Gartenserie

Im Schatten von Zedern und Tulpenbäumen

Von Stefan Rebenich
05.05.2019
, 14:52
Villa Melzi: In der postrevolutionären Zeit bestimmte auch die ökonomische Potenz das gesellschaftliche Ansehen.
Der Parvenü zeigte Geschmack: Die Gärten von Villa Melzi und Carlotta am Comer See sind beide öffentlich zugänglich – und lohnen einen Besuch im Frühjahr.
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Am Anfang war Napoleon.“ Auch in der Lombardei. Von seiner Patronage profitierte eine kleine Elite, die repräsentative Bauten rund um den Comer See ihr Eigen nannte. Dorthin konnte man sich auch zurückziehen, wenn die politische Karriere nicht den erhofften Verlauf nahm. In der postrevolutionären Zeit bestimmte nicht mehr allein die aristokratische Deszendenz, sondern auch die ökonomische Potenz das gesellschaftliche Ansehen.

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Francesco Melzi d’Eril, Vizepräsident der kurzlebigen, von Bonaparte geschaffenen italienischen Republik, ließ auf der Halbinsel Bellagio im ersten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts seinen Palast inmitten eines großen Gartens errichten. Sein innenpolitischer Rivale Giambattista Sommariva, ein Parvenü von Napoleons Gnaden, hatte bereits 1801 auf der gegenüberliegenden Seeseite bei Tremezzo eine ältere Villa erworben und nach dem Geschmack der Zeit umgebaut.

Exotische Gewächse für soziale Distinktion

Die neoklassizistische Antikenbegeisterung verband Geldadel und Großbürgertum. Die Architektur der Gebäude sollte die Schönheit der Landschaft betonen. Man vertraute auf klare Linien und schlichte Raumordnung. Die lombardische Oberschicht gefiel sich in der Rolle von Mäzenen: Sommariva beschäftigte mit dem Dänen Bertel Thorvaldsen den teuren Star der römischen Kunstszene, der in einem monumentalen Marmorfries Alexanders triumphalen Einzug in Babylon zeigte, den er 1812 für Napoleons geplanten Besuch in Rom entworfen hatte.

Nicht ohne meine Antiken: Büste der Athena vor der Villa Melzi.
Nicht ohne meine Antiken: Büste der Athena vor der Villa Melzi. Bild: Picture-Alliance

Die terrassierten Parks wurden nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten angelegt. Die weitläufigen, mehrere Hektar umfassenden Anlagen boten hinreichend Raum für die Begründung familialer Erinnerungskultur, die sich in Mausoleen und Familienkapellen manifestierte. In den Gärten selbst fehlte es nicht an Skulpturen und Statuen; geschätzt wurden künstlich angelegte Grotten und Schluchten, Wasserspiele und Bachläufe. Orientalische Zitate waren beliebt, maurische Vorbilder wurden imitiert.

Fächerahorne und Rhododendren wie in England: Brücke über einen Teich im Garten der Villa Melzi.
Fächerahorne und Rhododendren wie in England: Brücke über einen Teich im Garten der Villa Melzi. Bild: Picture-Alliance

Das milde Klima garantierte einen üppigen Pflanzenwuchs. Exotische Gewächse waren teuer, dienten aber der sozialen Distinktion. Die Gäste waren begeistert. Stendhal feierte schon 1817 die Schönheit der Villa Melzi in seinem Reisebericht „Rom, Neapel, Florenz“, und Franz Liszt ließ sich zwei Jahrzehnte später durch die Statuen von Dante und Beatrice vor dem Gartenpavillon zur „Sonate für Dante“ inspirieren.

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Die skandalumwitterte Frau des Prinzen

Heute faszinieren mannshohe Kamelienhecken, üppige Azaleenbüsche und mächtige Rhododendronbäume Scharen von Touristen; riesige Tulpenbäume, herrliche Zitrusgewächse und hochragende Zedern spenden Schatten. Seerosenteiche, japanische Ahorne und Bambushaine unterstreichen östliche Einflüsse.

Die Villa Carlotta mit ihrem botanischen Park.
Die Villa Carlotta mit ihrem botanischen Park. Bild: Picture-Alliance

Die Villa Sommariva heißt inzwischen Villa Carlotta; der Namenswechsel spiegelt die Zeitläufte. Die Nachfahren konnten im Risorgimento die Kosten für den Unterhalt nicht mehr aufbringen und verkauften das Objekt 1843 an Marianne von Oranien-Nassau, die skandalumwitterte Frau des Prinzen Albert von Preußen. Sie schenkte Haus und Garten sieben Jahre später ihrer Tochter, Prinzessin Charlotte von Preußen, anlässlich ihrer Hochzeit mit Georg, dem Kronprinzen von Sachsen-Meiningen. Ihr verdankt die Villa ihren heutigen Namen; Ludwig Bechstein feierte bereits 1857 in seinen „Poetischen Reisebildern vom Comersee und aus den lombardisch-venetianischen Landen“ die „Villa Carlotta“. Nach dem frühen Tod seiner Frau hielt sich Georg häufig dort auf und kümmerte sich persönlich um die Pflege des Parks.

Eindeutig barock: Treppenanlage mit Grotten, die zum Gartenparterre hinunterläuft.
Eindeutig barock: Treppenanlage mit Grotten, die zum Gartenparterre hinunterläuft. Bild: Picture-Alliance

Während die Villa Melzi auch heute noch der Familie gehört, ist die Villa Carlotta seit 1927 in italienischem Staatsbesitz. Beide sind der Öffentlichkeit zugänglich. Man sollte die Gärten im Frühjahr besuchen. Dann ist die Blütenpracht der Rhododendren überwältigend. Und zwischen den Büschen und Bäumen öffnen sich traumhafte Blicke auf das in der Sonne glitzernde Wasser und die schneebedeckten Gipfel der Berge.

Quelle: F.A.Z.
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