Die Ernährung der Deutschen

Schluss mit der Geschmacklosigkeit!

Von Jakob Strobel y Serra
12.03.2012
, 09:13
Es ist schlimm genug, dass wir massenhaft Fastfood in uns hineinstopfen. Noch schlimmer ist, dass wir behaupten, es schmecke uns
Wir essen zu billig und denken zu wenig über unser Essen nach. Das ist der eigentliche, der permanente Lebensmittelskandal. Ein Aufschrei am Rande der Verzweiflung.
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Jeder, der gerne reist und gerne isst, kann Geschichten erzählen von kulinarischen Erweckungserlebnissen am Straßenrand, von Garküchen und Trottoirrestaurants in Hanoi oder Kyoto, Bangkok oder Kanton, die aus nichts anderem als einem Eisentopf mit glühenden Kohlen, einem großen Kessel mit brodelnder Brühe, ein paar Plastikschemeln bestehen. Hier hockt man in Feinschmeckers Himmelreich, das seine Pforten niemals schließen möge, knackt unter Sternen und Tamarinden Krebse und Langusten, zahlt lächerliche fünf, sechs Euro, die man für ein Spottgeld hält. Und dann kommt man nach Hause zurück, sieht im Vorbeigehen, was wirklich billig ist: Döner für 2,80 Euro, Currywurst für 2,20 oder McDonald’s-Plastikpampe für 1,99 - und fragt sich, ob wir noch ganz bei Trost sind, so billig und so schlecht zu essen.

Beim Essen verhalten wir uns wie die drei berühmten buddhistischen Affen, die nichts Schlechtes sehen, nichts Schlechtes hören und nichts Schlechtes sagen wollen; nur dass wir nicht weise sind. Denn wir sehen nicht, dass wir uns von Ramsch ernähren. Wir wollen nicht hören, welcher Dreck in unserer Nahrung steckt. Und wir sagen nichts, weder anklagend noch selbstkritisch, wenn wir uns von der Nahrungsmittelindustrie mit falschen Versprechungen in die Falle locken lassen.

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Geld in ein zehngängiges Menü zu stecken, halten viele für dekadent

Deutschland erlebt einen wunderbaren Boom der Feinschmeckerei. Doch gleichzeitig haben ganze Bevölkerungsschichten, ganze Generationen es in ihrer Geizgeilheit und ihrem Küchenanalphabetismus fast verlernt, dass gutes Essen gutes Geld kostet und billiges Essen niemals gut sein kann, sondern bestenfalls nicht gefährlich ist. Sie sind bereit, für das Fünfundsechzig-Minuten-Konzert eines kapriziösen Popsternchens dreistellige Summen auszugeben.

Currywurst für 2,20 Euro: Gerade einmal zehn Prozent aller Konsumausgaben reservieren die Deutschen für das Essen. In vielen anderen Ländern ist es mehr
Currywurst für 2,20 Euro: Gerade einmal zehn Prozent aller Konsumausgaben reservieren die Deutschen für das Essen. In vielen anderen Ländern ist es mehr Bild: dpa

Das gleiche Geld in ein zehngängiges Degustationsmenü zu stecken, halten viele aber für pervers und dekadent - und machen ohne Wimpernzucken einen Familienausflug in den Freizeitpark, der nicht viel billiger ist als ein Besuch im Sternerestaurant mit Kind und Kegel. Und immer wieder hört man von solchen Menschen die Klage, dass sie sich Bio-Lebensmittel nicht leisten könnten. Es sind dieselben Menschen, die dafür sorgen, dass eine Firma wie Apple dank ihrer iPhones und iPads in einem einzigen Quartal einen Gewinn von dreizehn Milliarden Dollar macht.

In Deutschland kann man einen Becher Joghurt für neunzehn Cent, einen Liter Milch für 49 Cent, ein halbes Pfund Butter für 79 Cent und einen Liter Wein für 1,39 Euro kaufen, hergestellt von einer Lebensmittelindustrie, die uns ihre Dumpingware mit fast drei Milliarden Euro Werbeausgaben pro Jahr schmackhaft macht, bereitgestellt von den vier großen Lebensmittelhändlern Edeka, Lidl, Aldi und Rewe, die 85 Prozent des Marktes kontrollieren, mit dramatisch steigender Tendenz.

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Zwei Drittel der Babynahrung sind Bioprodukte

Gerade einmal zehn Prozent aller Konsumausgaben reservieren die Deutschen für das Essen, während es in Italien und Spanien knapp fünfzehn und in Frankreich 13,4 Prozent sind. Es geht aber noch schlimmer: In den Vereinigten Staaten, dem kulinarischen Reich des Schreckens und der Finsternis, sind es laut Vereinten Nationen 6,9 Prozent. Dahin dürfen wir nie kommen, doch wir sind auf dem besten Weg dorthin. Denn für die Hälfte aller Deutschen ist nach einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung der Preis das einzige Kriterium beim Essenskauf, und das, obwohl Lebensmittel in Deutschland vor allem wegen der Discounter-Diktatur ohnehin schon fünfzehn bis zwanzig Prozent billiger sind als bei unseren europäischen Nachbarn.

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Das alles führt dazu, dass Deutschland eine kulinarische Existenz voller Paradoxien an der Grenze zur Schizophrenie führt. Die Menschen haben immer mehr Sehnsucht nach Natürlichkeit und unverfälschtem Essen; gleichzeitig steigt der Anteil an Convenience Food unaufhaltsam. Sie schauen ganzen Brigaden von Fernsehköchen bei der Arbeit zu und essen dabei Industrie-Pizza, die teurer ist als selbstgemachte. Zwei Drittel der Babynahrung sind Bioprodukte, weil Babys nur das Beste bekommen sollen; doch der Gesamtanteil von ökologisch angebauten Lebensmitteln liegt bei kaum mehr als drei Prozent, weil es selbständig denkenden Menschen offenbar gleichgültig ist, wie ungesund sie sich ernähren.

Wir haben die Drei-Affen-Übung perfektioniert

Viele Autofahrer halten Biosprit für Teufelszeug, weil sie Angst um die Gesundheit des Motors in ihrem Wagen haben; doch bei ihrem eigenen Motor, ihrem Körper, machen sie sich kaum jemals solche fürsorglichen Gedanken. Es ist ein Unglück, doch so ist es: Die überwältigende Mehrheit der Deutschen gibt deutlich mehr Geld für Motorenöl als für Salatöl aus.

All die Lebensmittelskandale scheuchen uns auf. Sie rütteln uns aber nicht wach, weil wir gar nicht wahrhaben wollen, dass unsere tatsächliche Gesundheitsgefährdung durch eine Charge vergifteten Putenfleischs oder eine Lieferung vergammelten Schweineschnitzels nach aller Wahrscheinlichkeitsrechnung marginal ist. Das sind nur die Spitzen des wahren, des permanenten Skandals, des eigentlichen Eisbergs. Der Schaden, der Tag für Tag durch Fastfood, Softdrinks und Chipstüten angerichtet wird, lässt alles Dioxin zur Lappalie schrumpfen.

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Unsere Tragödie ist nicht ein einzelner überhöhter Grenzwert, sondern die Tatsache, dass etwa in Niedersachsen drei Viertel der Masthühner mit Medikamenten traktiert und in deutschen Ställen jedes Jahr mehr als 800 Tonnen Antibiotika verfüttert werden, fast dreimal mehr, als Menschen einnehmen; dass Hühner heute in dreißig Tagen von vierzig auf 1600 Gramm Lebendgewicht geprügelt werden, während sie früher für ein Kilogramm zwei Monate brauchten; dass nur 0,8 Prozent der deutschen Hähnchen von Biohöfen stammten; dass Hackfleisch billiger ist als Katzenfutter; dass wir die Drei-Affen-Übung perfektioniert haben, dass wir weder sehen noch hören wollen und stattdessen immer dasselbe sagen: Die Politik muss uns besser schützen. Und die Lebensmittelindustrie muss besser kontrolliert werden.

Warum verschreiben Ärzte nicht Gemüse?

Vielleicht ist das der größte Skandal: dass wir die Verantwortung für unser eigenes Wohl so leichtfertig an die Politik und die Industrie delegieren, obwohl nur zehn Prozent der Bevölkerung noch glauben, Politik und Industrie gingen bei Lebensmitteln verantwortungsvoll mit unserer Gesundheit um. Warum benutzen wir nicht unser eigenes Gehirn? Warum weigern wir uns, darüber nachzudenken, wie ein Preis von 99 Cent für ein Pfund Hackfleisch zustande kommt? Warum begreifen wir nicht, was für eine Demütigung, was für eine Selbstkastrierung das Wort „Verbraucher“ ist?

Essen und Ernährung sind bei uns viel zu selten Kopf-Fragen. Es ist kein Wunder, dass wir keine nennenswerte Gastrosophie und kaum gastronomische Literatur haben, sondern nur die ewigen, dummen Vorurteile vom vollen Bauch, der nicht gern studiert. Wir machen uns keine Gedanken darüber, welches Essen für uns am besten und bekömmlichsten ist, welche Effekte Nahrung auf unseren Körper hat, wie die Küche zum Ort der Lust wird - und verraten damit Jahrtausende zivilisatorischer Errungenschaften. Wir hören längst nicht mehr auf Ärztegourmets wie Hippokrates oder Galen von Pergamon, die sagten: „Das Essen sei deine Medizin, und die Medizin sei dein Essen.“

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Stattdessen völlen wir bis zur Besinnungslosigkeit und kippen dann einen Magenbitter hinterher. Oder wir gehen den Sirenenrufen der Nahrungsmittelindustrie auf den Leim und kaufen Zuckerbombenjoghurts als Verdauungsförderer. Oder wir versuchen, das grassierende Übergewicht und seine Folgen medikamentös in Schach zu halten. Warum verschreiben Ärzte blutdrucksenkende Mittel und nicht Gemüse?

Es geht beim guten Essen um Geschmack

Dabei ist die Lösung so einfach und so lustvoll dazu. Sie heißt Geschmack. Gutes Essen schmeckt gut, schlechtes Essen schmeckt scheußlich - Industriekarotten schmecken wie Seife, Billighühner wie nasse Pappe, Massenzuchtfische wie Dämmmaterial aus dem Baumarkt. Ein mieses Steak ersäuft beim Anbraten im eigenen Wasser, Steinwolletomaten kann man bei geschlossenen Augen überhaupt nicht als Tomaten identifizieren, und manches Tiefkühlfrikassee scheint vollständig aus anorganischen Materialien zu bestehen.

Benzinwucherpreise sind schrecklich. Aber warum regen wir uns nicht genauso lautstark über Analogkäse, Garnelenfälschungen und Fleischabfallschinken auf? Warum lassen wir es zu, dass unsere Kinder niemals lernen, was guter Geschmack ist, weil wir nicht für sie kochen, weil wir ihnen das Kochen nicht beibringen, weil sie in Kindergärten und Schulkantinen aufgewärmten Fertigfraß bekommen, weil es in den meisten Restaurants als Kindermenü Pommes mit Currywurst gibt anstatt das Erwachsenenessen en miniature wie in Frankreich oder Italien? Das zu tolerieren ist ein Verbrechen gegen den eigenen Nachwuchs, denn Geschmackserziehung ist ein Pflichtfach aller Erziehungsberechtigten und aller pädagogischer Anstalten.

Man muss kein Extremist sein, um auf den rechten Pfad zurückzukehren. Radikaler, von inquisitorischem Ethos befeuerter Vegetarismus ist keine Lösung des Problems, und Bücher wie Karen Duves „Anständig essen“ oder Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ vertreten Extrempositionen, die niemals gesellschaftlicher Konsens werden können. Auch Zeitgeistkinder wie die modisch-moralischen „Lohas“, die einen „Lifestyle of Health and Sustainability“ pflegen und in Gute-Gewissen-Gegenden wie Prenzlauer Berg besonders üppig gedeihen, werden es sich vermutlich immer in der Nische gemütlich machen. Es geht beim guten Essen um Geschmack. Und damit um Glück und Gesundheit. Einfacher als auf dem Teller bekommen wir das nirgendwo.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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