Deutscher Sachbuchpreis

Konserviert für die Ewigkeit

EIN KOMMENTAR Von Kai Spanke
18.05.2022
, 06:25
Die nominierten Titel des Deutschen Sachbuchpreises 2022
Ende des Monats wird der Deutsche Sachbuchpreis verliehen. Schon vorher können interessierte Leser eine Auswahl der nominierten Titel als NFT inklusive Gimmick erwerben. Was soll das?
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Wenn Kinder neue Bücher bekommen und sich sofort danach erkundigen, ob Bilder drin seien, muss dahinter nicht der Beginn einer geistigen Versteppung liegen. Das Nacheinander der Buchstaben, Wörter und Sätze ist einfach schöner, wenn es ein Nebeneinander von Figuren, Mustern und Menschen zur Seite gestellt bekommt. Interessieren sich Erwachsene mehr für die si­gnier­te Erstausgabe von Ian Flemings „Casino Royale“ (etwa vierzigtausend Euro) als für dessen Kindle-Edition (keine drei Euro), zeugt das häufig ebenfalls vom Wunsch nach ästhetischer Aufwertung.

Das weiß auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Sachbücher, sagt nun dessen Leiterin für Marketing und Kulturprojekte Anne-Mette Noack, sollten „einen Beitrag dazu leisten, die Zeit, in der wir leben, besser zu verstehen“. Erreichen lasse sich dieses Ziel besonders gut mit digitalem Firlefanz (unser Wording, nicht ihres): Am 30. Mai findet die Verleihung des mit 42.500 Euro dotierten Deutschen Sachbuchpreises zum zweiten Mal statt.

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Allerdings nicht nur im Berliner Schloss, sondern zusätzlich im virtuellen Raum. Die digitale Urkunde für das Sachbuch des Jahres wird nämlich auch auf der Blockchain eingeschrieben, was ein Einzigartigkeitsgarant sei (Benjamin! Aura!). Zusammen mit Creatokia, einer NFT-Plattform für die Buchbranche, hätten Verlage so die Möglichkeit, „die Technologie rund um Non-Fungible Tokens zu erproben“ und, wird man ergänzen dürfen, auszukundschaften, wie lukrativ die Sache ist.

Unterschiede spielen im Metaversum kaum eine Rolle

Vor der Verleihung können Interessenten limitierte Sonderausgaben ausgewählter Titel kaufen. Darin enthalten sind das E-Book mit Cover, digitaler Signatur und Jurybegründung sowie mindestens ein weiterer digitaler Zusatzinhalt. Donnerwetter, denken Sie nun sicherlich, eine beigefügte Jurybegründung, gerade so was will man ja immer wieder lesen. Und was könnte etwa bei Samira El Ouassils und Friedemann Karigs nominiertem Buch „Erzählende Affen“ der Zusatzinhalt sein? Stammbaum-Illus­trationen (Pan, Gorilla, Homo...)? Fünf Seiten Narratologie für Dummies? Dürfen sich die Leser von Stefan Creuzbergers Abhandlung „Das deutsch-russische Jahrhundert“ auf Lebenslauf und Publikationsliste Gerhard Schröders freuen? Oder, gerade in diesen Zeiten, digitalen Weißraum für Notizen?

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John Ruhrmann, Geschäftsführer bei Creatokia, sagt, er wette darauf, „dass Literatur und Metaverse zusammengehören“. Ob das auch für Sachbücher gilt, bleibt offen. „Der große Schlaf“ oder „Die Schlafwandler“, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ oder „Eine kurze Geschichte der Zeit“ – spielen die Unterschiede im Metaversum noch eine Rolle? „Zeit“ ist übrigens ein gutes Stichwort, denn Vergänglichkeit ist oft genug – etwa bei Vorzugsausgaben auf hochwertigem Papier – eine Voraussetzung von Schönheit. Wenn es also auf der Homepage von Creatokia heißt, mit dem Einschreiben auf die Blockchain würde „der Deutsche Sachbuchpreis für die Ewigkeit konserviert“, klingt das wie das Gegenteil eines ästhetischen Versprechens.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
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