Der Maler Johann Hummel

Komm in den Spiegelsaal und schau

Von Andreas Kilb
28.10.2021
, 13:19
„Die Granitschale im Berliner Lustgarten“, von 1831. Links der alte Dom, im Hintergrund das Stadtschloss.
Im Biedermeier war er eine Koryphäe an der Berliner Kunstakademie. Dann wurde Johann Erdmann Hummel vergessen. Die Alte Nationalgalerie entdeckt ihn mit einer großen Ausstellung jetzt wieder.
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Es gibt Maler, die für ihren Stil, und solche, die für ein Bild bekannt sind. Bei Jo­hann Erdmann Hummel, der 1769, im gleichen Jahr wie Napoleon, in Kassel ge­bo­ren wurde und 1852 in Berlin starb, ist es ein Bild.

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Im Herbst 1831 malte Hummel die fünfundsiebzig Tonnen schwere Granitschale vor dem Königlichen Museum – dem heutigen Alten Museum – im Berliner Lustgarten. Die Schale war dort vor ihrer endgültigen Aufstellung im folgenden Jahr auf einem Gerüst aus Steinblöcken und Holzbalken aufgebockt. In Hummels Gemälde sind siebzehn Personen und ein Hund in unterschiedlichem Ab­stand um das Objekt versammelt, die sich alle auf je verschiedene Weise darin spiegeln, manche nah und auf dem Kopf stehend, andere als ferne Miniatur. Über ihnen bauschen sich ba­rocke Wolken im Berliner Himmel. Links sieht man den alten, noch un­wilhelminischen Dom, im Hintergrund das Hohenzollernschloss. Das Bild ist ein Genrestück in einem Genre, das es nicht gibt. Man könnte es eine Spiegel-Etüde nennen.

In der Ausstellung, die die Alte Nationalgalerie dem Maler Hummel widmet, erkennt man jetzt, dass das Gemälde zu einem Zyklus gehört. Das mittlere der drei Bilder, auf dem Hummel das Wenden der mit einem Dampfschleifer po­­lier­ten Schale festhielt, ist verschollen, doch das erste, das wie das Schlussbild in doppelter Ausführung vorliegt, hat sich er­halten. Es zeigt den Schleifvorgang selbst. Auf der Version der Alten Na­tio­nal­ga­le­rie (die andere gehört dem Berliner Stadtmuseum) fehlt jede Statisterie. Dafür spiegeln sich in der Schale, die wie ein urzeitliches Monstrum auf ihrem Holzgerüst liegt, die Fenster der Werkstatt und ihre Umgebung. Man erkennt den Kupfergraben, denn wir sind auf dem Gelände des Packhofs, wo heute die James-Simon-Galerie steht. Eine preußische Idylle ohne Wenn und Aber, frühes Industriezeitalter mit Biedermeierglanz. Ein Findling von einem Gemälde.

Blick für die Dinge am Wegrand

Als Hummel die Schale in ihren drei Entwicklungsphasen malte, war er seit gut zwanzig Jahren Professor für Optik, Per­spek­ti­ve und Architektur an der Akademie der Künste, und er sollte es bis zu seinem Tod bleiben. Zuvor hatte er nach seinem Studium sieben Jahre in Italien gelebt, bis das Stipendium der Kasseler Kunstakademie auslief. Die Studien, die er dort von Bäumen, Felsen und antiken Ruinen fertigte, sind in Berlin ebenfalls zu sehen. Sie zeigen Hummel als Vorläufer von Corot und Blechen in der Plein-air-Malerei. Noch fehlt ihm die Spontaneität der Lichtsetzung, aber der Blick für die Dinge am Wegrand, das Schauspiel der Wirklichkeit ist schon da.

Zurück in Hessen, malt Hummel ein Großformat von Schloss Wilhelmshöhe für seinen Landgrafen, doch der Fürst lehnt es ab. Auf Empfehlung der preußischen Gattin des Kasseler Erbprinzen geht er nach Berlin. Dort bringt er sich mit Porträtbildern aus seinem Umkreis ins Gespräch: Aloys Hirt, Archäologe und Initiator der Bauakademie; Justizrat Mila und Frau; der Kunstsammler Gustav von Ingenheim, ein illegitimer Sohn des vormaligen Königs. Nach seiner Heirat 1823 malt er seine dreißig Jahre jüngere Ehefrau, seine Tochter und einen Sohn. Sie alle erscheinen in biedermeierlichem Gepränge, und doch ist da noch etwas anderes: ein Hauch von Sachlichkeit. Die Kuratorin Birgit Verwiebe hat Hummels Porträts neben Bilder von Carlo Mense, Georg Schrimpf und Christian Schad aus den Zwanzigerjahren gehängt. So sieht man, was man sonst nur ahnt, eine innere Verwandtschaft, die sich den Kategorien der Kunstgeschichte entzieht.

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Ein De­li­rium von Re­fle­xio­nen

Die Professur an der Berliner Akademie macht Hummel finanziell unabhängig. Von da an malt er, was ihm gefällt: märkische Schlösser, böhmische Beterinnen, italienische Burlesken. Die „Ge­sell­schaft in einer Locanda“ inspiriert E.T.A. Hoffmann zu seiner Erzählung „Die Fermate“, mit der „Kapelle“ wird er bei Goethe in Weimar vorstellig. Das Schlüsselbild dieser Zeit aber ist „Die Schachpartie“. Es zeigt sechs Personen, darunter Hummel selbst, um ein Schachbrett im Kerzenlicht. Die Szene, in der ersten Fassung von 1819 ein Salonstück wie viele, wird in der zweiten zum Spiegelkabinett. Links ein Spiegel, rechts ein Spiegel, dazwischen das spiegelnde Fen­ster­glas: So entsteht, durch Schatten und Schrägen verstärkt, ein De­li­rium von Re­fle­xio­nen, Nach- und Gegenbildern, Ob­jekten, die sich in den Bildraum hi­nein-, und anderen, die sich hinausschleichen. Nur das „Modemagazin an der Schlossfreiheit“ von 1830 ist in seiner Handhabung von Spiegeleffekten noch meisterlicher, doch es liegt als Kriegsverlust im Puschkin-Museum in Moskau. Hinge es in Berlin, wäre es nach der „Granitschale“ die zweite Ikone der Ausstellung.

Im Alter, jenseits der Sechzig, radikalisierte sich Hummel noch einmal. Jetzt roch auch seine Italianità nach Zeichenstunde. In der „Landschaft mit Re­gen­bo­gen“ kommt alles zusammen, was der Aka­demiedozent Hummel in seinen Lehrbüchern und Skizzen entwickelt hat, die stürzenden Linien, die surrealen Tiefenwirkungen, die geometrische Kälte der Konstruktion. Doch darüber legt sich ein sanfter Schleier gespiegelter De­tails: die Abtei, die sich im See reflektiert, Mauersteine in Pfützen, ein Regenbogen im anderen. „Perspektiv-Hummel“ hieß der Maler bei seinen Zeitgenossen. Nach dieser Ausstellung möchte man ihn lieber Spiegel-Hummel nennen.

Warum wurde Johann Erdmann Hummel vergessen? Kulturelle Überlieferung folgt Schablonen, und Hummel passte in keine. Für das Biedermeier war er zu nüchtern, für den schinkelschen Klassizismus zu verspielt, für die Kirchenkunst der Nazarener zu profan und als Menzel-Vorgänger ungeeignet. Das Schicksal seines Hauptwerks „Tribunal“, das nach dem Zweiten Weltkrieg bei einem Restaurierungsversuch zerstört wurde und dem die Ausstellung ein eigens konstruiertes Kabinett widmet, ist symptomatisch für Hummels Rezeption. Das verlorene Bild war eine Apotheose der Spiegelmalerei: ein achteckiger, ringsum verspiegelter Kuppelsaal, der in eine dreischiffige Basilika mündet; und in den Spiegeln, dutzendfach ge­bro­chen, ein Mann, ein Jüngling und ein Hund. Ist es ein Totengedenken, ein abgründiges Ex­pe­ri­ment, eine philosophische Spielerei? Hummel, allzeit sachlich, nannte es ein „Kunststück“. Vor fast hundert Jahren, als Ludwig Justi in Berlin mit einer kleinen Ausstellung an Hummel erinnerte, war es noch da. Jetzt, da die Nationalgalerie den zweiten An­lauf zu Hummels Wiederentdeckung un­ternimmt, kann man ermessen, was mit ihm verloren- ging. Denn die Zeit ist reif für den Meister der Spiegelungen.

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Magische Spiegelungen – Johann Erdmann Hummel. Alte Nationalgalerie, Berlin; bis zum 20. Februar 2022. Der Katalog kostet 29 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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