Frankfurter Paulskirche

Für die großen Augenblicke

Von Wolfgang Pehnt
09.11.2020
, 20:25
Die Frankfurter Paulskirche bei der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2020. Empfänger des Preises war der  indische Wirtschaftswissenschaftler, Philosoph und Nobelpreisträger Amartya Sen.
Der spartanische Charakter der Frankfurter Paulskirche ist elementar für die Wirkung der Gedenkstätte. Nur so kann sie als Spiegelbild einer gelebten Demokratie empfunden werden. Ein Gastbeitrag.
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Der Göttin namens Aura schrieb die griechische Mythologie ein mehrdeutiges Schicksal zu. Zuständig für die Morgenbrise, gehörte sie dem Titanengeschlecht an, handelte hochmütig, wurde von Dionysos geschwängert, verfiel dem Wahnsinn und wurde schließlich von Göttervater Zeus in einen fließenden Strom oder eine luftige Brise verwandelt. Mit so einer windigen Figur möchten die drei Autoren des Gutachtens, das der Bundespräsident zur Gestaltung der Frankfurter Paulskirche in Auftrag gab, nichts zu tun haben. Der Ort besitze keine ästhetische Evidenz und sei „ohne Aura“, die den Betrachter in die Vergangenheit mitnehme. „Erinnerungspolitisch“ handele es sich um ein Desaster.

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Man reibt sich die Augen. Es geht um dasselbe Gebäude, dessen Neuerrichtung nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg als eben das gedacht war: ein Baukunstwerk von hohem Symbolwert. Der Aufruf, den die Stadt Frankfurt in den ersten Tagen des Jahres 1947 zum Wiederaufbau der Paulskirche erließ, richtete sich an das gesamte besiegte Land: „Ganz Deutschland muss die Paulskirche wieder aufbauen, von außen und von innen, im Stein wie Geiste!“ Aus der Erinnerung an das erste gewählte deutsche Parlament von 1848 entstand die Hoffnung auf ein neues demokratisches Staatswesen.

In ihm war der Paulskirche als Versammlungsort und Festhaus eine zentrale Rolle zugedacht, zumal Frankfurt bis 1949 noch die Würde und Bürde einer Bundeshauptstadt anstrebte und einen geeigneten Parlamentssaal anzubieten suchte. Das Jahr zuvor, die Hundertjahrfeier des Paulskirchenparlaments, war als Fertigstellungsdatum des Wieder- oder besser Neuaufbaus erstrebt. Trotz Materialknappheit und dringendster Aufräumarbeiten in der zerstörten Stadt wurde der Termin auch eingehalten. Der Vergleich mit heutigen Planungs- und Bauzeiten bei öffentlichen Aufträgen liegt nahe.

Auch Tauschobjekte wurden gespendet

Die Adressaten des enthusiastischen Aufrufs reagierten wie erhofft. Für die Paulskirche wurden nicht nur Geld, Steine, Fichtenstämme und Dachpappe gespendet, sondern als Tauschobjekte gegen Handwerkerleistungen und Baumaterialien auch Kornsäcke, Zigarren und, von der Gemeinde Bergen-Enkheim, fünf Zentner Äpfel. Sogar die Sozialistische Einheitspartei beantwortete die Bitte des Frankfurter Oberbürgermeisters mit der Überweisung von 10.000 Mark.

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Auf die neuen Aufgaben bezieht sich jede formale Entscheidung, die von dem Architektenteam Gottlob Schaupp, dem Gewinner eines unter hessischen Architekten ausgeschriebenen Wettbewerbs, Stadtbaurat Eugen Blanck, dem Architekten Johannes Krahn und dem „Hauptplanleger“ Rudolf Schwarz getroffen wurde. Wie viele seiner Zeitgenossen war auch Schwarz von der Kirchenruine der Paulskirche tief beeindruckt: Mauerwerk in rauchgeschwärzten Sandsteinquadern, das kuppellose Oval zum Himmel offen. Verfall in römischer Größe. „Die große Ruine war weitaus herrlicher als das frühere Bauwerk“, meinte Schwarz, der sich wie so oft zum Wortführer machte. „So schön war das Bauwerk noch niemals gewesen, und wir erreichten, dass es so blieb.“

Dieses Pathos ist in den neuen Bau eingegangen. Das im Gegensatz zum früheren Steildach flachgewölbte („Schildkröten“-)Dach assoziiert die Gebäudehöhe, auf die der Krieg das Bauwerk reduziert hatte. Von außen wirkt es wie ein Flachbau. Andererseits wird lichte Weite erfahrbar, sobald man aus dem Eingangstunnel gelangt ist, das untere, neu eingezogene Geschoss – die Wandelhalle mit ihren vierzehn dicken Marmorsäulen – durchquert und einen der beiden Treppenläufe, die sich innen um den Gebäudemantel legen, erstiegen hat. In dem Vorkriegszustand der im späten achtzehnten Jahrhundert begonnenen, aber erst 1833 eingeweihten protestantischen Hauptkirche hatte hier ein Emporengerüst den Raum verengt.

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Aus dem Dunkel zum Licht

Aus der Laterne der Kuppel fällt das Tageslicht wie aus dem zentralen Auge des römischen Pantheon. Nur dass es in Rom durch das offene runde Loch im Dachgewölbe hereinregnen kann und in Frankfurt nicht. Auch die Lichtschnüre, in Schwarzschen Kirchbauten ein sakral konnotiertes Element, verbinden in der Paulskirche das Oben mit dem Unten. Der Weg aus dem Dunkel zum Licht war Thema dieses Gedenkbaus: „Der Aufstieg aus dem Dunkel und Drückenden ins Helle und Freie ist stark, und wir dachten uns etwas dabei. Der Bau sollte sagen, was diese Versammlung in diesem Hause für unser Volk zu tun hatte.“ Ein Bauwerk ohne Aura? Oder gar mit der Aura eines unpolitischen „Sakro-Existentialismus“, wie vor ein paar Jahren über Rudolf Schwarz in der „Zeit“ zu lesen stand?

Das Schicksal der Paulskirche war eng verbunden mit dem des Goethehauses. Beide Bauten stehen wenige hundert Meter voneinander entfernt. Auch der zeitliche Abstand ihrer Entstehung ist nicht groß. Das Haus am Großen Hirschgraben Nr. 23 ging im Jahre 1754 aus der Zusammenführung zweier älterer Wohnhäuser hervor, der Rohbau der klassizistischen Kirche wurde dreiunddreißig Jahre später nach einem Entwurf von Johann Andreas Liebhardt begonnen. Im Zweiten Weltkrieg erlitten beide Bauwerke das gleiche Schicksal und brannten vollständig aus.

Ihren symbolischen Rang mag man heute mit größerer Gelassenheit betrachten. Im zerstörten Nachkriegsdeutschland wurde ihnen dagegen eine geradezu inbrünstig beschworene Aktualität zugemessen, sie galten als „heilige Aufgaben“. Ernst Beutler, Direktor des Freien Deutschen Hochstifts und Schöpfer des Frankfurter Goethemuseums, forderte den Wiederaufbau seines Hauses „im Namen der Nation“. Oberbürgermeister Walter Kolb sah den Hirschgraben dank des Goethehauses als „via sacra“. Auch die Rekonstruktion beider Gebäude hing voneinander ab. Zeitweise mussten die Leute vom Goethehaus zähneknirschend dulden, dass Bauarbeiter zugunsten der Paulskirche abgezogen wurden: Der Termin 1948 musste eingehalten werden. Die Arbeiten am Goethehaus dauerten entsprechend länger.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten wurden die beiden Frankfurter Gedenkstätten nicht zu Pendants, sondern zu Alternativen im Umgang mit Vergangenheit. Die Wiederherstellung des Goethehauses lief auf eine getreue Kopie hinaus, zumal Maße vorhanden waren, Plan- und Bildmaterial zur Verfügung stand, die Inneneinrichtung dank der Vorsorge Beutlers rechtzeitig ausgelagert worden war. Auch im Falle der Paulskirche stellte sich die Alternative, den Bau einem historisch getreuen Wiederaufbau zu unterziehen. Es war die Entscheidung der Paulskirchen-Planer, dagegen die in der Zerstörung offenbarte Großartigkeit der Ruine in den Neubau zu übernehmen.

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Aber ein wörtliches Faksimile blieb auch für die Bauherren der Paulskirche eine ständige Versuchung. Als in den achtziger Jahren eine erste große Sanierung anstand, musste die Witwe des Architekten, Maria Schwarz, ihre ganze Überredungskunst aufbieten, es bei gestaltwahrenden Änderungen in Fensterverglasung, Deckenisolation, Akustik und Elektronik zu belassen. An der Decke laufen seitdem weiße Holzlatten konzentrisch auf den zentralen Okulus zu, die Helligkeit der Wände mit der des Lichtkranzes verbindend.

Heute wird die Vergegenwärtigungskraft dieses Bauwerks abermals in Frage gestellt. Es wird als Ausdruck „radikaler Bußhaltung“ schlechtgemacht, statt als Spiegelbild eines neuen, zweiten Aufbruchs in eine gelebte Demokratie empfunden zu werden. Denn die Paulskirche hat nicht nur eine große Vergangenheit, die des ersten gewählten Parlaments, sondern deren zwei: 1848 und 1948. Der vermutete Abstand zur Nationalversammlung sollte nicht zu einem Abstand zu jener Staats- und Lebensform führen, der das Gehäuse in seiner jetzigen Gestalt dient und wir mit ihm.

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Hat große Augenblicke gesehen

Was macht eine Aura aus? Nicht nur die Ausstrahlung seiner Form, sondern auch die Erinnerung an das, was in dem Bau geschehen ist und noch weiter in ihm geschieht. Dieser Ort, in dem der zurückgekehrte Emigrant Fritz von Unruh zur Eröffnung eine Festrede hielt, die viele damalige Hörer bewegte, hat große Augenblicke gesehen und gehört, Reden etwa, wie sie von den meisten Trägern des Friedenspreises des deutschen Buchhandels oder des Goethepreises gehalten wurden. Zugegeben, es waren auch solche darunter, bei denen man sich fragt, was ihre Urheber – Wunderheiler im übertragenen und manchmal, als die Vermietungsregeln noch nicht so streng waren, auch im wörtlichen Sinn – am marmornen Rednerpult zu schaffen hatten.

Mehr als auf eine Neuinszenierung des Interieurs wäre auf die Fragen zu achten, die hier verhandelt werden, und auf eine erhaltende Pflege der Umgebung, in der sie gestellt werden. Ein zusätzliches Nachbargebäude, das der Information und Kommunikation dient und der Paulskirche eine stadträumliche Fassung böte, wäre willkommen. Aber das Erlebnis des Raumes, so wie er in Zeiten der Not mit den spartanischsten, doch auch elementarsten Mitteln der Architektur entstanden ist, muss erhalten bleiben. Und es sollte sich nicht mit dem Missvergnügen verbinden, das aus dem Gutachten der drei Autoren spricht, sondern mit dem Respekt für ein Werk der Baukunst.

Wolfgang Pehnt ist Architekturhistoriker. Er antwortet auf den Beitrag „Ohne Aura“, in dem Herfried Münkler, Hans Walter Hütter und Peter Cachola Schmal für eine Neugestaltung der Paulskirche plädiert hatten.

Quelle: F.A.Z.
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