Im Wiener Globenmuseum

Pneumatrauma

EIN KOMMENTAR Von Andreas Platthaus
19.05.2022
, 09:10
Blick ins Wiener Globenmuseum
Eine augenöffnende Begegnung im Wiener Globenmuseum: Der aufblasbare Erdball passt genau zu unserer Zeit.
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So viel Welt war nie wie im Wiener Globenmuseum, dem einzigen seiner Art. Die Österreichische Nationalbibliothek, berühmt für ihren Schatz an historischen Landkarten, hat in ihrer Dependance im barocken Palais Mollard rund 250 Objekte zusammengetragen, die in den letzten zweitausend Jahren der Kugelgestalt der Erde auch plastisch Rechnung getragen haben oder auf die schlaue Idee gekommen sind, dass die kopernikanische Kränkung dadurch ein Stückweit kompensiert werden kann, dass man einfach dem Himmelszelt auch die Gestalt einer Kugel gibt: in Form so­genannter Himmelsgloben, denen die Sternbilder abzulesen sind – als wäre die Erde immer noch Maßstab fürs Universum. Am kugeligen Wesen soll das Weltall genesen.

Dabei läuft doch ersichtlich auf der Erde nicht mehr alles rund, und so fühlt man sich zwischen den zahl­losen Vitrinen mit all den Globen wie einer Fehlwahrnehmung ausgesetzt. Nur die vielen Ungeheuer auf den Exemplaren der frühen Neuzeit, die von Schrecken künden, von denen man noch gar keine Anschauung, aber schon eine gute Vorstellung hatte, zeigen, dass die Menschheit doch als realistisch angesehen werden darf. Da solche Bedrohungen vor allem in seinerzeit noch un­erschlossenen Weltgegenden eingezeichnet wurden, sind vor allem die Ozeane Heimat erstaunlichster Scheußlichkeiten – und auch jenes weite Terrain am oberen Rand der eurasischen Landmasse, das wir heute unter Russland subsumieren. Die Vorausschau unserer Altvorderen darf bewundert werden.

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Die treffendste Darstellung unserer Gegenwart im Globenmuseum verdankt sich denn auch nicht den jüngsten Modellen, sondern einer Idee des englischen Lehrers George Pocock, den an der Wende vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert sein privates Interesse an Flugapparaten und somit Ballons zu einer höchst praktischen Erfindung inspirierte: den aufblasbaren Globus. Der machte Furore auf dem ganzen Kontinent, und so hat eine 1831 von einem Münchner Adepten geschaffene Ausführung den Weg in die Wiener Sammlung gefunden. Dieser „pneumatisch, portative Erd-Globus“ hängt entleert wie eine zusammengeschrumpelte Frucht zwischen all den opulent prangenden Kugeln ringsum, doch nur er bildet die Welt ab, wie wir sie derzeit empfinden: Die Luft ist raus.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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