<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Die unterschätzte Frucht

Damals, im Kartoffelkrieg

Von Jaroslav Rudiš
 - 09:25

Einer der vielen vergessenen Kriege in der Geschichte Mitteleuropas ist der sogenannte Kartoffelkrieg 1778/79. Um ein paar Kartoffelsäcke ging es damals nicht, eher um Macht und ein Land: Bayern. Der Konflikt zwischen Preußen und Österreich entflammte nach dem Tod des bayerischen Kurfürsten Maximilian III. Joseph und ist auch als der bayerische Erbfolgekrieg bekannt. Im Sommer 1778 marschierten die preußischen Truppen in Böhmen ein. Hier spielte sich der kleine Krieg ab, vor allem an der Iser und Elbe im Norden und im Osten des Landes, wo ich herkomme.

Wenn man die Dorfchroniken von damals durchblättert, dann versteht man, was die Kartoffeln mit dem schwefeligen Geruch von Schießpulver verbindet und warum die Auseinandersetzung den Namen „Kartoffelkrieg“ bekam. Die tschechischen und deutschsprachigen Dorfbewohner vom Riesengebirge sahen verwundert den schlecht versorgten preußischen Soldaten zu, wie sie im Juli 1778 nach den Hühnerställen deren kleine Felder plünderten und die kleinen, noch nicht reifen Kartoffeln gleich auf dem Acker in der Asche brieten oder oft auch roh verspeisten, um den Kriegshunger zu stillen.

Grün ist giftig

Viele Knollen waren grün. Schon damals wusste jedes Kind: Die grünen Kartoffeln sollte man lieber nicht essen, weil sie ein wenig giftig sind. Die Bauern dachten: Daher kommen die Bauchschmerzen und Darmkrämpfe, an denen viele Soldaten leiden. Das stimmte sicher auch; doch Tausende Männer erkrankten und starben vor allem an der Bakterienruhr, die man sich von den Kartoffeln nicht holen kann. Es war nicht der erste und der letzte Krieg, in dem es um Kartoffeln ging.

Die Kartoffeln, diese kulinarischen Migranten aus Südamerika, waren damals ziemlich neu im Mitteleuropa; doch sie haben sich schnell und massenhaft verbreitet. Bevor man damit angefangen hat, die Früchte im gesalzten Wasser zu kochen, staunte man vor allem über die Schönheit der weiß-lila gefärbten Blüte. Kurz hatte man Kartoffeln als Zierblumen in den Gärten und Schlossparks angepflanzt.

Dass sie wirklich schön sind, wissen auch die Kneipenhelden einer Erzählung des tschechischen Schriftstellers Bohumil Hrabal, die sich beim Bier darüber streiten, welches Blümchen das schönste auf der ganzen Welt sei. Es ist nicht die Rose, nicht die Tulpe und noch nicht einmal eine Chrysantheme, sondern eine „brambora“, wie wir Tschechen zur Kartoffel sagen. Etymologisch verbindet die Bezeichnung übrigens die böhmischen Berge und Täler mit dem flachen Brandenburg, auf Tschechisch „Braniborsko“. Wenn man als Tscheche dieses unförmige holprige Wort ausspricht, hat man das Gefühl, es wiegt so viel wie eine Tonne Kartoffeln.

„Dies sei der Beweis, dass aus Deutschland auch gute Dinge kommen können“, sagte mein Großvater dazu, ein überzeugter Kommunist aus einer Kleinbauernfamilie, der sich am Ende des Krieges den Partisanen anschloss. Im Februar 1945 versteckten sich im Heu auf dem Dachboden seines Hauses im kleinen Dorf namens Tuhaň zwei ausgehungerte sowjetische Kriegsgefangene, auf die er im Wald traf. Es gelang ihnen, dem von den Deutschen angetriebenen Todesmarsch aus den Lagern im Osten Richtung Westen zu entfliehen. Sie hatten Glück – für einen Moment, muss man leider sagen.

Auf dem Holztisch stand ein riesiger Topf von „kyselo“, einer einfachen, günstigen Suppe aus Sauerteig, die man zum Frühstück und Abendessen gegessen hat, und zwar jeden Tag, wie mein Großvater erzählte. Ein wichtiger Bestandteil dieser in der Tat ewigen Mahlzeit, die auch die deutschen Bergbewohner in Böhmen und Schlesien als „Kübelsauer“ oder „Schursuppe“ kannten, bilden neben den Steinpilzen und Eiern die Kartoffeln. In ganz Polen ist übrigens die deftigere Wurstvariante Źurek als Nationalgericht bekannt. Im Brotlaib serviert, hilft die Suppe wunderbar gegen Kater.

Mein Großvater liebte seine Kartoffeln und beschützte sie wie einen Schatz. Er wusste, wenn man sie im Keller hat, übersteht man auch die schlimmste Hungersnot des Krieges. Die Sowjets liebten „kyselo“ und auch den schwarzen Tee mit Rum, der danach serviert wurde, zur Abwehr der Februar-Kälte und Vorbeugung vor schlechter Laune. Auch Rum wird in Mitteleuropa oft aus leicht verfaulten, stinkenden Kartoffeln gemacht, denn Zuckerrohr aus Südamerika konnte man bei uns nicht anbauen, das war und ist einfach zu teuer. Man muss ehrlich sagen, pur schmeckt der billige Kartoffelschnaps ziemlich furchtbar, im Tee löst sich der schwere Beigeschmack aber schnell auf. Er ist ein wunderbares Wintergetränk.

Befreit und gleich verhaftet

Die Sowjets hatten meinem Großvater versprochen, ihm nach Kriegsende beizubringen, wie man aus Kartoffeln Wodka brennen kann, der sollte viel besser schmecken als der Rum. Doch dazu kam es leider nicht. Im Mai, nachdem sie ihm geholfen hatten, die Kartoffeln in die endlosen Reihen zu legen, wurden sie von der Roten Armee befreit und zugleich verhaftet. So kommt es in der Geschichte. Stalin hatte den Kriegsgefangenen, die die deutschen Lager überlebten, nicht vertraut; sie waren für ihn Verräter, erzählte man sich damals.

Die beiden haben sich bei meinem Großvater nie wieder gemeldet. Vermutlich landeten sie in einem der sibirischen GULags, wo man nach der schweren Waldarbeit in der dünnen Brühe vergeblich nach Kartoffeln suchte. Wenn man Glück hatte, fand man eine Kartoffelschale. Einige Jahre führte man in der Tschechoslowakei, in Polen und in der DDR wieder einen Krieg um Kartoffeln. Anfang der fünfziger Jahre, in der Zeit des schlimmen Stalinismus, verbreitete sich in Europa, und zwar nicht zum ersten Mal, der kleine buckelige Kartoffelkäfer. Er kann in kürzester Zeit ganze Landstriche auffressen. Die Genossen in Warschau, Prag und Ost-Berlin machten für die landwirtschaftliche Katastrophe die Amerikaner verantwortlich. Diese sollen die sozialistischen Länder mit dem Ungeziefer aus Flugzeugen bestreut haben.

Der Kampf gegen den „Amikäfer“ oder „Coloradokäfer“, wie man sagte, wurde zu einer Schlacht des Kalten Krieges. Die Kinder in Sachsen, Böhmen oder jetzt im polnischen Schlesien mussten nach der Schule auf die Felder gehen, wo sie sich stundenlang über die grünen Pflanzen beugten. Es sah fast wie bei einem Gottesdienst unter freiem Himmel aus, als wenn die Schüler und deren Lehrer vor Gott niederknieten, dem allmächtigen Kartoffelgott. Die Käfer sammelte man in Gläser, danach ertränkte man sie im Wasser. Mein Großvater mischte es immer mit ein wenig Kartoffelschnaps. „So sind die Ungeziefer sicher tot, und es tut ihnen nicht so weh“, sagte er. Man musste sich immer viele Sorgen um die kleinen runden schmutzigen Kinder unter der Erde machen. So schaute sich mein Großvater den Acker am liebsten im Winter an: verschneit, verschlafen, auf das Frühjahr wartend.

Die mitteleuropäische Küche kann man sich heute ohne die gelben Knollen kaum vorstellen. Man kann sich nur fragen: Was haben unsere Vorfahren in der Vorkartoffelzeit eigentlich stattdessen als Beilage oder oft sogar als Hauptspeise gegessen? Einen Brei? Wirklich? Ähnlich wie die menschliche Dummheit oder der Humor kennen auch die Kartoffeln keine Grenzen. Als Böhme weiß ich, dass die Bierqualität leider sehr unterschiedlich sein kann; doch die Kartoffeln, die schmecken immer. Und dort, wo man Kartoffeln zubereitet, da ist man zu Hause.

Wie unterschiedlich aber die Kartoffelgerichte dabei schmecken können! Allein die Kartoffelsuppe: In Böhmen ist sie oft ziemlich klar, wird im Gasthaus als eine würzige Gemüsebrühe mit viel Majoran serviert; in Deutschland verändert sich die Suppe in eine schwere, oft fast unbewegliche Masse, wo der Löffel stehen kann, eine Art Kartoffelbrei mit Würstchen. In Polen kocht man viele Kartoffeln mit Möhren und Gurken zusammen, so entsteht die phantastische Gurkensuppe. In Finnland ist die Kartoffelsuppe wieder klarer, statt Würstchen schwimmen im Teller Lachsstücke.

Kartoffelpizza mit Kraut

Oder die Pellkartoffeln: In Böhmen isst man sie mit Butter und Quark. In Oberösterreich werden die Erdäpfel oder „Erdbirnen“, wie man auch sagt, kurz in Milch gekocht, um danach im tiefen Meer an Leinöl zu versinken. Mit dieser strengen mitteleuropäischen Antwort auf Olivenöl aus dem Süden wird in den kleinen Dörfern der Kartoffelsalat zur Weihnachtszeit zubereitet, der sich auch von Land zu Land deutlich unterscheidet und doch überall so fabelhaft schmeckt.

Mein Lieblingsessen bleibt aber der schön fettige „bramborák“, also Kartoffelpuffer. Auch der wird in Tschechien anders zubereitet als in Deutschland: kein Apfelmus, sondern viel Knoblauch und Majoran. Die Rezepte variieren von Land zu Land, von Region zu Region, sogar von Dorf zu Dorf. Im Böhmerwald, im Dreiländereck zwischen Tschechien, Bayern und Oberösterreich, wird in diese Kartoffelpizza Kraut und Geselchtes gewickelt. Klar ist, nach diesem Mittagessen kann man keinen Marathon laufen. Doch das machen die Einheimischen sowieso nicht.

Der Kartoffelkrieg von 1778/79 trägt übrigens in Böhmen noch einen anderen Spitznamen, den „Zwetschgenkrieg“ oder auch „Zwetschgenrummel“. Nachdem die ausgehungerten Preußen alle Kartoffeln aufgegessen hatten, fielen sie über die Obstbäume her. Doch nicht nur die Kartoffeln, sondern auch die Pflaumen waren klein und noch lange nicht reif. Dies machte die Bauchkrämpfe in den Soldatendärmen noch unerträglicher.

Die Preußen und Österreicher hätten mit dem Krieg einfach ein paar Monate abwarten sollen. Denn wenn die Zwetschgen schön dunkelblau sind, so wie die preußischen Uniformen, dann kann man aus Pflaumen und Kartoffeln eine heutzutage eher vergessene, einfache und für böhmische Verhältnisse fast vegetarische Mahlzeit zubereiten: die gekochten Kartoffeln mit ein wenig Speck und Schmalz im Topf mit Obst anbraten und durchmischen. Es schmeckt wirklich lecker. Danach muss man natürlich ein Bier trinken. Und der Hunger auf alle Kriege der Welt löst sich in Luft auf.

Jaroslav Rudiš, Jahrgang 1972, ist tschechischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Dramatiker. Im März erscheint bei der Edition Thanhäuser sein Band mit Kurzprosas „Der Besuch von Herrn Horváth“. Auf der Leipziger Buchmesse erhält er den Preis der Literaturhäuser 2018. Er lebt in Berlin und in Lomnice nad Popelkou im Böhmischen Paradies.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBöhmenBierMitteleuropaDeutschlandSüdamerika