Pop-Album „Dreaming“

Ein faszinierendes Experiment

Von Philipp Krohn
09.11.2020
, 22:54
Bei einem nächtlichen Streifzug durch das Hamburger Schanzenviertel entdeckte Michael Rother die Sängerin Sophie Joiner. Das war vor mehr als 20 Jahren. Nun erlebt diese Verbindung ein außergewöhnliches Comeback: Dreaming.

Abende, die zu jung zum Beenden sind, führen zum Beispiel in die Hamburger „Daniela Bar“. So ist es auch, als zwei Musiker 1997 durchs Schanzenviertel streifen, wo sich damals die Kreativen treffen. Sie betreten die Bar und lassen sich betören vom Gesang einer jungen Engländerin mit Cello. Nach dem Auftritt sprechen sie sie an und bieten ihr eine Zusammenarbeit an.

Sie ist zurückhaltend, immerhin sind die beiden ein Vierteljahrhundert älter als sie. Doch als der eine erzählt, was er im Leben alles gemacht hat, lässt sie sich überzeugen. Einige Monate bei Kraftwerk, dann gründete er die Band Neu!, die einer der Gründe war, warum David Bowie Ende der Siebziger nach Berlin zog. Mit Harmonia und Brian Eno arbeitete er, bevor er ab 1978 vier Soloplatten mit dem Can-Drummer Jaki Liebezeit aufnahm und danach kontinuierlich starke Platten lieferte.

Michael Rother hat an diesem Abend in Sophie Williams (später Joiner) seine Stimme gefunden. Für das Album „Remember (The Great Adventure)“ wollte er erstmals mit Gesang arbeiten. Vor der Session hatte der Gitarrist 75 Skizzen vorbereitet. Während seine Katze um ihre Beine stromerte, sollte sie ihm eine Nummer zurufen, dann spielte er diese an und sie improvisierte: sloganhafte Phrasen, kleine Melodien, vielleicht ein bis eineinhalb Minuten lang.

Nachdem er die Platte 2004 veröffentlichte, schlummerte der Rest des Materials ungenutzt im Computer. Denn zwischenzeitlich ergab sich, was längst hätte passieren sollen: In einer zweiten Welle des Ruhms entdeckten englische und amerikanische Musiker den Krautrock-Pionier für sich. Steve Shelley von Sonic Youth wurde sein Begleiter, John Frusciante brachte ihn mit seiner Band Red Hot Chili Peppers zusammen.

Als größte Anerkennung baten die kalifornischen Superstars Rother 2007 in Hamburg auf die Bühne, um eine lange Zugabe zu bestreiten: etwas, das auf wenigen schlechten Youtube-Videos klingt wie eine dissonante Version seines Krautrock-Klassikers „Hallogallo“. Auf einem Sampler huldigten Oasis, Kasabian und Primal Scream seiner Band. „Neu! klingen für mich wie Freude“, sagte Radiohead-Sänger Thom Yorke. „Wie eine nagelneue Autobahn, und du bist der Erste, der darauf fahren darf.“

Tourneen in Australien, Japan, Amerika und Europa hielten Rother auf Trab (wobei er trotzdem so aussieht, als hätte es diese sechzehn Jahre nie gegeben) und davon ab, neue Musik aufzunehmen. „Das Teilen der Freude mit dem Publikum war fest etabliert“, sagt er in einem Skype-Gespräch. „Ich hatte kein Interesse, sechs bis acht Wochen an Neuem zu schrauben.“

Doch dann kam Corona, Konzerte wurden abgesagt, plötzlich hatte Rother Zeit. Er spann Kompositionen zu Ende, bearbeitete Joiners Stimme, hörte die Musik in der Küche, im Wohnzimmer, fuhr Fahrrad, brachte seit vielen Jahren wieder sein charakteristisches Gitarrenspiel in Aufnahmen ein.

„Dreaming“ ist ein faszinierendes Experiment: Der Gesang aus den späten Neunzigern mischt sich mit einer Gitarre, die seinem Solodebüt von 1977 entsprungen sein könnte, und aktueller warmer Elektronik. Rother ist kein Musiker, der sich von anderen inspirieren lässt, sondern vom Leben. Kindheitserfahrungen aus Pakistan brachten ihn zu einem linearen statt zirkulären Verständnis von Musik. Später wurden seine Experimentierfreude und der Motorik-Rhythmus seines Partners Klaus Dinger zur Blaupause elektronischer Musik.

„Dreaming“ klingt trotz dieser anachronistischen Bausteine zeitgenössisch. Percussionartige Rhythmen paaren sich in Stücken wie „Fierce Wind Blowing“, „Hey-Hey“ oder „Bitter Tang“ mit Geräuschen, sphärischen Harmonieflächen, Melodien aus den Tiefen der Seele. Dazu repetitive Gesangsphrasen.

Wenn die Gitarre durchschimmert, die schon 1972 in „Weissensee“ erklungen ist, fühlt es sich wie die glückliche Vermählung frischer Elektronik mit der hierzulande zu wenig gewürdigten Kraut-Tradition an. Rother ist vor kurzem siebzig geworden, seit Juni lebt er wegen Corona in der Toskana bei seiner Partnerin. Aber sobald Auftritte möglich sind, wird von ihm zu hören sein.

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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