Edith Sitwells Adressbuch

Der Fluch der alten Dame

EIN KOMMENTAR Von Andreas Platthaus
22.11.2021
, 11:37
Kein Pekinese, sondern ein Windhund: Dame Edith Sitwell (1887-1964) ungefähr im Jahr 1962
Höchstpreis für eine Sammung köstlicher Namenseinträge: Edith Sitwells Adressbuch ist versteigert worden. Es liest sich wie eines ihrer berühmten Werke.
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Was darf man vom Adressbuch einer Frau erwarten, deren erfolgreichstes Buch den Titel „English Eccentrics“ trug und deren Autobiographie „Taken Care Of“ (Erledigt) deshalb den deutschen Titel „Mein exzentrisches Leben“ verpasst bekam? Natürlich exzentrische Einträge. Das dachten sich auch jene Bieter, die sich in der vergangenen Woche im britischen Auktionshaus Dreweatts versammelten, um auf die Objekte einer Haushaltsauflösung zu steigern, zu denen das Adressbuch von Edith Sitwell gehörte. Die 1887 geborene Lyrikerin gilt als das größte Original der englischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts – weniger ihrer Gedichte wegen, die exzellent sind, aber nicht wirklich exzentrisch, als ihres Auftretens in der Öffentlichkeit.

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Sie selbst beschrieb es einmal so: „Warum sollte man versuchen, wie ein Pekinese auszusehen, wenn man ein Windhund ist?“ Und das war sie: pfeilschnell, wenn auch eher mit Zunge oder Feder als auf den Beinen, und die Nase immer im Wind, um die neuesten gesellschaftlichen Skandale der feineren Gesellschaft mitzubekommen. Der sie selbst angehörte, auch wenn ihre Behauptung, vom Königshaus der Plantagenets (Richard Löwenherz) abzustammen, Anlass zu Zweifeln gibt. Aber genügen die Earls of Donoughmore und Londesborough oder der Duke of Beaufort nicht als Vorfahren? Weshalb die Familie Sitwell auch drei Jahrhunderte lang Weston Hall be­wohnte, einen georgianischen Landsitz in Northamptonshire, der jedoch Anfang 2021 verkauft wurde – leer, denn das dort angesammelte alte Geraffel sollte separat Kasse machen.

Vor allem mit den Hinterlassenschaften des berühmtesten Familienmitglieds, darunter nicht nur das Himmelbett, in dem Edith Sitwell bei ihren Besuchen zu nächtigen und zu dichten pflegte, sondern auch das Adressbuch, das nach ihrem Tod 1964 dort verblieb. Darin sind die Nachfolger jener „English Eccentrics“ eingetragen, die Sitwell im gleichnamigen Buch von 1933 leider nur bis ins späte neunzehnte Jahrhundert porträtiert hat. Und die Einträge gehen über reine Adressen weit hinaus: „‚Psychopath who insulted me after television“ ist da als nähere Charakterisierung zu lesen, „That Blasted Priest!“, „The American who wants to bring his wife to tea“ oder „Impertinent Catholic ass“.

Man fragt sich nur, warum Sitwell die Namen überhaupt notiert hat. Oder warum unter dem Buchstaben C der Eintrag „Cat Torturers“ (Katzenquäler) zu lesen ist, obwohl sie gar nichts weiter über die betreffenden Personen gewusst zu haben scheint, denn eine Amtsrichterin hatte ihr gegenüber deren Namen verschwiegen – wie auch im Buch zu lesen ist („horrible woman magistrate“). Dieser Ein­trag nimmt jedenfalls weitaus mehr Platz in Anspruch als der direkt benachbarte zum Dramatiker Noël Coward, Sitwells literarischem Intimfeind seit dessen sardonischem Porträt ihrer Familie in seiner Revue „London Calling!“ von 1923. Aber mit dem sprach sie danach auch für fast ein Vierteljahrhundert nicht mehr; erstaunlich also, dass er überhaupt auftaucht. Das Vergnügen für den Käufer des Adressbuchs bei dessen Lektüre dürfte jedenfalls groß sein. Gekostet hat ihn der Spaß mehr als fünfzigtausend Pfund, das Zwei­hundertfache des Schätzpreises. Ex­zentrisch auch dies.

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Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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