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Johann J. Sprengs Wörterbuch

Ein lexikographisches Monument aus dem Archiv

Von Wolfgang Krischke
27.01.2022
, 20:09
Das größte deutsche Wörterbuch des 18. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Basel Bild: Universität Basel
Mit Sinn für Kraftwörter: Zweihundertfünfzig Jahre nach dem ersten gescheiterten Versuch erscheint Johann Jakob Sprengs Wörterbuch.
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Darf man Johann Jakob Spreng „besessen“ nennen? Für sich selbst hätte der Basler Theologe und Sprachgelehrte diese Bezeichnung wohl nicht akzeptiert, aber vielleicht für sein „Allgemeines Glossarium der deutschen Sprache“. Denn „besessen“ – so ist darin zu lesen – sind „Bruteyer, worüber die Brüterinn schon eine lange Zeit gesessen“. Dreißig Jahre lang hat Spreng „gebrütet“, In dieser Zeit hat er sich – allein und ohne Projektförderung – durch ein Gebirge aus Lexika und Chroniken, Gesetzestexten, Kirchenliedern, wissenschaftlichen Werken, technischen Fachbüchern, handwerklichen Anleitungen und geographischen Beschreibungen gearbeitet, hat alt- und mittelhochdeutsche, altsächsische, gotische, niederländische, skandinavische und friesische Quellen ausgewertet. Zwischen „Deutsch“ und der germanischen Sprachfamilie als ganzer machte Spreng, ähnlich wie die Brüder Grimm, keinen scharfen begrifflichen Unterschied.

Auf insgesamt hunderttausend Zetteln – manche von ihnen zu armlangen Streifen verklebt – notierte er seine Exzerpte mit dem Ziel, das umfangreichste deutsche Wörterbuch seiner Zeit zu schaffen. Das gelang ihm auch – fast. Als das lang „besessene“ Werk im Jahr 1759 schlüpfen sollte – knapp hundert Jahre bevor der erste Band des Grimmschen Wörterbuchs herauskam –, fanden sich nicht genügend Subskribenten, um die Druckkosten vorzustrecken. Erst jetzt, mit mehr als einem Vierteljahrtausend Verspätung, ist Sprengs Glossarium erschienen. Die sieben Bände mit ihren 95 000 Artikeln sind eine echte Dresekamera (Schatzkammer). In ihr findet man Kleinodien wie „tuckelbollen (mit der Stirne wider einander stossen), „atzlen“ (einem die Ohren vollplaudern wie Atzeln / Elstern) oder „kaibelen“ (nach einem Schindasße riechen). Man trifft den „Grosßoberältervater“ (dritter Urahnherr) und die „Geirlaug“, „eines tapferen Mannes Gattinn, die ihn nach saurer Arbeit mit einem Bade erquickt“. Entgegen den damaligen Gepflogenheiten sind die Bedeutungserklärungen in Sprengs Wörterbuch nicht lateinisch, sondern deutsch. Allerdings gibt es Ausnahmen: Dass es sich beim Futbürger – nicht verwandt mit dem Wutbürger – um jemanden handelt, der das Bürgerrecht durch Heirat erworben hat, erfährt man nur aus einer knappen, fast verschämt wirkenden Definition auf Latein. Wer Genaueres wissen will, muss bei Grimm nachschlagen. Dort findet sich nicht nur der Futbürger als jemand, der durch die Ehe mit einer Straßburgerin Bürger dieser Stadt wurde, sondern auch die Fut als vulgäre Bezeichnung der Vulva.

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Quelle: F.A.Z
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