Selbstporträt von Peter Weiss

Ein kleines Bild als Zeugnis einer großen Liebe

Von Andreas Platthaus
30.08.2015
, 20:58
Wer ist der Mann auf dem Selbstporträt? Und wem schenkte er es 1938? Die Geschichte eines vor kurzem noch Berühmten und einer faszinierenden Vergessenen.
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In einer kleinen Frankfurter Altbauwohnung hängt ein kleines Bild. Es zeigt einen Mann, der gerade dieses Bild malt. Ein Selbstporträt. Der Mann ist jung, sein Blick hoch konzentriert, den Pinsel hält er in der linken Hand. Es kann kein erfahrener Maler gewesen sein, denn man weiß, dass er Rechtshänder war, doch er malte, was er eben im Spiegel sah. Im Hintergrund öffnet sich hinter zwei Fenstern eine Seenlandschaft in den Bergen, die Vegetation ist spätherbst- oder spätwinterlich. Eines der Fenster steht offen, doch die Kammer selbst ist dunkel, nur das Blau der Jacke des Mannes und vor allem das Weiß seiner Augen leuchten. Zu diesem Bild gibt es eine Geschichte. Sie wird hier erzählt.

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Vor fünfunddreißig Jahren heiratete die jetzige Eigentümerin des Bildes seinen damaligen Eigentümer, einen prominenten Fernsehjournalisten, Redaktionsleiter der „Tagesschau“. Er war ein Kunstfreund, dessen Wohnung über und über mit Bildern behängt war. Darunter das kleine Selbstporträt an einem wenig prominenten Platz. Aber mit prominentem Gegenstand, wie der Journalist seiner frisch Angetrauten erzählt hat: Der Mann auf dem Bild sei Peter Weiss. Das mochte sie nicht glauben. Denn Peter Weiss kannte sie. 1968 wurde sein politisches Theaterstück „Viet Nam Diskurs“ im Frankfurter „Theater am Turm“ uraufgeführt, und Weiss kam nicht nur zu dieser Gelegenheit, sondern auch später wieder zu Vorträgen und Diskussionen an den Main und fand dort in der damals jungen Frau eine begeisterte Zuhörerin. Seinen dreiteiligen Romanzyklus „Ästhetik des Widerstands“ bezeichnet sie noch heute als ihre Bibel.

Ein erstes Liebeserlebnis als Mann, nicht als Maler

Kurz: Weiss hatte sie häufig gesehen, allerdings als über Fünfzigjährigen – der Schriftsteller wurde 1916 geboren. Mit dem Mann auf dem Bild aber entdeckte sie keine Ähnlichkeit. Und auch ihr Ehemann hatte seine Information nur aus zweiter Hand, von der Vorbesitzerin, einer Schauspielerin namens Margarete Melzer, mit der ihn noch vor dem Zweiten Weltkrieg eine kurze Liebesaffäre verbunden hatte, die erste seines Lebens, die aber offenbar nicht nur für ihn beeindruckend gewesen war, sondern auch für die deutlich ältere Frau. Als Margarete Melzer 1959 starb, hinterließ sie ihm zahlreiche Bilder, darunter das kleine Selbstporträt, aber auch eigene Gemälde, denn mittlerweile war sie selbst Malerin geworden, die 1954 immerhin in der Münchner Galerie von Wolfgang Gurlitt ausgestellt wurde, der Oskar Kokoschka als Maler auf dem Nachkriegs-Kunstmarkt wieder populär machte. Melzer war es, die ihrem Erben erzählt hatte, dass das kleine Bild Peter Weiss darstelle.

Die Geschichte um ein Peter Weiss-Selbstporträt.
Margarete Melzer, aufgenommen 1932 für die Illustrierte „Die Dame“. Bild: Ullstein

Weiss starb 1982, und 1990 starb auch der Journalist und mit ihm scheinbar unsere Geschichte. Bis 2011 der Briefwechsel von Peter Weiss mit seiner Freundin Henriette Itta Blumenthal erschien, ein schmales Buch, denn die Korrespondenz erstreckte sich nur über zwei Jahre, aber mit vielen Anmerkungen der Herausgeber, darunter eine, die die leidenschaftliche Peter-Weiss-Leserin aus Frankfurt elektrisierte: Zu einer in einem der Briefe erwähnten Frauenfigur aus einem Romanmanuskript, das Peter Weiss an Blumenthal geschickt hatte, wird als Vorbild Margarete Melzer genannt. „Die einige Jahre ältere Schauspielerin“, heißt es da, „lernte Peter Weiss 1938 in Carabietta, einem Bergdorf am Luganosee, kennen. – Im Gespräch mit Peter Roos berichtet Peter Weiss: ,Zum ersten Mal hatte ich in diesen Wochen im Süden ein richtiges Liebeserlebnis mit einer Frau, bei der und mit der ich auch diese ganzen Nöte, die man in und nach der Pubertät mit sich herumschleppt, loswurde, und zum ersten Mal funktionierte ich nicht nur als Maler, sondern auch als Mensch, als junger Mann.‘“

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Die Dame war vermutlich Margarete Melzer

Als jener junger Mann, den das Selbstbildnis zeigt. Denn was seine Bewunderin bislang nicht interessiert hatte, waren die künstlerischen Anfänge von Peter Weiss, die er nicht als Schriftsteller, sondern als Maler unternommen hatte. Plötzlich aber rundete sich die Provenienz des Bildes: Margarete Melzer dürfte es von Peter Weiss selbst erhalten haben. Um sicherzugehen, schrieb die Frankfurter Dame an die Witwe des Schriftstellers, die in Stockholm, wohin Weiss 1939 emigriert und sein Leben lang geblieben war, wohnende Gunilla Palmstierna-Weiss, und schickte ihr eine Farbkopie des Bildes sowie die Kopie der Buchanmerkung – nicht ohne Sorge, wie die alte Dame diese Reminiszenz an die erste Liebschaft ihres späteren Mannes aufnehmen würde. Nur wenige Tage kam Antwort aus Schweden: „Vielen Dank für das Photo und vielen Dank für die schöne Geschichte. Es ist eine Geschichte, die man für einen Film verwenden könnte...Peter hat zwei Mal in der Schweiz bei Hermann Hesse gewohnt, Hesse hatte ja ein Atelier, das jungen Künstlern zur Verfügung stand. Soweit ich weiß, traf er Margarete via Hermann Hesse, und damals war sie eine Schauspielerin. Ich habe im Nachlass ein paar Photos mit Margarete und Peter in dieser Zeit. Das Gemälde kann entweder von 1937 oder 1938 sein...Sicherlich ein Geschenk für das Erlebnis und die Liebe. An sich sehr schön. ,Vergiss mich nicht!‘ Soweit ich verstehe, war Margarete für die Zeit sehr interessant und emanzipiert. Ein anderes Gemälde, auf dem Peter genau so jung aussieht, hängt jetzt permanent in Schloss Gripsholm, wo alle Porträts von bekannten Künstlern und Schriftstellern in Schweden gesammelt sind.“

In der Tat sprechen weitere Selbstporträts des jungen Peter Weiss für die Authentizität des Frankfurter Bildes. Im 2009 publizierten Briefwechsel von Weiss und Hermann Hesse ist zum Beispiel eines reproduziert, das 1938 in Carabietta entstand und ein ähnliches Zimmer, vor allem aber genau den gleichen Mann mit diesem intensiven Blick zeigt. Ein Weihnachtsbrief von Weiss an seine Eltern aus dem Dezember 1938 enthält eine Illustration des Atelierzimmers, das genau dem Hintergrund des Frankfurter Gemäldes entspricht. Die Vermutung von Gunilla Palmstierna-Weiss, das Bild könnte auch schon 1937 entstanden sein, kann ausgeschlossen werden, weil Weiss erst 1938 bei Hesse im Tessin Aufnahme fand. Und im Brief an die Eltern findet sich folgende Passage: „Weihnachten bis Neujahr kommt auch die Dame, die ich hier kennengelernt habe..., ich freue mich schon darauf, wir werden draussen zusammen zeichnen u. malen.“ Der Kommentar zu dieser Korrespondenz vermutet hinter der „Dame“ Margarete Melzer, die Weiss in weiteren Briefen jener Zeit an seine Freunde auch namentlich erwähnt.

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Legendäre Rollen und zahlreiche Liebhaber

Damit spricht viel für eine Entstehung des Selbstporträts vor Dezember 1938, denn zum Zeitpunkt des Weihnachtsbriefs an die Eltern lag bereits Schnee in Carabietta, und der taute so schnell nicht mehr. Im Februar 1939 aber hatte Weiss sein Domizil in der Nähe Hermann Hesses und damit wohl auch Margarete Melzer schon wieder hinter sich gelassen. Er ging nach Schweden, mit kurzem Zwischenaufenthalt in Berlin, vielleicht um seiner Geliebten willen, denn auch sie kehrte damals aus der Schweiz in die deutsche Hauptstadt zurück, wo sie schon seit langem auf der Bühne stand. Im selben Jahr, 1939, lernte die Schauspielerin dann jenen jungen Mann, der später Journalist werden sollte, kennen und verführte ihn. Ganz allgemein galt für sie, was die Witwe von Peter Weiss „interessant und emanzipiert“ genannt hat: Margarete Melzer pflegte viele Liebschaften.

Die Geschichte um ein Peter Weiss-Selbstporträt.
Die Münchner Wohnung des Melzer-Erben im Jahr 1962. Unten in der Mitte hängt das Bild von Peter Weiss, oben links ein Selbstporträt von Melzer. Bild: privat

Über das Peter-Weiss-Selbstporträt lebt nun auch ihre Geschichte wieder auf. Melzer wurde 1907 geboren und schien eine große Karriere vor sich zu haben, unter anderem spielte sie 1931 in Fritz Langs legendärem Film „M – Eine Stadt sucht den Mörder“ mit – allerdings unausgewiesen. Aber auf der Bühne bekam sie im selben Jahr in Berlin die Hauptrolle in „Gestern und heute“, jenem Stück, das die Vorlage für den gleichfalls berühmten Film „Mädchen in Uniform“ abgegeben hat. Zu ihren Liebhabern zählte der Theaterregisseur Erwin Piscator genauso wie vermutlich der Dramatiker Carl Zuckmayer, dessen „Hauptmann von Köpenick“ gleichfalls 1931 am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt wurde. Zuckmayer und Melzer besuchten jedenfalls zusammen die Generalprobe.

Gerade einmal achttausend Euro

Das kann man einem nur elfseitigen, unvollständig erhaltenen Manuskript entnehmen, das gleichfalls in der Frankfurter Wohnung liegt. Margarete Melzer hat von Mitte Februar bis Anfang Oktober 1931 Tagebuch geführt, ein Sittenbild der späten Weimarer Republik, und diese Aufzeichnungen gleichsam 1959 dem früheren jungen Geliebten hinterlassen. Darin findet sich am 27.Juli während einer Reise mit einem weiteren Geliebten in die Sowjetunion der Eintrag: „Welch ein Wahnsinn, nicht, und gerade hier und jetzt nicht zum Genuss eines Leben zu kommen, dass alle Voraussetzungen hätte, glücklich zu sein, ausser, wie sich zeigt, in uns selbst.“ Vielleicht ist das der Schlüssel zum Leben und Lieben der Margarete Melzer. Etwas später notiert sie: „Dass ich mit diesem geliebtesten Mann nicht leben kann macht mich völlig verrückt.“

Dieser geliebteste Mann war der Dada-Maler Hans Richter. Von ihm wurde Margarete Melzer damals schwanger, ließ das Kind aber in der Sowjetunion abtreiben, wie man einer furchtbaren Passage des Tagebuchs entnehmen kann. Der als „entartet“ verfemte Künstler Richter emigrierte aus NS-Deutschland einige Jahre später in die Schweiz, wo ihn Melzer mehrmals besuchte; vermutlich war einer dieser Besuche 1938 auch Anlass für die Begegnung mit Peter Weiss. Melzer war Hans Richters Geliebte noch bis zu dessen Flucht in die Vereinigten Staaten 1941, sie selbst aber blieb in Deutschland, wo sie etliche Bilder des Malers versteckt aufbewahrte, die sie Richter nach dem Krieg wieder zurückgab. Zum Dank schenkte der ihr einige davon, die dann auch wiederum nach Melzers Tod mit ihrem Nachlass an den Fernsehjournalisten gingen. Heute gehören sie dem Kunsthaus Zürich, wo der weltweit wichtigste Hans-Richter-Bestand liegt. Die Witwe des Journalisten hat sie vor einigen Jahren dorthin verkauft, weil sie damit an den richtigen Ort kamen, wie sie sagt.

Auch das Peter-Weiss-Selbstporträt, geschätzt auf gerade einmal achttausend Euro, soll in gute Hände gehen. Doch die in Nürnberg ansässige Internationale Peter-Weiss-Gesellschaft hat sich nach ersten Kontakten ebenso wenig weiter um das Bild bemüht wie das Peter-Weiss-Archiv an der Akademie der Künste in Berlin. In den Gesprächen wurden Ausstellungen für das Jahr des hundertsten Geburtstags von Peter Weiss, also im Jahr 2016, angekündigt, von denen mittlerweile nirgendwo mehr etwas zu hören ist, und selbst Suhrkamp als Hausverlag von Weiss plant angeblich keine Neuausgaben zum Jubiläum, für deren Umschlaggestaltung das unbekannte Bildnis von der Eigentümerin gerne zur Verfügung gestellt worden wäre. Der Vorschlag einer Weiss-Biographie, so erfuhr sie nebenbei, ist gleichfalls abschlägig beschieden worden. Auf Peter Weiss scheint keiner mehr so recht zu setzen. Dabei ist er einer der besten deutschsprachigen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Und er führte ein Leben, das, wie man seinen Briefen entnehmen kann, unzählige Geschichten zu bieten hatte wie die hier erzählte des kleinen Bildes und der großen Liebe zu Margarete Melzer.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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