Zukunft der Berlinale

Zwischen Sorge und Hoffnung

Von Bert Rebhandl
18.01.2021
, 22:09
Das Unausweichliche ist eingetreten: Die Berlinale, die in diesem Jahr zum 71. Mal stattfinden sollte, musste abgesagt werden. Was wird nun aus den Filmfestivals und ihrem Anspruch auf Exklusivität?

Etwa drei Wochen vor einem Filmfestival ist immer der große Tag: Bei der Programm-Pressekonferenz wird verkündet, welche Titel in welcher Sektion präsentiert werden. Im Fall der Berlinale 2021 war dafür der 20. Januar vorgesehen, in einem normalen Jahr wäre es also nun für späte Entscheidungen schon allerhöchste Eisenbahn gewesen. Doch auch für die Berlinale ist derzeit nichts normal. Lange hatte das Leitungsduo Carlo Chatrian und Marietta Rissenbeek an Plänen für ein „physisches Festival“ festgehalten. Als dann aber das Branchenblatt „Variety“ kurz vor Weihnachten Details über Alternativszenarien offenlegte, blieb keine andere Möglichkeit mehr, als das Unausweichliche einzuräumen: die für 11. bis 21. Februar geplanten 71. Internationalen Filmfestspiele Berlin mussten abgesagt werden.

Die Planungen fallen in eine kritische Phase, in der Hoffnungen auf einen Impfschutz auf Verunsicherung durch Virus-Mutationen treffen. Am Freitag hat die Berlinale nun konkretisiert, wie das vor Weihnachten hastig avisierte Zwei-Stufen-Modell aussehen soll: Vom 1. bis 5. März soll der European Film Market digital abgehalten werden, ein Publikums-Event im Juni soll folgen. Das ist wohl mit Bedacht immer noch vage gehalten, lässt nun aber doch deutlicher erkennen, wie das Festival seine Aufgaben zu erfüllen versucht, ohne zu einer reinen Online-Veranstaltung zu werden, wie es beispielsweise dem IFFR in Rotterdam Anfang Februar ergeht.

Premierenpartys kommen wieder

Unter Dieter Kosslick, 2001 bis 2019 Direktor des einzigen deutschen A-Festivals, ist die Berlinale ja beständig expandiert und wurde schließlich 2020 im ersten Jahr unter Carlo Chatrian und Marietta Rissenbeek zu einem echten Unikum: eine Größtveranstaltung mit eineinhalb Wettbewerben (Chatrian gründete mit „Encounters“ eine weitere Sektion), mehreren Begleitveranstaltungen mit Messe-Charakter (neben dem European Film Market noch das Nachwuchstreffen Berlinale Talents), einer Retrospektive und zu alldem 300.000 Besuchern bei den regulären, öffentlichen Vorführungen in vielen Teilen der Stadt.

Die aktuellen Umstände geben also nicht zuletzt auch Gelegenheit, die schiere Größe der Berlinale zu reflektieren. Trotz der ungünstigen Jahreszeit im Februar erlebte man das Festival in allen seinen Teilen immer als höchst lebendig. Cannes und Venedig haben im Vergleich die glücklichere Jahreszeit und die Umgebung einer Kleinstadt am Meer. Berlin (und Toronto im September) haben den Vorzug einer urbanen Umgebung und einer starken Verbindung zur lokalen Bevölkerung. Angesichts der enormen Flugbewegungen und der entsprechenden Kohlendioxidbilanz, die das Festival alljährlich mit sich bringt, wird man aber in Zukunft auch aus klimapolitischen Gründen darüber nachdenken müssen, welche Funktionen sich vielleicht anders erfüllen lassen. Der European Film Market in einer gedrängten Online-Version wird sich notgedrungen als entsprechender Probelauf erweisen. Für die meisten Berlinale-Besucher hat diese Veranstaltung bisher keine Rolle gespielt. Produzenten, Verleiher, nationale Vermarkter, Förderer sind hier unterwegs und sehen nicht nur die Filme der Berlinale, sondern unabhängig von Premierenlogiken potentiell alles, was der Jahrgang zu bieten hat. Der EFM ist nicht zuletzt eine wichtige Einnahmequelle für die Berlinale. In diesem Jahr muss das alles im Netz stattfinden. Da geht es nun also gerade darum, Mieten für virtuelle Marktstände auszuhandeln, eine digitale Infrastruktur für Podiumsdiskussionen zu finden und die Streams unabgreifbar zu machen.

Prinzipiell ist der Markt jener Teil der Berlinale, der sich am ehesten auch über 2021 hinaus für eine Homeoffice-Variante eignen würde: einen virtuellen Treffpunkt mit digitalen Screenings und vielleicht sogar eigenen Bieter-Tools bei umworbenen Filmen. Die internationale Website Festivalscope versucht schon seit einigen Jahren, diesen Markt zu erschließen. Allerdings ist das Angebot nach oben hin begrenzt: Vor allem die sehr einflussreichen großen Weltvertriebe bleiben zu Festivalscope auf Distanz und unterhalten in der Regel ihre eigenen digitalen Screening Rooms. Zudem ist das Filmgeschäft wie alle vergleichbaren Branchen stark ritualisiert. Es gehört geradezu zur beruflichen Identität, dass man das ganze Jahr über mit dem Tross unterwegs ist, von einem Festival, einem Empfang, einer Trailer-Show, einer Premierenparty zur nächsten. Dieses informelle Element lässt sich virtuell nicht reproduzieren, und deswegen spricht alles dafür, dass die entsprechenden Veranstaltungen, sofern die Infektions- und Immunitätslagen es irgendwann zulassen, in vollem Umfang zurückkommen. Und dass sie sich zunehmend mit den neuen Marktteilnehmern, den Streaming-Portalen, verbinden werden.

Die große Frage, die sich den Berlinale-Verantwortlichen gerade stellt, betrifft den Markenkern der A-Festivals: den Wettbewerb mit Uraufführungen. Der Pressemitteilung vom Freitag zufolge soll es im März auch einen Wettbewerb (wie auch ein Programm für alle anderen Sektionen) geben, der dann für die Industrie, nicht aber für die Presse zugänglich sein soll. Im Juni sollen die Filme dann öffentlich gezeigt und auch die Preise vergeben werden. Die Uraufführung ist so etwas wie die harte Währung eines Festivals. Es inszeniert dabei sich selbst und das künstlerische Produkt in einer synergetischen Konstellation. Als Cannes 2020 um eine Absage nicht mehr herumkam, blieb als symbolische Kompensation nichts anderes übrig, als eine Liste mit Filmen zu veröffentlichen, die als „Offizielle Selektion“ ausgewiesen wurde. Selbst in einem Jahr ohne Publikum an der Croisette ist das Label einer „Teilnahme“ in Cannes für Filme eine Auszeichnung, und Cannes konnte sich rühmen, zum Beispiel Wes Anderson auf seiner Seite zu haben. Vom New Yorker Filmkünstler lief „The French Dispatch“ in Cannes. Davor war er der Berlinale verbunden gewesen.

Ein Festival unter freiem Himmel

Der Preis für diese zunehmende Exklusivität der Premieren ist eine im Lauf der vergangenen Jahre immer strenger gewordene Absicherung durch Embargos und Konzentration von Screenings. Im Idealfall soll auch die Presse ihr Urteil aufgrund einer einzigen, vollbesetzten Vorführung finden. Entsprechende Rückkopplungseffekte sind dabei durchaus erwünscht. Wie bei einer Theaterpremiere wird dabei auch das Risiko entsprechend erhöht. Die öffentliche Meinung muss durch einen engen Kanal, den das Festival dem Film garantiert. In diesem Jahr muss sich die Öffentlichkeit also drei Monate lang gedulden, es wird so etwas wie eine Business-Premiere und eine richtige geben. Ein Spezialfall ist die Retrospektive, bei der es schon bisher besonders stark auf die Spezifizität von Termin und Projektion ankam; in vielen Fällen wird dabei ja auch eine historische Kino-Konstellation wiederhergestellt, mit 35-mm- oder sogar 70-mm-Kopien, für deren Vorführung es in Berlin ausgesprochen gute Bedingungen gibt.

Im Juni soll die Berlinale dann auch teilweise „unter freiem Himmel“ stattfinden. Das ist einerseits eine Erweiterung der Marke, schon bisher liefen Filme aus dem Februar im Sommer gern noch einmal in den populären Open-Air-Kinos. Zum anderen ist ein Kino ohne Saal der Gegenpol zur Logik der Verknappung, die das symbolische Kapital großer Festivals ausmacht. Die Berlinale hat es bisher sehr geschickt geschafft, diese Verknappung hinter ihren Publikumsmassen eher diskret zu organisieren. Der Jahrgang 2021 kann nun nicht viel anders, als dem Geschäft auch terminlich den Vorrang vor dem Gespräch einzuräumen: Wenn die Öffentlichkeit sich dann ein Bild machen kann, ist die Branche längst woanders.

Quelle: F.A.Z.
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