Don DeLillos neuer Roman

Ein literarisches Frühwarnsystem

Von Peter Körte
18.10.2020
, 11:12
Der erste Sonntag im Februar, das große amerikanische Ritual, der Superbowl, das Finale im American Football – in Don DeLillos Roman gehen kurz vorm Kick-off im Jahr 2022 alle Lichter aus, und alle Bildschirme werden schwarz.
Don DeLillo erzählt in seinem neuen Roman „Die Stille“ von der Nacht, in der alle Bildschirme schwarz werden, von der Pandemie und vielleicht auch vom Untergang unserer Welt.
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Es ist ein Sonntag im Jahr 2022, an dem alle Systeme kollabieren, es ist einer der wichtigsten Termine im amerikanischen Kalender, gleich nach dem 4. Juli, dem Nationalfeiertag.

Es ist der erste Sonntag im Februar, an dem die Fernsehwerbung Spitzenpreise erzielt, weil jeder bei der Superbowl, dem Saisonfinale im American Football, zuschauen will. Das Spiel der Tennessee Titans gegen die Seattle Seahawks hat noch nicht begonnen, als alle Bildschirme schwarz werden und die komplette Stromversorgung zusammenbricht.

Es ist dieser eine Tag, dieser eine Abend, an dem Don DeLillos neuer Roman „Die Stille“ spielt. Vielleicht ist es auch gar kein Roman, das sollen die Gattungsprüfer entscheiden, mit seinen zwei Teilen und seinen insgesamt 106 Seiten. Es könnte, der Anlage, dem Setting nach, auch ein Zweiakter sein, DeLillo hat ja auch ein paar Theaterstücke geschrieben.

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An einem Sonntag im Jahr 2022

Aber er wird schon seine Gründe gehabt haben, warum er sich für erzählende Prosa entschieden, warum er das Geschehen in die nächste Zukunft verlegt hat, warum die Handlung so konzentriert ist auf wenige Schauplätze und Personen, warum das, was die Figuren bald vom Untergang der Welt reden lässt, primär im Mikrokosmos einer New Yorker Wohnung erfahrbar wird.

Da ist ein Flugzeug, das von Paris nach Newark fliegt und kurz vorm Ziel notlanden muss, weil die elektronischen Systeme versagen: „Eine taumelnde Masse aus Metall, Glas und menschlichem Leben, vom Himmel herunter.“ Jim und Tessa, der Schadensregulierer bei einer Versicherung und die Dichterin, die auch Ratgeber schreibt, überleben fast unverletzt

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Eine Klinik in Manhattan, in der man sie versorgt. Eine Wohnung auf der Eastside. Max, seine Frau Diane und deren ehemaliger Student Martin warten vor dem schwarzen Bildschirm noch immer auf den Kick-off und – auf Jim und Tessa, die auf einmal da sind, nach langem Fußmarsch, kurz bevor der erste Teil des Buchs endet.

Mit dem Stromausfall fängt es an

Das hat eine gewisse Dramatik, apokalyptisch würde man sie aber kaum nennen. „Da passierte etwas“, heißt es knapp. Im Grunde nicht viel mehr als der große Stromausfall in New York im Juli 1977, als 25 Stunden lang gar nichts mehr ging, Menschen in Fahrstühlen eingesperrt blieben, Plünderer durch die Straßen zogen. Spike Lees Film „Summer of Sam“ hat die Stimmung von damals ziemlich gut eingefangen.

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Dann ein plötzlicher Umschwung: die fünf Personen in der Wohnung, es ist nach Mitternacht. Aus dem Imperfekt springt die Erzählung ins Präsens. Die auktoriale Erzählerstimme klingt atemlos, wie in einer Panikattacke:

„Mittlerweile ist klar, dass die Abschusscodes von unbekannten Gruppen oder Kräften per Fernsteuerung manipuliert werden. Atomwaffen sind nicht mehr einsatzfähig, weltweit ... Aber der Krieg rollt weiter, und die Begriffe häufen sich. Cyberangriff, digitale Invasion, biologische Angriffe. Anthrax. Pocken. Pathogene. Die Toten und Versehrten. Hunger, Seuche, was noch?“

Der Krieg rollt weiter

Es ist dieser Ton, der auf den letzten dreißig Seiten die besonderen Schwingungen erzeugt, es ist der DeLillo-Ton, den man jetzt klar heraushört, der so unvergleichlich ist in der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts seit „Weißes Rauschen“, „Sieben Sekunden“, „Unterwelt“ und all den anderen Romanen.

Er dringt aus dem, was die Figuren sagen, und mehr noch aus diesen Passagen, die sich keinem Sprecher zuordnen lassen, in denen ein Erzähler spricht. Diese Sequenzen haben, man kann es nicht anders sagen, manchmal auch etwas Unheimliches, weil sie von Dingen zu wissen scheinen, die anderen verborgen sind.

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Tessa, die Dichterin, spricht auf einmal von dem, „was wir alle noch frisch in Erinnerung haben, das Virus, die Seuche, Corona, die Märsche durch die Flughäfen, die Masken, die entleerten Straßen der Städte“.

Das Wort „Corona“, muss man hier ergänzen, hat DeLillo inzwischen gestrichen. Es wird in der nächsten Auflage nicht mehr auftauchen. Er wolle den direkten Bezug auf den Corona-Lockdown vermeiden.

Einstein und der Dritte Weltkrieg

Ohne zu wissen, wann genau DeLillo sein Manuskript abgeschlossen hat – er hat sicher nicht das zweite Gesicht, da ist kein „Shining“. Eher ein phänomenales Antizipationsvermögen, eine Art literarisches Frühwarnsystem, das aus den Koordinaten einer Gegenwart Künftiges extrapoliert, ohne dass DeLillo deshalb, wie der Protagonist in Christopher Nolans Film „Tenet“, ein Agent anonymer Kräfte aus der Zukunft wäre, der den Zeitpfeil umgekehrt hat.

Obwohl DeLillo, der das Kino und dessen Phantasieräume liebt, diese Vorstellung womöglich gefiele, auch weil in „Die Stille“ so oft von Albert Einstein die Rede ist.

Der Schriftsteller Don DeLillo.
Der Schriftsteller Don DeLillo. Bild: dpa

Denn es ist nicht nur Tessa, die Dichterin, die über den Untergang spekuliert. Das dunkle Zentrum ist Martin, ehemaliger Schüler Dianes, die Physik unterrichtet hat, „ein Mann, der sich im zwanghaften Studium von Einsteins Manuskript zur Relativitätstheorie aus dem Jahre 1912 verloren hatte“.

Ganz offensichtlich stimmt mit ihm etwas nicht. Diane findet das sogar erotisch, aber Martin ist von seinen fiebrigen Visionen viel zu okkupiert, als dass es zu mehr als einem flüchtigen Annäherungsversuch käme.

Wie ein düsterer Prophet

Martin ist es, der Tessas verschwörungstheoretische Anflüge überbietet, die gesagt hatte: „Sind unsere Gehirne digital überarbeitet worden? Sind wir ein Experiment, das zufällig gerade auseinanderbricht?“ Während sie noch Fragezeichen setzt, spricht er in Aussagesätzen, zwischendurch klingt er wie ein Einstein-Impersonator, was außer Diane aber keiner zu bemerken scheint.

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Wie ein düsterer Prophet behauptet er, die Zeit habe „einen Sprung nach vorne“ getan, die Drohnen seien „autonom geworden“, er raunt vom „Großen synoptischen Musterungsteleskop“ in der chilenischen Atacamawüste und dem Ausbruch des dritten Weltkriegs.

Martin steckt sie alle an mit Weltuntergangsstimmung, mit dem GAU vom „totalen Zusammenbruch aller Systeme“. Eine Stimmung, die sich widerständig gegen die Empirie zeigt, wenn Max kurz rausgeht, in die vollen Straßen, und sich fragt, ob er „einen Auszug aus Martin Dekkers Geist in 3D vor sich sieht“.

Verschwörungstheorien grassieren

Sie reden weiter. Und in diesem Durcheinanderschwirren der wilden und abstrusen Gedanken schaut man zu, wie sich, gewissermaßen in der Petrischale, Verschwörungstheorien vermehren, die den Schriftsteller Don DeLillo schon immer angezogen haben, ohne dass er sich ihnen je verschrieben hätte.

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„Geschichte ist die Summe all dessen, was sie uns nicht erzählen“, sagt etwa im Kennedy-Buch „Sieben Sekunden“ eine Figur. Aber es ist ja nie Don DeLillo, der da spricht, der am liebsten möglichst gar nicht über seine Bücher spricht – und wenn, dann redet er eben nicht wie eine Don-DeLillo-Figur.

Er spielt in und mit den Figuren Weltsichten und Weltanschauungen durch, lässt sie einander hochschaukeln wie hier in „Die Stille“, im Kleinen, in den vier Wänden, wo der Untergang sich leise vollzieht. Bildschirme werden schwarz, Lichter erlöschen, Kerzen brennen, die Heizung erkaltet, die Handys sind tot, im Kühlschrank ist es dunkel. Kein Big Bang, kein Atomschlag, keine Neutronenbombe, die eine menschenleere Welt zurückließe.

Wie genau diese Welt aussieht, die in den kompletten Analogzustand zurückversetzt ist, muss gar nicht beschrieben werden. Es geht um die Ahnung, was dieser Zustand in den Köpfen anrichtet.

Was ist denn noch real?

Wenn Tessa fragt: „Ist das eine Art virtuelle Realität?“, kehrt DeLillos altes Motiv von der Fiktionalisierung der Welt, der schwindenden Gewissheit, was real ist, zurück, wie eine Fortschreibung der Frage aus „Unterwelt“, ob der Cyberspace ein Teil der Welt sei oder die Welt ein Teil des Cyberspace.

Weit über die Seiten des Buches hinaus reicht dessen Echo in die Welt, in der wir lesen. In Zeiten der Pandemie, in denen so viel an schnellen Datenströmen hängt, am Funktionieren der digitalen Systeme in allen Bereichen des Lebens, von den Krankenhäusern bis ins Homeoffice, liest sich DeLillos Roman wie eine Vorstudie des Schlimmeren, das zentrale Strategien im Umgang mit der Pandemie hinfällig machte.

Sich das Ausmaß dessen vorzustellen bleibt uns überlassen. DeLillo hat ja keine Science-Fiction geschrieben. Er erzählt im Potentialis von der Fragilität unserer Welt.

Der Roman hält die Stille nach dem Zusammenbruch fest. Die Stille, bevor wieder ein Geräusch zu hören ist. Dieser Augenblick, den DeLillos Prosa eröffnet, ist ein Innehalten auf ungewisse Zeit, bevor etwas weitergeht.

Keine klassische Closure. Auch kein Signal wie das letzte Wort am Ende der fast tausend Seiten von „Unterwelt“: „Frieden“. Keine kleine Epiphanie wie in „Null K“, wenn in Manhattan „die Sonnenstrahlen mit dem Gitternetz der Straßen zur Deckung kommen“.

Hier ist, zumindest in der deutschen Übersetzung, am Ende nur ein Buchstabe verschwunden, aus dem Präteritum des Verbs im letzten Satz des ersten Teils. „Dann starrt er in den schwarzen Bildschirm“, so endet der Roman. Wie ein Stück, das mit einem Pausenzeichen abbricht, ohne aufzuhören, wie ein Film, der mit einem Freeze Frame endet, einem eingefrorenem Bild.

Don DeLillo: „Die Stille“. Roman. Übersetzt von Frank Heibert. Kiepenheuer & Witsch, 112 Seiten, 20 Euro. Erscheint weltweit am Dienstag.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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