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Woher das Kleingärtnern kommt

Herr Schreber würde staunen

Von Andreas Platthaus
 - 19:26

In Deutschland ist die Rede vom Schrebergärtnern immer noch geläufiger als die von „Urban Gardening“, und mehr Schreber als in Leipzig ist nirgends. Wenn man mit dem Rücken zum Portal vor der Martin-Luther-Kirche steht, also auf der Stelle, wo 1865 der erste Schreberplatz eingerichtet wurde, aus dem vier Jahre später der erste Schrebergarten wurde, blickt man in die Schreberstraße, von der nach hundert Metern die Schrebergasse abgeht. Die lassen wir aber rechts liegen, denn geradeaus führt die Schreberstraße am Ende auf die Schreberbrücke, hinter der das Schreberbad liegt und jenseits davon der älteste noch erhaltene Schrebergarten. Wobei man sagen muss, dass Daniel Gottlob Moritz Schreber, Medizindozent an der Leipziger Universität, verblüfft gewesen wäre, wenn er wüsste, wie vielfach ihn seine Vaterstadt geehrt hat. Denn zu seinen Lebzeiten (1808 bis 1861) war gar keine Rede vom Schrebern, und mit Gartenbau hatte Schreber ohnehin nichts am Hut.

Kleingärten für Kinder

Er war begeisterter Turner, und obwohl seine bekannteste Publikation „Aerztliche Zimmergymnastik“ hieß, hatte er sich 1860 für öffentliche Turn- und Spielplätze in Leipzig ausgesprochen, um die Stadtkinder an die frische Luft zu bringen. Diese Anregung wurde nach Schrebers Tod von dem gleich alten Schullehrer Ernst Innocenz Hauschild aufgenommen, der Schreber selbst aber wohl nie begegnet ist. Hauschild bekam von der Stadt Leipzig neben dem gerade frischangelegten Johanna-Park an der westlichen Peripherie ein Grundstück günstig verpachtet, auf dem er ganz nach Schrebers Vorstellungen 1865 ein Turnfeld eröffnete, das aber allgemein als Spielplatz betrachtet und zu Ehren des Ideengebers als „Schreberplatz“ bezeichnet wurde.

Nach Hauschilds Tod 1866 übernahm sein Berufskollege Karl Gesell die Leitung der Einrichtung und verwirklichte dort 1869 außer dem Turnplatz noch ein eigenes Ideal: Kleingärten für Kinder. Da der Begriff „Kindergarten“ schon besetzt war, nannte man sie „Schrebergärten“, und als angesichts des Unwillens der lieben Kleinen, sich kontinuierlich um die Pflanzenpflege zu kümmern, deren Eltern die Anlagen übernahmen, wurden die zu den ersten Schrebergärtnern. Noch im neunzehnten Jahrhundert gründeten sich in Leipzig sieben weitere Schrebervereine, die nach diesem Vorbild Kleingärten zur Pacht anboten, und bald folgten weitere Nachahmer in ganz Deutschland. So wurden die „Schrebergärten“ populär.

Heute schwer vermittelbar

Der erste wurde allerdings schon 1875 von der Stadterweiterung erreicht und musste deshalb umziehen: auf das Areal am Ende einer neuen Straße, die am alten Standort ihren Ausgang nahm und deshalb „Schreberstraße“ getauft wurde. Dort befindet sich die Gartenanlage heute noch, und im 1896 errichteten Vereinsheim residiert das Deutsche Kleingärtnermuseum, das nur deshalb nicht „Schrebermuseum“ heißt, weil es neben den Schrebervereinen auch zahlreiche andere Initiativen gab, die Kleingärten verpachteten.

Heute haben es die Schrebergärten schwer – auch wegen ihrer schnellen Ausbreitung vor mehr als hundert Jahren. Ältere Anlagen haben oft keine moderne Strom- oder Wassererschließung zu bieten, was die Gärten schwer vermittelbar macht. Einige Vereine überlebten dank ausländischer Interessenten, aber in den letzten Jahren regte sich unter Schrebergärtnern bisweilen Widerstand gegen „Überfremdung“. Die älteste Schrebergartenanlage dagegen ist voll verpachtet, und da zur denkmalgerechten Wiederherstellung ihres ursprünglichen Aussehens einige dort später eingerichtete Sparten wieder aufgelöst werden sollen, muss man keine Sorge haben, dass im schrebergeprägten Erinnerungsgefüge von Leipzig am Ende keine Schrebergärtner mehr zu finden wären.

Dieser Artikel stammt aus der Feuilleton Live-Ausgabe Gärten.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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