Deutsche Bahn

Geisterbahn

EIN KOMMENTAR Von Jan Wiele
05.07.2022
, 06:43
Sind sie wirklich da? Reisende am Frankfurter Hauptbahnhof
Die Deutsche Bahn setzt jetzt voll auf virtuelle Realität: Manche Züge fahren nur noch in dieser, nicht aber auf dem Gleis. Man könnte auch von einem Realitätsverlust sprechen.
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Die Deutsche Bahn ist angekommen in der virtuellen Realität: Züge, die nicht auf dem Gleis stehen, existieren immerhin in der DB-App (natürlich mit Echtzeitanalyse: grüne Abfahrtszeit, na, dann scheint ja alles roger!), sie existieren auch auf der Hauptanzeigetafel des Frankfurter Hauptbahnhofs, und sogar beim Nachfragen am Infoschalter sagt der zuständige Mitarbeiter, nachdem er länger auf den Bildschirm geschaut hat, laut seiner Kenntnis fahre der betreffende Zug pünktlich auf Gleis 1a.

Pro­blem nur: Wir kommen gerade von Gleis 1a. Dort war die Stimmung fast wie in der Anfangsszene von „Spiel mir das Lied vom Tod“ – bis auf etwa zweihundert Menschen mehr, die in der Hitze warteten, aber sonst wirklich fast genauso! Und als die Durchsage kam, der Zug fahre nicht aufgrund fehlenden Personals: Stimmung! Wie kann es sein, fragen wir am Infoschalter, dass an so einem großen Bahnhof die wichtigste Anzeige Züge anzeigt, die es nicht gibt? Antwort: „Das ist hier alles automatisch, da können wir nichts machen.“ Und woher kommt dann die Durchsage auf dem Gleis, der Zug falle aus? Sie wissen es nicht. Klar, sie sitzen ja nur in der Zentrale, da sind ihnen die Hände gebunden. Muss wohl eine Geisterstimme sein, aus einem fernen Land, in das diese Dienstleistung outgesourct wurde.

Heinzelmännchen in der Geheimzentrale?

Oder vielleicht sitzen ja auch irgendwo unter dem Bahnhof Heinzelmännchen in einer Geheimzentrale und steuern all die widersprüchlichen Informationen mit diebischer Freude, so wie in jener Fernsehwerbung, in der Reisende immer wieder zwischen Bahnsteigen hin- und hergeschickt werden – nur jetzt in echt, und die Heinzelmännchen lachen sich ständig kaputt? Die denken sich bestimmt auch Durchsagen aus wie: „Grund dafür ist die derzeit eingeschränkte Verfügbarkeit der Gleise.“ Oder planen schon den nächsten Witz, der dann am folgenden Tag zündet: Wieder kein Zug. Blick auf die Anzeige über dem Bahnsteig: „Bitte informieren Sie sich über alternative Medien.“ Ach so, denkt man, damit meinen die vielleicht die App oder die Hauptanzeigetafel im Bahnhof! Klar, dort gibt es den Zug ja vielleicht, dann ist ja alles gut. Vielleicht gehen all die dort so wunderbar fahrenden Geisterzüge ja sogar in eine Statistik ein, in der dann alles grün ist.

Und vielleicht sitzt in diesen Zügen ja all das Personal, das der Bahn anderswo fehlt, und trinkt sämtliche Heißgetränke aus den geschlossenen Bordbistros der in der Realität fahrenden Züge und danach sämtliche Kaltgetränke, die es in den realen Zügen auch oft nicht gibt, weil die Kühlung nicht geht, und aus Jux und Dollerei machen sich all die Geister-Bahnbegleiter dabei am laufenden Band Mini-Flammkuchen – einfach, weil sie es können.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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