Jenseits von Twitter

Trumpen

EIN KOMMENTAR Von Michael Hanfeld
05.05.2021
, 21:27
Donald Trump darf nicht mehr twittern, dafür hat er jetzt seinen eigenen Kanal. Die ARD zeigt derweil, wie man sich auf Twitter blamiert.

Donald Trump twittert wieder. Oder sagen wir: Er trumpt. Trumpen im Sinne von Aufstacheln, Beleidigen, Unwahrheiten Verbreiten. Das hat er zeit seiner Präsidentschaft auf großen Social-Media-Kanälen gemacht, bis er gesperrt wurde. Jetzt poltert er auf seinem eigenen Kanal, was dem Magazin Vice als „bizarr“ erscheint, nach dem Motto: Trump, allein zu Haus.

Doch allein ist er selbstverständlich nicht. Seine Ausfälle – gern gegen Republikaner wie Mitt Romney oder Liz Cheney, die sein Mantra, die Wahl sei ihm gestohlen worden, als Lüge bezeichnen – können Trumps Anhänger zitieren und auf Twitter oder Facebook verbreiten. Mit dem Löschen des auf diese Weise geposteten Trumpismus haben die Plattformen sicherlich gut zu tun.

Trump weiß, was er tut. Noch der plumpeste Angriff ist wohlkalkuliert. Das möchte man von dem jüngsten Twitter-Gate der ARD nicht behaupten. Denn da antwortete jemand im Namen des Senderverbunds auf den Kommentar eines Lesers, der Bildung und Qualifikation der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock anzweifelte, reichlich distanzlos mit dem Bekenntnis: „Wie kommen Sie dazu, dass Frau Baerbock nicht gebildet ist? Schauen Sie sich die Ausbildung der Frau an. Wenn das keine Bildung ist ...“. „Besser“, meinte daraufhin die CDU-Politikerin und Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, hätte „die Bundesgeschäftsstelle der Grünen“ auch nicht „antworten können“. Die ARD zog den Tweet zurück, weil er „nichts mit dem Programm des Ersten zu tun“ habe, und entschuldigte sich.

Den Vorgang findet der Pressesprecher des Deutschen Journalisten-Verbands, Hendrik Zörner, ärgerlich. Sei er doch geeignet, „an den Stammtischen die Frage nach der parteipolitischen Neutralität des Ersten aufzuwerfen“. Da möchten wir doch die Gegenfrage stellen, was es mit „Stammtisch“ zu tun hat, wenn sich jemand im Namen der ARD, die tatsächlich gut daran tut, nicht parteipolitisch verrechenbar zu sein, als Baerbock-Fan outet und dies Kritik auf sich zieht.

Donald Trump bleibt bei Facebook übrigens gesperrt. Das entschied gestern der „Oversight Board“ des Konzerns, forderte aber auch, den Ausschluss binnen sechs Monaten noch einmal zu prüfen. Bei Twitter hat Trump offenbar keine Chance auf eine Rückkehr; Googles Youtube will ihn – wir erinnern uns an den Sturm aufs Kapitol – wiederaufnehmen, wenn „das Risiko von Gewalt gesunken ist“. Wer aber will das einschätzen? Und warum sind, dessen unbeschadet, Despoten aus aller Welt, auf Social-Media-Plattformen weiter unterwegs? Transparenz und Klarheit bei den Entscheidungen fordert der „Oversight Board“ von Facebook. Davon sind wir weit entfernt.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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