Helmut Lethen wird achtzig

Verhalte dich kalt!

Von Christian Geyer
14.01.2019
, 11:28
Helmut Letten, geboren 1939 in Moenchengladbach, Deutschland. Germanist und Kulturwissenschaftler und Autor zahlreicher Buecher.
Am heutigen Montag wird Helmut Lethen, dieser bravouröse Analytiker unseres Maskenspiels, achtzig Jahre alt. Doch der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen denkt nicht an Ruhestand. Er ist nach wie vor ungeheuer produktiv.
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Er sei ein wenig ratlos im Moment, sagte Helmut Lethen neulich der Wochenzeitung „Freitag“: „Von linker Seite bröckeln die Kontakte ab. Die Rechten zerren hingegen an mir. Sie wollen mich in Publikationsprojekte involvieren. Die Berliner AfD hat mich zu einer von ihr veranstalteten 68er-Tagung eingeladen. Deren Einladungen nehme ich aber nicht an. Ich will bei denen nicht mitmischen. Ich bewege mich zunehmend im Niemandsland.“

In seinem linken Herkunftsmilieu würden nun etliche den Kontakt mit ihm meiden, so der Kulturwissenschaftler Helmuth Lethen, und zwar seitdem er sich für ein Porträt der „New York Times“ mit seiner Ehefrau Caroline Sommerfeld habe ablichten lassen, die wiederum als Protagonistin der Identitären auftritt und veröffentlicht (F.A.Z. vom 9. Juni 2018). Hier, in solchen Kontaktvermeidungs-Szenarien, wird greifbar, dass die politische Auseinandersetzung einen viralen Charakter angenommen hat, also in den Kategorien von Ansteckung und Kontamination geführt wird. Familienmitglieder einer rechts eingestellten Person geraten dann unversehens in eine Art „Sippenhaft“ (Lethen), welche in diesem Fall nicht nur den Ehemann betrifft, einen sich bis heute links verortenden Gelehrten der Achtundsechziger-Generation, sondern auch zwei gemeinsame Kinder, die ihrer politisch unliebsamen Mutter wegen der Waldorf-Schule verwiesen wurden (F.A.Z. vom 7. September).

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Was als Armutszeugnis und Ausdruck eines feigen Konformismus den Rechten nur in die Hände spielt – die linksliberal betitelte Exklusion des politischen Gegners als Unberührbarer –, trifft mit Lethen heute jemanden, der bis 1975 Mitglied der maoistischen Kommunistischen Partei Deutschlands-Aufbauorganisation (KPD-AO) war und mit diesem politischen Hintergrund zunächst nach Utrecht emigrierte, wo er von 1977 bis 1995 eine Professur für Literaturwissenschaft bekleidete, bevor er von 1996 an bis zu seiner Emeritierung 2004 in Rostock Neueste Deutsche Literatur lehrte. 2007 übernahm Lethen die Direktion des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaft in Wien. Seit 2016 hat er eine Professur an der Kunstuniversität Linz.

Sein 1994 erschienenes Kultbuch „Verhaltenslehren der Kälte“ (es geht darin um neusachliche „Lebensversuche zwischen den Kriegen“, im Grunde aber um einen Gegenentwurf zum Kult der Authentizität), habe er von 1990 bis 1993 „mit dem Hintern auf der Heizung“ in der Plattenbausiedlung Maarsenbroeck zwischen Utrecht und Amsterdam geschrieben, erzählte der Autor am Wochenende auf einer nach der Aktualität seines Buchs fragenden Tagung mit dem Titel „Keep cool“. Weil diese Schrift den Erfahrungsmodus der Mittelbarkeit und Indirektheit im Anschluss an Helmuth Plessners Anthropologie stark mache, so Lethen, würden die „Verhaltenslehren der Kälte“ heute auch als antipopulistisches Werk wahrgenommen und neu entdeckt.

Lethen ist nach wie vor ungeheuer produktiv. Zuletzt sprach er in Vorträgen zum Thema „Realismen der Avantgarde“ und über Versuche, deren Sprengkraft demokratietheoretisch zu „neutralisieren“. Zu seinen jüngsten Publikationen zählen die Bücher „Der Schatten des Fotografen. Bilder und ihre Wirklichkeit“ (2014) sowie „Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt“ (2018). Abgründig Lethens von Walter Seitter inspiriertes Konzept einer „Unterdruck-Identität“, welche den Menschen für Einfälle von außen hoch anfällig und sein seelisches Zentrum als „Hohlraum“ beschreibbar mache. Am heutigen Montag wird Helmut Lethen, dieser bravouröse Analytiker unseres Maskenspiels, achtzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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