Problem mit dem Revolverriegel für den Schrank. Er könnte den zerbrochenen Vorgänger ersetzen und endlich wieder für geschlossene Türen sorgen. Man müsste ihn nur anschrauben. Morgen vielleicht. Heute scheint die Sonne. Man muss nicht alle Probleme sofort lösen, um sich wohlzufühlen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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