Leidenschaften eines Bischofs

Puderzucker

EIN KOMMENTAR Von Paul Ingendaay
14.09.2021
, 06:44
Auch das hat der Kirche schon nicht gefallen: Jamie Dornan und Dakota Johnson in „Fifty Shades of Grey“
Der frühere Bischof einer kleinen katalanischen Diözese hat sein Amt niedergelegt, um eine Autorin von Softpornos zu heiraten. Wir haben ihr Werk gelesen.

Es gibt Nachrichten, die schon ihre eigene Pointe sind. So eine ist der Fall des spanischen Bischofs Xavier Novell, der den Papst im vergangenen Monat um Entbindung von seinem kirchlichen Amt bat, um, wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, die dreizehn Jahre jüngere Autorin Silvia Calbollel (geschieden, zwei Kinder) zu heiraten. Novell hatte außerhalb der kleinen Diözese Solsona schon seit Jahren für Wirbel ge­sorgt, weil er sich als katalanischer Nationalist geoutet, über Exorzismus geschrieben und ein paar hässliche Sachen über Homosexuelle gesagt hatte. Novells Fotos, damals mit 41 Jahren der jüngste Bischof der katholischen Kirche in Spanien – dunkles Haar, öliges Lächeln, flackernde Au­gen, eigentlich passend für eine Filmrolle im Trash-Sektor –, fügten den pikanten Details genug scharfe Salsa hinzu.

Sie dagegen, Silvia Calbollel, schwieg. Und sie gedenkt, wei­ter zu schweigen. Die Medien sprachen von ihren „erotisch-satanischen“ Romanen, doch das geht an der Sache vorbei. Calbollel schreibt Romanzen, auf die sie Schnipsel von Küchenpsychologie und Bondage streut wie Puderzucker auf den Marmorkuchen. Ihre „Amnesie-Trilogie“ (2016) handelt von einer Sechzehnjährigen in Barcelona, die ihr Gedächtnis verloren hat. Kioto begegnet in der Altstadt einer abgebrühten Nutte, die gleich die Notlage des armen Mädchens erkennt, wie abgebrühte Nutten das so tun, und es an einen ihrer Freier vermittelt. Jorge ist Psychiater, bewohnt ein riesiges Apartment in der Altstadt, trägt schiefergraue Hemden zu knallengen Jeans und so weiter, und dann passiert, was eigentlich nicht passieren darf (what about Jugendschutz?).

Sie der Engel, er der Teufel

Aber bevor es passiert, nach „Sitzungen“ und „Therapien“, erhalten wir auf Seite 64 einen tiefen Einblick in die gemarterte Seele des Psychiaters: „Ihr Äußeres ist engelsgleich, und ich fühle mich wie Luzifer, weil ich sie entweihen will.“ So viel zum Satanischen. In ständigem Perspektivenwechsel erleben wir die sich entfaltende amouröse Komplikation mal mit den Augen der Sechzehnjährigen, mal mit denen des doppelt so alten Verführers. Aber was rede ich von Augen! Die Lippen sind’s. Zum Beispiel auf Seite 72: „Er sieht mich an. Ich sehe ihn an. Wir sehen uns an. Meine Augen wechseln die Richtung und betrachten jetzt seine sinnlichen Lippen. Instinktiv leckt er sich darüber, als wären sie trocken, und richtet seinen Blick auf die meinen. Er schaut mir auf die Lippen. Ich schaue ihm auf die Lippen. Wir schauen einander auf die Lippen.“ Im Spanischen klingt das nicht besser. Im Katalanischen garantiert auch nicht.

Und vielleicht liegt darin ja schon das ganze Geheimnis: Ge­langweilter Bischof fällt Fleischeslust anheim, befeuert von einer Prosa, die eigentlich zum Weinen ist. Ziehen wir hier den Vorhang zu. Vorübergehend hat der Bischof von Vic die Leitung der verwaisten Diözese Solsona übernommen. Sein Nachname, was soll man machen, lautet Casanova.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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