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Geschrumpfte Fritten

Schwundkartoffel

EIN KOMMENTAR Von Gina Thomas
 - 14:53

Als gäbe es nicht genügend Hiobsbotschaften im vom Brexit gebeutelten Britannien, kommt jetzt die Nachricht, dass auch das Nationalgericht „fish and chips“ bedroht ist, diesmal nicht durch die bürokratischen Buhmänner in Brüssel, sondern durch den Klimawandel. So jedenfalls sehen es die Verfasser eines wunderschön produzierten Berichtes, den die Climate Coalition, eine Schirmorganisation für mehr als hundertdreißig Verbände, darunter der National Trust und der WWF, zusammen mit Forschern des internationalen Instituts für den Klimawandel an der Universität Leeds erstellt hat. Unter dem kalauernden Titel „Recipe for disaster“ beleuchtet der Bericht die Auswirkungen von extremen Wetterphänomenen – Dürre, Starkregen, Hitzewellen, später Frost – auf den britischen Obst- und Gemüseanbau. Zu den beunruhigenden Statistiken gehört nicht nur, dass die Zwiebel- und Karottenernte im vergangenen Sommer wegen der Hitze und der knappen Regenmenge um bis zu vierzig Prozent geringer war. Auch die Kartoffelbauer verzeichneten mit einem Rückgang von bis zu 25 Prozent den viertkleinsten Ertrag seit 1960. Hinzu kommt, dass die Knollen öfter verformt und kleiner sind, mit der Folge, dass Fritten aus britischer Produktion zum Fisch jetzt im Durchschnitt drei Zentimeter kürzer sind. Aus der düsteren Aussicht, wonach drei Viertel des Bodens bis zur Mitte des Jahrhunderts nicht mehr für den Kartoffelanbau tauglich sein könnten, folgern Experten, dass das Grundnahrungsmittel in der prognostizierten Warmzeit womöglich wieder eine teure Delikatesse sein werde, wie zu den Zeiten, als die unscheinbaren Knollen aus der Neuen Welt als „Apfel des Teufels“ galten. Aufgrund ihrer ursprünglichen Bezeichnung als „Papa Peruana“ oder „Papas Hispanorum“ war die Kartoffel in England sogar als Vorreiterin der römischen Kirche verpönt.

Noch 1765 wurde im Wahlkampf der Spruch gerufen: „Keine Kartoffeln, kein Papismus!“ Damals, zwischen dem sechzehnten und dem achtzehnten Jahrhundert, als die langen Winter und kurzen Sommer der Kleinen Eiszeit in der Nordhemisphäre zu Hungersnöten führten, ergriffen die Herrscher Initiativen, um den Argwohn zu beseitigen. Marie Antoinette soll die Blüten als Haarschmuck verwendet haben, und in Preußen erließ Friedrich der Große den Kartoffelbefehl. Die allmähliche Akzeptanz der Knolle hat die Welt verändert, was im neunzehnten Jahrhundert wiederum verheerende Folgen hatte, als die Kartoffelfäule die Ernten vernichtete. Das führte in Britannien zur Aufhebung der Getreidezölle, die den Brotpreis in die Höhe getrieben hatten. Wenn sich die Unkenrufe über das Klima bewahrheiten, liefert die Geschichte zumindest tröstliche Beispiele für die Anpassungsfähigkeit des Menschen. Auch wenn natürlich Vorbeugen, wie es der Bericht empfiehlt, die bessere Lösung wäre.

Quelle: F.A.Z.
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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