FAZ plus ArtikelKulturgeschichte der Frisur

Die Länge meiner Haare

Von Edo Reents
01.03.2021
, 07:50
Brave Pilzköpfe: Die Beatles trugen ihr Haar bekanntlich erst zum Ende ihrer Karriere hin offen.
Wer zum Friseur geht, hat keine Matte mehr: Vom nahenden Ende des Gammlerlooks, der als Ausdruck einer Weltanschauung an Spannkraft eingebüßt hat.

Von Joan Baez weiß man, dass sie, seit sie Bob Dylan das erste Mal gesehen hatte, das Bedürfnis verspürte und womöglich noch verspürt, ihm die Haare zu machen – kämmen, schneiden und waschen. Zu Dylans Sechzigstem, vor bald zwanzig Jahren, zog sich der Musikkritiker Karl Bruckmaier, der auch für diese Zeitung schreibt, einen Kittel über und gratulierte ihm mit Kamm und Schere: Er schrieb über ihn, als wäre er sein Friseur, womit schon vorausgesetzt war, dass Dylan überhaupt je einen hatte.

Woher rührt die Sorge um das Haar eines der größten Künstler der vergangenen sechzig Jahre? Tatsächlich ist die Rockmusik der einzige Bereich der westlichen Kultur, in dem es seit Mitte der sechziger Jahre nicht nur dazugehörte, sondern gleichsam konstitutiv war, dass Männer ihr Haar lang und oft auch ungekämmt trugen. Aus der Tracht, die einmal als Nonkonformismus gedacht war, wurde freilich selbst eine Uniform, ein Zeichen der Anpassung an dieses Milieu, das einst als „Subkultur“ bezeichnet, aber bald ein Mainstream-Phänomen wurde. Die alten Plattencover beweisen es: Um und nach 1970 gab es, zumal im härteren und harten Rock, kaum kurze Haare.

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Edo Reents
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