Drittes Reich

Filme, die Geschichte machen

Von Frank Schirrmacher
16.09.2004
, 14:12
Die Bilderangst ist abgelegt: Breloer und Eichinger wollen Hitler und seine Helfer zeigen, wie wir sie noch nicht gesehen haben. Ihre Filme sind die wichtigsten Geschichtsprojekte seit Jahren. FAZ.NET-Spezial.

Es gibt nur eine einzige Tonbandaufnahme, in der man Hitler im normalen Gesprächston sprechen hört. Ein finnischer Radiotechniker hat sie 1942 heimlich aufgenommen, als Hitler den finnischen General Carl Gustav Mannerheim besuchte, und als das Tonband vor ein paar Jahren auftauchte, war es eine Sensation. Tobias Moretti, der im Frühjahr 2005 als Adolf Hitler zu sehen sein wird, hat die Aufnahme immer wieder gehört. Es ist der erste Schritt einer Einübung, der in Kürze dem ganzen Land bevorstehen wird.

Wir haben bislang Hitler nicht gespielt. Deutsche Filme zeigten ihn - wenn er überhaupt von einem Schauspieler dargestellt wurde - immer nur für Sekundenbruchteile, von hinten oder aus der Ferne und fast immer ohne Text; eine Ausnahme war allein Pabsts „Der letzte Akt“ von 1955 (siehe auch: Der Film „Der letzte Akt“ von 1955). Eine Art Bilderangst war hier wirksam; die Scheu davor, den Mann, der die Phantasie der Deutschen bis zum heutigen Tage mehr beherrscht als jede andere Figur der Geschichte, selbst zum Produkt der künstlerischen Phantasie zu machen.

Wir werden sie gespielt sehen

Damit ist es nun vorbei. Die Beschäftigung des Landes mit Hitler tritt fast sechzig Jahre nach Kriegsende in eine neue Phase. Im September 2004 und im Frühjahr 2005 werden zwei spektakuläre Filmproduktionen das Personal des Dritten Reichs inszenieren. Wir werden sie alle gespielt (oder soll man sagen: interpretiert?) sehen - nicht nur Hitler, auch alle anderen, die Himmler, Göring und Goebbels, die Angeklagten im Nürnberger Prozeß, dazu die Statisten der Weltgeschichte, die Kammerdiener und Sekretärinnen und Haustechniker und Telefonisten. Und schließlich Eva Braun.

Bernd Eichinger, der nach den Erinnerungen von Hitlers Sekretärin Traudl Junge die letzten Tage in der Reichskanzlei verfilmen ließ, und Heinrich Breloer, der das Leben Albert Speers halbdokumentarisch in dem dreiteiligen Fernsehfilm "Speer und er" nacherzählen wird - beides, soviel ist heute schon klar, werden Zäsuren in unserer Beschäftigung mit dem Dritten Reich sein. Bruno Ganz als Hitler (in Eichingers Produktion) und Tobias Moretti als Hitler in Breloers "Speer"-Film werden nicht nur zu Figuren für Filmkritiker. Sie werden in dem historischen Augenblick auf die Leinwand gebracht, da die allerletzten Zeugen gestorben sind, und also den endgültigen Übergang von der Mitwelt in die Nachwelt markieren.

Den Mythos RAF zerstört

So ehrgeizig auch scheint das Ziel der Filmemacher. Heinrich Breloer jedenfalls hat am Montag bei seiner Pressekonferenz angekündigt, er werde einen Speer und einen Hitler zeigen, wie man sie noch nicht gesehen habe. Wer Breloers bisherige Filme kennt, wird solche Bekenntnisse sehr ernst nehmen. Mit dem "Todesspiel" etwa, seinem Film über die Entführung und Ermordung von Hanns-Martin Schleyer, hat Breloer in einer einzigen Nacht den Mythos RAF für immer zerstört.

Seine Präzision, sein Recherche-Hunger, seine Fakten-Unersättlichkeit wendet sich nun mit Albert Speer einer bis heute längst nicht zureichend erfaßten Schlüsselfigur der Epoche zu. Offenbar ist es Breloer gelungen, einige von Speers Kindern zu Äußerungen zu bewegen, offenbar hat er im Bundesarchiv Entdeckungen gemacht, die den Mann und seine Handlungen in ein grelleres und erschreckenderes Licht setzen.

Speer wurde gesprochen

Es gibt, das muß man sehen, nicht nur keinen normalen Gesprächston von Adolf Hitler; es gibt ihn auch nicht von Albert Speer, dem auskunftsfreudigsten aller ehemaligen Nazis. Speers "Erinnerungen" und "Spandauer Tagebücher" sind längst Bestandteil des bundesrepublikanischen Bewußtseins geworden. Sie sind aber redigiert worden von Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler, zwei Stilisten von enormem Rang, die sich eigenem Bekenntnis zufolge in der Tradition Thomas Manns sehen. Albert Speer hat nicht selber gesprochen; er wurde gesprochen, und zwar von einer Tradition seiner Ghostwriter, die ihn - wie illegitim auch immer - letztlich zu einem Sproß der Buddenbrook-Welt gemacht hat. Breloer, dem Thomas-Mann-Kenner, ist diese Zurichtung nicht entgangen, und versteht man seine Hinweise richtig, werden sie in seinem Film in Frage gestellt.

Das Dritte Reich hat sich bis zuletzt, hat sich noch in seinem Untergang selbst inszeniert, und dieser operettenhafte Stilisierungseifer ist etwa von Joachim Fest in seiner Hitler-Biographie und in den unzähligen Variationen des gleichen Themas - vom "Staatsstreich" bis zum "Untergang" - nacherzählt worden.

Breloer, so muß man ihn verstehen, wird der Wissenschaft neue Hinweise für eine Beurteilung von Hitlers Architekt und Rüstungsminister geben. Aber durch die Spielszenen, durch die Verfilmung entscheidender Etappen von Speers Leben, wird das Dritte Reich eben nicht nur durch den Blickwinkel der Regisseure alter NS-Wochenschauen abgebildet. Breloers Anspruch lautet, daß die Nachwelt nun einen Blick auf das Dritte Reich und sein Personal werfen könne, der nicht durch das Bildmaterial des Dritten Reichs vorgegeben und erzwungen sei, sondern eigenen Raum schaffe.

Was kein Geschichtsbuch kann

In diesem Innenraum - der es beispielsweise ermöglicht, Hitlers Arbeitszimmer originalgetreu zu rekonstruieren - entfaltet sich in der Tat so etwas wie "Interpretation". Wenn Kunst wirklich etwas Wahres zum Ausdruck bringt, dann könnte es uns möglich sein, Verhaltensweisen und Interaktionen zu verstehen, die kein positivistisches Geschichtsbuch uns erklären kann. Die Frage zum Beispiel, warum das Personal des Dritten Reichs nicht schon vor 1945 in heillose Panik verfiel; oder die Frage, was der wahre Sinn der berüchtigen Posener-Rede war, in der Himmler, vermutlich auch in Anwesenheit von Speer, den Holocaust öffentlich bekannte.

Breloers Interpretation ist eindeutig: Himmler informierte im Auftrag Hitlers die NS-Prominenz von der Ermordung der europäischen Juden, um den Parteigranden klarzumachen, daß alle Brücken abgebrochen seien. In Breloers Worten: "Wir haben es wirklich getan. Es ist wirklich geschehen. Wir haben sie alle ermordet und ihre Kinder auch."

Die wichtigsten Geschichtsprojekte seit Jahren

Eichingers "Untergang" und Breloers "Speer und er" sind - so verschiedenen die Zugangsweisen auch sein mögen - die wichtigsten Geschichtsprojekte seit Jahren. Die Verantwortung ist immens. Die Chance besteht darin, den vergifteteten Bildern und Inszenierungen der Nazis die eigene Interpretation entgegenzustellen. Es ist der Zugriff einer neuen Generation, die plötzlich erkennt, daß die Täter des Dritten Reichs jünger waren, als die Angehörigen dieser Generation heute sind: Die Schauspieler der beiden Filme sind heute in dem Alter, in dem die Täter des Dritten Reichs gewesen waren, als es unterging - fast alle noch längst keine fünfzig Jahre alt.

Goebbels, der sich mit achtundvierzig Jahren umbrachte, schwärmte kurz vor seinem Selbstmord davon, daß immerhin eines Tages ein Farbfilm über all das gedreht würde. Die Antwort auf dieses fatale Vermächtnis ist nicht, keinen Film zu machen. Die Antwort lautet, einen Film zu machen, der so authentisch und wahrhaftig ist, daß er und seinesgleichen ihn niemals hätte sehen wollen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.06.2004, Nr. 142 / Seite 37
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