Wilco in Frankfurt

Selbst der Drummer ist zum Verlieben

Von Philipp Krohn
19.06.2022
, 12:50
Wilco-Sänger Jeff Tweedy
Sie surfen abenteuerlich zwischen Kraut-, Prog- und klassischem Rock und begeistern nicht nur mit individueller Qualität, sondern auch als Kollektiv: Über das Glück, Wilco live zu erleben.
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Fans der amerikanischen Rockband Wilco haben schon länger ein Luxusproblem. Vierzehn Alben hat die Formation aus Chicago seit Mitte der neunziger Jahre veröffentlicht, davon zwei gemeinsam mit dem britischen Singer-Songwriter Billy Bragg ausschließlich mit Woody-Guthrie-Kompositionen. Das eigene Werk ist stilistisch abenteuerlich heterogen mal mit dem Schwerpunkt Country und Folk Rock, vor allem in der mittleren Schaffensphase kommen Kraut, Prog und Classic Rock sowie „Adult Pop“ hinzu. Zugleich ist ihr Oeuvre qualitativ so homogen, dass über ein Vierteljahrhundert ein umfangreiches Repertoire entstanden ist. Daraus schöpft die Band nach Belieben und macht jeden Konzertabend einzigartig.

In einem verzaubernden Auftritt in Frankfurts Alter Oper fehlen also Klassiker wie „Theologians“ oder „One Wing“, von „How to Fight Loneliness“ oder „One Sunday Morning“ oder „Ashes of American Flags“. Ihr frühes Meisterwerk „Being There“ sparen sie wie meistens auf Deutschland-Tournee vollständig aus.

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Das aber stört gar nicht, weil Songschreiber und Sänger Jeff Tweedy seit Bandgründung so viel zum Great American Songbook beigetragen hat wie sonst allenfalls Mark Oliver Everett von den Eels. In die zwei Stunden passen einfach nur 23 Songs. Fast die Hälfte stammt von ihrem neuen Album „Cruel Country“, dem ersten seit Ende der neunziger Jahre, auf dem sie ihre Country-Wurzeln intensiv ausleben.

Formvollendet auf Perserteppichen

Und so haben die Zuhörer in Frankfurts edelstem Konzertsaal auch Glück. Den Opener „A Shot in the Arm“ und den Klassiker „Hummingbird“ führt das Sextett erstmalig auf der aktuellen Tour auf. Auch der mit Banjo-Solo veredelte Guthrie-Song „California Stars“ erlebt seine Premiere.

Die Musiker haben es sich auf drei Perser-Teppichen formvollendet gemütlich gemacht. Seit den zerstrittenen neunziger Jahren mit dem ambitionierten Zweitsongschreiber Jay Bennett, seit Tweedy nacheinander eine Alkohol-, Cannabis- und Tablettensucht überwunden hat, zählen Harmonie und Zusammenspiel in dieser Band besonders viel.

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Und das überträgt sich. Das Zusammenspiel dieser sechs Individualisten, die zu einem phantastischen Kollektiv gewachsen sind, ist atemberaubend. Die Rhythmusgruppe aus dem ewigen Ruhepol John Stirratt am Bass und Glenn Kotche, einem der einfallsreichsten Rockdrummer seiner Epoche, legt das solide und manchmal auch nervöse Fundament.

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Am Ende siegt der Song

Die beiden Keyboarder Mikael Jorgensen und Pat Sansone (häufig auch an allerlei Saiteninstrumenten) verpassen Wilco mit ihren alten Instrumenten einen sehr erdigen Sound. Tweedys Rhythmusgitarre und sein glasklarer und doch berührender Gesang machen die Band unverwechselbar. Und Gitarrenvirtuose Nels Cline bekommt viele Gelegenheiten für seine sperrigen Soli.

Am stärksten rattert das Kollektiv, wenn sich die Band in „Handshake Drugs“ den Spaß erlaubt, eine Mitsing-Hymne immer wieder mit Gitarren-Feuerwerken anzugreifen, um am Ende doch den Song siegen zu lassen. Oder im neuen Doppelsong „Bird Without a Tail/Base of my Skull“, in dem drei Gitarren so schön umeinander mäandrieren, dass man an die Verspieltheit der Grateful Dead denken muss, allerdings kombiniert mit der Direktheit von Neil Youngs Crazy Horse. Oder in „Impossible Germany“, in dem Kotche zeigt, dass zum dynamischen Schlagzeugspiel nicht nur das Draufhauen gehört, sondern auch das Weglassen und das Antreiben der Band. Oder in „Via Chicago“, das sie mit dem neuen Song „Many Worlds“ zu einem Medley verschmelzen.

Brauchen keine Smash-Hits: Wilco mit Gitarrist Nels Cline im Vordergrund
Brauchen keine Smash-Hits: Wilco mit Gitarrist Nels Cline im Vordergrund Bild: Michael Braunschädel

Es bleibt irritierend, wie eine Band mit diesem beachtlichen Output zwar Kritiker regelmäßig zu Lobeshymnen verleitet, aber der Publikumszuspruch nicht ihrem Werk entspricht. In ihrer kreativsten Zeit haben sie nacheinander Bleibendes hinterlassen: „Being There“ ist das beste Country-Rock-Album seit „Will the Circle Be Unbroken“ der Nitty Gritty Dirt Band. „Summerteeth“ klingt wie eine verlorene Brian-Wilson-Aufnahme direkt nach „Surf’s Up“. „Yankee Hotel Foxtrott“ könnte die Beatles-Platte sein, die sie nach „Abbey Road“ aufgenommen haben. Und „A Ghost Is Born“ verbindet auf nie zuvor gehörte Weise Randy Newman mit Neu!

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Band für Liebhaber

Die Alte Oper aber ist nur zu zwei Dritteln gefüllt. Bis auf einen enthusiastischen Fan mit Cowboyhut in der ersten Reihe dauert es auch ein wenig, bis das Publikum auftaut. Doch viele von ihnen dürften selbst Instrumente spielen und genießen es, diese Virtuosen beim Arbeiten zu beobachten. Ein weiterer Grund für den zurückhaltenden Publikumszuspruch könnte der stilistische Eklektizismus sein: Die Band verlangt einem einige Toleranz ab (und belohnt diejenigen, die sie besitzen).

Und dann ist da noch eine wesentliche Komponente: die fehlenden Hits. Im Vergleich zu einigen Zeitgenossen haben Wilco nie auf Radio-, Streaming- oder Diskotauglichkeit geachtet. In seinen wenigen persönlichen Ansagen kokettiert Tweedy damit, indem er den vaudevilleartigen Schlager „Hummingbird“ als den Song ankündigt, mit dem die Band wohl zu einem Songcontest antreten würde. Und selbst „Jesus, etc.“, wenngleich eine eingängig- wundervolle Komposition, ist eben auch kein Smash-Hit.

Wilco bleibt eine Band für Liebhaber, die eine zerrissene Prog-Hymne wie „I Am Trying to Break you Heart“ genauso lieben wie den Sarkasmus im Titelsong ihrer aktuellen Platte „Cruel Country“ („I love my country like a little child – Red, white, and blue“). Und wenn die Band nach genau zwei Stunden als letzte Zugabe „The Late Greats“ aufführt, muss man auch ein bisschen an Wilco selbst denken: „The best songs will never get sung . . . – You can’t hear it on the radio.“

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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