Autor Yukio Mishima

Vom Streben und Sterben

Von Irmela Hijiya-Kirschnereit
Aktualisiert am 21.11.2020
 - 13:33
Yukio Mishima am Tag seines Todeszur Bildergalerie
Vor fünfzig Jahren wählte der japanische Schriftsteller Yukio Mishima den öffentlichen Freitod. Noch heute arbeiten sich Autoren wie Regisseure an ihm ab.

Ein Leben wie ein Roman. Ein Abgang als Fanal. Derartiges hatte die Welt noch nicht gesehen. Seppuku, im Westen Harakiri genannt, ein grausames Ritual der Selbsttötung durch eigenhändiges Aufschlitzen des Unterleibs mit anschließender Enthauptung durch einen Sekundanten, wie man es vage aus Samurai-Geschichten kannte. Dazu mit Ansage. Minutiös geplant und schon Jahre zuvor eigenhändig und mit ihm selbst als Hauptdarsteller filmisch umgesetzt.

Vor fünfzig Jahren, am 25.November 1970, dringt Yukio Mishima, einer der prominentesten japanischen Schriftsteller der Nachkriegszeit, in das Hauptquartier der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte in Tokio ein, ruft die auf dem Hof versammelten Soldaten zum Staatsstreich auf und begeht anschließend in dem Gebäude Seppuku. Das Foto vom Autor in seiner selbstentworfenen militärischen Uniform, wie er auf der Balustrade stehend mit großer Geste seine Botschaft zur Rettung japanischer Werte vor Nihilismus und Konsumorientierung verkündet, die vom Lärm der darüber kreisenden Helikopter und dem spöttischen Geschrei der Menge verschluckt wurde, ging um die Welt und machte ihn schlagartig bis in die letzten Winkel des Globus bekannt.

Die japanische Öffentlichkeit reagierte mit Entsetzen und Ratlosigkeit. Den ersten offiziellen Kommentar gab der Premierminister ab, nachdem er gerade in Anwesenheit des Tenno die neue Legislaturperiode im Parlament eröffnet hatte: Mishima sei wohl verrückt geworden. Doch ob man nun, je nach politischer Selbstverortung, in der Erklärungsnot beim Muster „Wahnsinnstat eines durchgeknallten Geistes“ verharrte oder von Ultranationalismus als Vorwand für das Ausleben bizarrer ästhetischer Ideale sprach – so recht konnte sich niemand vorstellen, dass Mishima selbst an das glaubte, was er als Grund für sein als Selbstopfer inszeniertes grausiges Schauspiel ausgegeben hatte.

Eine Lawine an Deutungsversuchen

Seither zelebrierten zwar, mit zunehmend geringer werdender öffentlicher Sichtbarkeit, ultrarechte Splittergruppen alljährlich Mishimas Todestag, doch nachdem sich die aufgewühlte Stimmung gelegt hatte, zog man es vor, den Autor und dessen Wirken erst einmal ad acta zu legen. Die Ruhe währte indes nicht lange. Dazu hatte Mishima zu viele Spuren hinterlassen und Fragen aufgeworfen. Schon bald setzte in Japan eine Lawine an Deutungsversuchen ein, bereits in den frühen siebziger Jahren erschienen erste Mishima-Biographien auf Japanisch und Englisch, und seither verzeichnen wir immer neue Wellen einer Mishima-Mode. Im 21.Jahrhundert erleben seine Bücher nun ein internationales Comeback. Wer war dieser Mensch? Und weshalb beschäftigt er die Nachwelt immer noch?

Bereits zu Lebzeiten war Mishima, der Schriftsteller, Dramatiker, Essayist und Selbstdarsteller, eine Ikone. Niemand hat die medialen Möglichkeiten seiner Zeit intensiver genutzt. Er überraschte die Zeitgenossen mit immer neuen Rollen und Extravaganzen: als Bodybuilder, der seinen schmächtigen Körper zu einem imposanten Muskelpaket hochtrainierte, das er den besten Fotografen seiner Zeit in martialischen Posen und surrealistischem oder verkitschtem Ambiente präsentierte. Ob als Filmschauspieler in zweitklassigen Samurai- oder Gangsterfilmen, als Nachtklub-Chansonnier oder als Celebrity, die mit den Berühmtheiten der Zeit, aber auch der Halbwelt, auf vertrautem Fuß stand und als perfekter Gastgeber brillierte – Mishima genoss große Sichtbarkeit. Das „Time Magazine“ zählte ihn zu den hundert bekanntesten Persönlichkeiten der Welt. Dreimal wurde er für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen, den dann aber 1968 als erster Japaner sein früherer Mentor Yasunari Kawabata erhielt.

Aufgewachsen in einer Familie des gehobenen Mittelstandes unter der strengen Ägide seiner herrischen, eifersüchtigen und häufig bettlägerigen Großmutter, die im selben Haushalt wohnte und ihn während seiner Kindheit weithin nach außen abschirmte, fand Mishima schon früh zur Literatur, las Oscar Wilde und Raymond Radiguet, den japanischen Ästhetizisten Junichiro Tanizaki, dazu Rilke und Hölderlin. An der Adelsschule Gakushuin wurde seine literarische Begabung bald erkannt, erste Gedichte und Erzähltexte erschienen in der Schülerzeitschrift. Erzogen im Geist des damals vorherrschenden Militarismus und im ständigen Bewusstsein der Lebensgefahr durch Luftangriffe, wenngleich weit entfernt von der Realität des Kriegs im Pazifik, erschien ein früher „schöner Tod“ als idealer Abschluss eines Heldenlebens. Das Kriegsende im August 1945 mit der Kapitulationserklärung durch den Tenno bedeutete für ihn und seine Generation, jedenfalls in seiner Wahrnehmung, nicht etwa Befreiung und Möglichkeit zum Neuanfang unter demokratischen Vorzeichen, sondern Orientierungslosigkeit und Beginn einer inneren Leere.

Bereits mit seiner zweiten Buchveröffentlichung, dem 1949 erschienenen, autobiographisch grundierten Roman „Geständnis einer Maske“, gelingt Mishima der große Durchbruch. Der paradoxe Titel ist Programm. Er spielt zwar auf die beliebte Gattung der japanischen Bekenntnisromane mit ihrem Selbstentblößungsgestus an, positioniert sich aber in einem radikal neuen Feld. Heute würden wir wohl von einer Coming-of-Age-Geschichte sprechen, aber was für ein grandioser Wurf! Da erzählt der junge Protagonist, ein sensibler und phantasiebegabter junger Mann, in starken, sinnlichen Bildern und Szenen davon, wie er sich allmählich seiner homoerotischen Neigung bewusst wird. „Der Latrinenreiniger, die Jungfrau von Orléans, der Schweißgeruch der Soldaten, all das bildete einen Teil des Vorspiels zu meinem Leben.“ Beim Anblick von Guido Renis Gemälde des heiligen Sebastian, mit halbnacktem Oberkörper, gefesselt und von Pfeilen durchbohrt, erlebt er seine erste Ejakulation.

„Geständnis einer Maske“

Wenn man bedenkt, welchen Skandal Gore Vidals 1948 erschienener Roman „The City and the Pillar“ (auf Deutsch: „Geschlossener Kreis“, 1986) gerade erst in den Vereinigten Staaten ausgelöst hatte, wo Vidal jahrelang nur noch unter Pseudonym veröffentlichen konnte, so mag es überraschen, dass die japanische Kritik Mishimas Tabubruch 1949 weit gelassener goutierte und dem jungen Autor bei allem Narzissmus vor allem gehöriges literarisches Talent bescheinigte. Und obwohl sich starke Fürsprecher in amerikanischen Verlagen für die von Mishima erwünschte englische Übertragung des Romans einsetzten, brauchte es mehr als acht Jahre, bis dieses Werk dank der mutigen Entscheidung einer Lektorin auch für eine Leserschaft in den Vereinigten Staaten zugänglich wurde – so groß war dort immer noch die Furcht vor dem Skandal.

Indessen blieb Mishima keineswegs beim Genre der später sogenannten gay novel stehen, sondern bediente ein denkbar breitgefächertes Feld an Themen, Formen und Stillagen. Durchgängig schrieb er für das Theater: Lustspiele und Tragödien, Satirisches und Historisches. Am häufigsten aufgeführt wurden seine modernen No-Stücke. Aber auch Dramen wie „Madame de Sade“ oder „Mein Freund Hitler“ erlebten Erfolge auf internationalen Bühnen. In seinen Romanen griff er wiederholt Ereignisse des Zeitgeschehens auf. Ein weiteres Meisterwerk, „Der goldene Pavillon“, philosophische Erzählung und Allegorie auf das Japan der Nachkriegszeit in einem, verarbeitet die Brandstiftung eines jungen Mönchs, der 1951 den berühmten Goldenen Tempel in Kyoto in Schutt und Asche legte, zu einem packenden Roman mit unvergesslichen Szenen. Nur wenige Übersetzungen, leider auch nicht unbedingt die Versionen, die in den letzten Jahren von deutschsprachigen Verlagen herausgebracht wurden, bringen die erzählerische Brillanz und Wortgewalt der Originale zum Strahlen.

1960, bereits auf dem Hochplateau seiner Prominenz in Japan, bringt ihm der allzu nah am realen Vorbild gestaltete Roman um eine Affäre zwischen einem Politiker und einer Restaurantbesitzerin einen Prozess ein, den Mishima verliert: ein Anlass für einen neuen japanischen Begriff, das Lehnwort privacy. Die Geschichte einer scheiternden Liebesbeziehung zwischen zwei sehr ungleichen älteren Menschen vor dem Hintergrund der ränkereichen Politik- und Finanzwelt ist gleichwohl ein großer Erfolg. „In der Politik ist es die Verderbtheit, die den Menschen reinigt; und Scheinheiligkeit enthüllt oft mehr vom menschlichen Charakter als halbherzige Ehrlichkeit“, so kommentiert im Schlussteil ein anderer Politiker die Story. Der Roman ist übrigens schon 1967, Jahre vor der englischen Fassung, unter dem Titel „Nach dem Bankett“, auf Deutsch bei Rowohlt erschienen.

Die sechziger Jahre gelten allgemein als politisiertes Jahrzehnt. Eingeläutet wurde es durch jahrelange Massendemonstrationen gegen die Erneuerung des amerikanisch-japanischen Sicherheitsvertrags, die sogenannten Anpo-Unruhen, später gewissermaßen überlagert durch Anti-Vietnamkriegs-Proteste und die Aktionen der ultralinken Studentenbewegung. In diesen aufgeheizten Jahren gerät auch die Literatur ins Visier radikalisierter Attentäter von rechts und links, und oftmals verschwimmen sogar die Grenzen. Prominente Autoren wie Verleger werden Opfer von Anschlägen, auch Mishima und der von ihm geschätzte junge Shootingstar und spätere Nobelpreisträger Kenzaburo Oe können ein Lied davon singen.

Die Literatur im Visier

Mishima bewegt sich mit einigen Werken im Dunstkreis nostalgischer Nationalismen mit ihren Blut- und Männlichkeitsritualen, propagiert die Wiederbelebung von Samurai-Tugenden und die Rückkehr zur Tenno-Verehrung als Inbegriff nationaler Werte angesichts der unerträglichen Banalisierung und Sinnentleerung des konsumgetriebenen Alltags im Wirtschaftswunderland. Als er 1968 dann auch noch eine Privatmiliz aus jungen Studenten gründet, die „Schildgesellschaft“, und mit ihr ein Trainingslager in einem Camp der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte am Fuße des Berges Fuji abhält, ist sein Ruf als Erzreaktionär besiegelt.

Bemerkenswert bleibt aber, dass er sich auf eine Diskussion mit den radikalen Studenten im Yasuda-Auditorium der Universität Tokio (Todai) einließ. Das erforderte Mut und Stehvermögen. Das legendäre Zusammentreffen dauerte zweieinhalb Stunden. Mishima ließ es mitschreiben und brachte es als Buch heraus unter dem Titel „Schönheit, Gemeinschaft und der Todai-Streit“. Es wurde ein Bestseller, Mishima teilte die Tantiemen zur Hälfte mit seinen Kontrahenten: „Sie haben es vermutlich für Helme und Molotow-Cocktails eingesetzt und ich für Sommeruniformen meiner Truppe.“ Kein schlechter Deal, meinte er dazu.

Buchstäblich bis zu seinem letzten Lebenstag hielt er seine enorme Produktivität aufrecht. In geradezu schwindelerregender Folge erschienen Dramen für das Kabuki und das traditionelle Puppentheater, die er auch noch selbst inszenierte, moderne Stücke, Essay- und Gesprächsbände sowie ein steter Strom an Artikeln für Frauen- und Männermagazine und populärer Lesestoff, seine eigentlichen Geldquellen. Mit diesen Unterhaltungsromanen, die von seiner Experimentierfreude und Schreibroutine leben, riss Mishima die Mauern zwischen der sogenannten „reinen“ und der Populärliteratur ein, die ein, zwei Jahrzehnte später mit dem Erfolg von Haruki Murakami endgültig obsolet wurden.

Musiker wie Regisseure widmen sich dem Autoren

Dieser frivole Mishima, der nicht vor Kitsch, trash und Wahnwitz zurückschreckt, lässt sich beispielsweise in dem 1968 entstandenen und soeben in deutscher, englischer, französischer und italienischer Übersetzung erschienenen Roman „Leben zu verkaufen“ entdecken. Daneben entsteht seine minutiös geplante und recherchierte Romantetralogie „Das Meer der Fruchtbarkeit“, deren letzter Band „Die Todesmale des Engels“ postum erschien. Denn das Manuskript gab er erst am Morgen seines Todestages im Verlag ab. Eine Woche zuvor hatte er noch eine große Ausstellung über sein Schaffen in einem Tokioter Kaufhaus eröffnet. Und auch hier ging sein Plan auf: Einer der ersten ausländischen Biographen orientierte sich 1975, wie später 1985 auch der amerikanische Filmregisseur Paul Schrader mit seinem Film „Mishima – Ein Leben in vier Kapiteln“ und der Musik von Philip Glass, an der Struktur, die der Autor selbst für die Ausstellung vorgegeben hatte.

Über wenige Schriftsteller dürften mehr Bücher und Artikel verfasst worden sein als Mishima. Als in Japan eine große intellektuelle Monatszeitschrift zur Jahrtausendwende eine Umfrage zu den zwanzig einschneidendsten Ereignissen des zwanzigsten Jahrhunderts veranstaltete, wurde das Datum seines Selbstmords an zweiter Stelle nach dem 15. August 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Japan, genannt – deutlich vor dem Ende der Showa-Ära oder beispielsweise dem Fall der Berliner Mauer.

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Regisseure wie Robert Wilson, Ingmar Bergman, Andrzej Wajda und Ferdinando Bruno haben seine Stücke inszeniert, Maurice Béjart widmete ihm das Ballett „M“. Benoît Jacquot und Lewis John Carlino verfilmten Mishima-Romane, und Hans Werner Henze, Toshiro Mayuzumi und Hosokawa Toshio komponierten Opern und Musikstücke. Zu den Autoren, die buchlange Essays über ihn verfassten, zählen Marguerite Yourcenar, José Luis Ontiveros und Henry Miller sowie bekannte Psychologen und Kulturkritikerinnen wie Hélène Piralian und Catherine Millot. Die Liste der Autoren aus vielen Sprachen und Weltregionen, die sich literarisch an ihm abarbeiten, wächst Jahr für Jahr.

Selbst in Japan, wo zwischen 2000 und 2006 die neueste Kritische Werkausgabe in 45 dickleibigen Bänden vorgelegt wurde, kennt man zumeist nur einen kleinen Ausschnitt aus seinem Œuvre. Manch ein prominenter jüngerer Autor macht erst auf globalen Umwegen mit ihm Bekanntschaft. Kazushige Abe, Jahrgang 1968, der inzwischen mit einer Mishima-Dramenparodie hervorgetreten ist, gestand, dass er erst durch den von David Bowie gesungenen Titelsong eines Films von Nagisa Oshima auf Mishima stieß und zum Schreiben fand. Die neuerliche Attraktivität Mishimas lässt sich wohl auch auf die künstlerische Vielseitigkeit zurückführen, mit der er sich in allen Sparten, von der Hochkultur bis zur Subkultur, bewegte, so dass auch noch die jugendlich-kitschigen Romanzen der heutigen Mädchen-Manga und martialische Videospiele in seinem Werk einen Angelpunkt finden.

Für diverse Gruppierungen fungiert Mishima als globale Ikone, seien es Neokonservative und Nationalisten, aber auch Neofolk, Bodybuilder und LGBTQ. Für postmoderne Romanautoren ist er besonders attraktiv. Wenn sich etwa Christian Kracht in seinem 2016 erschienenen Roman „Die Toten“ oder Dany Laferrière, ein kanadischer Autor mit haitianischen Wurzeln, in seinem 2008 auf Französisch verfassten Roman „Ich bin ein japanischer Schriftsteller“ durchgängig und auf verschiedenen Ebenen auf Mishima beziehen, so durchaus nicht affirmativ, sondern in einer wilden Mischung von Übertreibung und Dekonstruktion, von Überhöhung und Lächerlichmachen. Doch auch in diesen typisch schillernden Kreationen mit ihren Subtexten behält Mishima eine Art Modellcharakter.

Paradoxerweise sind Satire und Ridikülisierung wohl besonders geeignet, das vom Autor selbst geschaffene Gesamtkunstwerk Mishima ernst zu nehmen. Doch weiterhin ist dieser literarische Einzelgänger für Überraschungen gut. Sich auf Mishima einzulassen bleibt irritierend und schmerzhaft, denn er verletzt immer wieder das literarische, moralische und politische Empfinden.

Irmela Hijiya-Kirschnereit ist die Doyenne der deutschen Japanologie. Sie lehrt an der Freien Universität Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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