Mit Graham Swift in Brighton

„Ich bin so gern am Meeresstrand“

Von Thomas David
Aktualisiert am 03.08.2020
 - 07:32
„Ich war schon lange nicht mehr in Brighton“, sagte Graham Swift - ein Blick auf den Pier.
In seinem neuen Roman „Da sind wir“ erzählt Graham Swift von einem Zauberer und der Feriensaison 1959 in Brighton. Im Jahr 2020 ist der Schriftsteller an diesen Ort zurückgekehrt – und hat unseren Autor mitgenommen.

In einer Schlüsselszene von „Da sind wir“ sitzt Ronnie Deane am Fenster eines Zuges und blickt auf sein Leben zurück. „Da sind wir“ ist der neue Roman von Graham Swift. Ronnie ist ein Zauberer. In London hat er zum Abschied den im Krankenhaus aufgebahrten Leichnam seiner Mutter geküsst. Jetzt fährt er zurück nach Brighton, wo Ronnie und seine hinreißende Partnerin als „Pablo und Eve“ die Attraktion der Feriensaison 1959 sind. Er presst die Nase an die Scheibe des Fensters und denkt an die Mutter, die ihn bei Ausbruch des Kriegs in die Obhut eines kinderlosen Ehepaars gegeben hatte. Draußen die Vororte, die vorüberziehende Landschaft von Surrey und Sussex, der Himmel, an dem sich Wolken zusammenballen. Er denkt an seinen verstorbenen Ziehvater, der ihn im Idyll eines versteckten Landhauses in die Zauberkunst eingeführt hatte, während über London und Coventry der Bombenhagel niederging. Im Sommer 1959 ist Ronnie 28 Jahre alt und blickt aus dem Zugfenster mit Tränen in den Augen auf sein Leben zurück, als wäre es zu Ende, obwohl er in Brighton der Hochzeit mit Eve und einer strahlenden Zukunft entgegensieht. „Hatte er nicht allen Grund, glücklich zu sein?“, schreibt Swift, der in dem faszinierenden, gerade einmal 160 Seiten langen Roman Glück und Tragik des Lebens erfasst und einige der schweren Fragen der menschlichen Existenz zum Schweben bringt. „Bist du denn nicht glücklich?“

„Abgesehen davon, dass wir gerade eine andere Jahreszeit haben als im Roman“, sagte Graham Swift, „hat sich auf dieser Strecke seit 1959 vermutlich kaum etwas verändert.“ An einem Tag im späten Winter saß er wie Ronnie am Fenster des Zuges und betrachtete die vorüberziehenden Felder und Wiesen, während Regen gegen die Scheibe schlug. Er trug einen dunkelblauen Pullover, darunter ein gestreiftes Hemd. Er hatte Schal und Handschuhe dabei, aber keinen Schirm. Ein paar Tage vor Erscheinen der englischen Originalausgabe von „Da sind wir“ unternahm er einen Tagesausflug nach Brighton, um sich auf dem Schauplatz seines Romans umzusehen. „Im Laufe meines Lebens hat Großbritannien enorme Veränderungen erfahren, und wer weiß, was uns in den nächsten Jahren alles bevorsteht? Aber die Landschaft, durch die wir jetzt fahren, hat sich ihre Schönheit bewahrt und ist Teil dessen, was ich an England liebe.“

Bäume und Ackerland, ein dumpfer Stoß, als hätte der Zug eine Kuh überrollt. In der Ferne die hügelige Kreidelandschaft der South Downs, in der sich Swift gelegentlich mit seiner in Lewes lebenden deutschen Übersetzerin trifft, um dem Gesang der Feldlerchen zu lauschen und sich beim Spazierengehen seinen patriotischen Gefühlen hinzugeben. „Ich liebe dieses Land“, sagte er mit seiner unaufdringlichen Stimme, während der Zug in einen Tunnel fuhr. „Aber ich teile nicht die Nostalgie, die dafür verantwortlich ist, dass wir uns aus Europa zurückgezogen haben. Ich verstehe letztlich noch immer nicht, wie es überhaupt dazu kommen konnte und was sich die Leute, die für den Brexit gestimmt haben, davon versprechen.“

Er überlegte, mit dem Schreiben aufzuhören

Den 31. Januar hatte Swift mit seiner Frau zu Hause in London verbracht. „Candice und ich haben an dem Tag nichts Besonderes unternommen“, sagte er im Zug nach Brighton, als niemand ahnte, dass dies erst mal ein letzter Ausflug war und Swift in den kommenden Wochen und Monaten reichlich Gelegenheit haben würde, nichts Besonderes zu tun. „Wir sind nur allmählich immer trauriger geworden.“ Ein verhaltenes Lachen, ein plötzliches Aufhellen des Blicks, als der Zug aus dem Tunnel hinausfuhr und die Welt, als wäre sie verzaubert, im Sonnenschein badete. In „Da sind wir“ durchbohrt Ronnie Eve mit Schwertern und zersägt sie zum Vergnügen des Publikums in zwei Hälften. Höhepunkt der Show im Theater am Ende der Brighton Palace Pier ist sein berühmter Regenbogentrick.

Der 1949 in London geborene Graham Swift zählte schon 1983 zu den „Best of Young British Novelists“, der legendären Auswahl der Literaturzeitschrift „Granta“. Inzwischen ist er Anfang siebzig – und erlebt seit „Ein Festtag“, dem 2016 erschienenen Roman über ein junges Dienstmädchen, das an einem Sonntag des Jahres 1924 eine lebensverändernde Erfahrung macht, einen zweiten Frühling. Swifts 1983 erschienene Familiensaga „Waterland“, in der er im Marschland der ostenglischen Fens den magischen Realismus der britischen Erzähltradition beschwört, ist ebenso wie der 1996 mit dem Booker Prize ausgezeichnete Roman „Letzte Runde“ längst zum Klassiker geworden. „Ein Festtag“ war bei Kritik und Publikum ein derart märchenhafter Erfolg, dass Swift überlegte, mit dem Schreiben aufzuhören. „Ich hatte das Gefühl, einen Gipfelpunkt erreicht zu haben, über den ich nie mehr hinauskommen würde.“ Ein anderes Projekt hat er seitdem begraben. „Aber wollte ich mich tatsächlich zur Ruhe setzen? Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch beschert ist – aber wollte ich diese wirklich damit verbringen, tatenlos herumzusitzen, und mir den Thrill versagen, den das Schreiben mit sich bringt?“

Neulich hatte er in einer Druckerei irgendwo in Kent 3000 Exemplare von „Da sind wir“ signiert und mit 850 Exemplaren pro Stunde offenbar einen neuen Rekord unter britischen Schriftstellern aufgestellt. Für die nächsten Tage plante er noch einen Ausflug zu Hatchards, der altehrwürdigen Buchhandlung am Piccadilly. „Vermutlich wären wir heute auch nicht in Brighton, wenn ich nicht dem Thrill nachgegangen wäre – der Eingebung zu dem Roman, die wie aus dem Nichts gekommen ist“, sagte Graham Swift an jenem Wintertag: „Eine solche Eingebung hat etwas Magisches und ist für einen Schriftsteller wie die Reise ins eigene Herz. An einen verborgenen Ort in einem selbst, von dem man nicht einmal wusste, dass er existiert.“

„Die Pest namens Brexit“

Er stand im Bahnhof von Brighton, ein schlanker, noch immer jungenhaft wirkender Mann mit kurzen Haaren, der sich die Handschuhe überstreifte, weil das Coronavirus auch in England schon die Nachrichten dominierte und „beinahe die Pest namens Brexit verdrängt“, wie Swift später bemerkte. „War es nicht witzig, dass der Zug ausgerechnet in dem Moment in den Tunnel fuhr, als Sie fragten, wie ich das Land beschreiben würde, das ich aus dem Fenster sehe?“

Regennasse Straßen, böiger Wind. Der Sonnenschein kurz vor Brighton war nichts als eine vorüberziehende Illusion. Am Ende der abschüssigen Queens Road das graue Meer. Neben einer Bushaltestelle ein kühlschrankgroßer Solarmülleimer mit der Aufschrift „Oh, I do like to bin beside the seaside“ – die Verballhornung der Zeile eines alten Music-Hall-Songs, die Swift auch in „Letzte Runde“ zitiert, der Geschichte über vier Männer, die von London aus nach Margate pilgern, um die Asche eines verstorbenen Freundes ins Meer zu streuen.

„Ich bin so gern am Meeresstrand“, sagte Swift, während er den Mülleimer betrachtete, „ich bin so gern am Meer.“ Er ging die Queens Road hinab, vorbei an regennassen Schaufenstern, kahlen Bäumen, vereinzelten Passanten im Nieselregen. Die 50000 Pfingstausflügler, die das Seebad in „Brighton Rock“ fluten, Graham Greenes Kriminalroman, waren an diesem Tag nichts als eine Fiktion. „Ich bin gern an der Küste, weil sie den Rand zwischen den Elementen verkörpert, zwischen dem festen Land und der Unfassbarkeit des Meeres“, sagte Swift. In „Cliffedge“, seiner vor vierzig Jahren erschienenen Kurzgeschichte, ist das Meer ein „schlafendes Ungeheuer“. „Und was könnte die Tatsache, dass ein Seebad ein Ort des weltlichen Vergnügens ist und doch unmittelbar an diese unstete, möglicherweise gefährliche Welt des Meeres grenzt, besser symbolisieren als eine Pier, wie die, auf der Ronnie in meinem Roman seine Zauberkunststücke vorführt? Diese merkwürdige Konstruktion, die sogar ins Meer hineinragt und von Wellen umspült wird?“

Er sah aus, als halte er Andacht

Swift wechselte die Straßenseite und steuerte wie zufällig auf die Filiale der Buchhandelskette Waterstones zu, während der Nieselregen allmählich stärker wurde. „Mein Buch ist leicht zu erkennen“, sagte er und blickte sich im Laden suchend um. „Sobald wir einen Papagei sehen, wissen wir, dass wir es gefunden haben.“ Er ging Richtung Kasse. Er sagte: „Da ist es.“ Wenige Tage vor dem offiziellen Erscheinungstermin stapelten sich auf einem Tisch bereits signierte Exemplare des Buchs, dessen Cover eine Abbildung des ausgestorbenen Karolinasittichs schmückt. „Oder besser: Da sind wir.“ Swift trat schweigend an den Tisch. Er sah aus, als halte er Andacht. „Über den Titel des Romans habe ich mir viele Gedanken gemacht“, sagte er. „Ich glaube, es handelt sich um einen meiner besten, und zwar aus einem zutiefst persönlichen Grund. Wenn ich diese Bücher jetzt betrachte, rufen sie mir zu: ,Da sind wir. Da sind wir.‘“ Er lächelte. „Das hat etwas Magisches“, sagte er. „Es ist ein einzigartiges Gefühl, das niemand außer mir erleben kann.“

Swift lief durch Wind und Regen die parallel zur Strandpromenade verlaufende Kings Road entlang und flüchtete sich ins Foyer eines Kinos, wo er Kaffee bestellte. Als die Hosenbeine eine gute Stunde später wieder trocken waren, spazierte er im Sonnenschein Richtung Palace Pier, die im cremefarbenen Glanz einer vergangenen Zeit über dem glitzernden Meer zu stehen schien. Das alte Theater, in dem Ronnie im Sommer 1959 seinen Regenbogentrick zeigt, wurde Mitte der Achtziger abgerissen.

Vom Ende einer Ära

„Sind Sie vielleicht auf der Suche nach Liebe, Erfolg und Glück?“, fragte Swift, als er an dem Zigeunerwagen von „Ivor The Fortune Teller“ vorbeiging, der auf den Holzplanken der Seebrücke stand. Er schlenderte durch den Vergnügungspalast, vorbei an den Münzschiebern und den Spielautomaten, den Ausflüglern, die vor den lärmenden Maschinen saßen. Er wollte zum Ende der Pier, von wo Ronnies Partnerin Eve im Roman ihren Verlobungsring ins Wasser wirft, weil sie sich in den Entertainer Jack verliebt hatte, während Ronnie in London bei seiner toten Mutter war und die Zukunft des am Horizont heraufziehenden Zeitalters ohnehin nicht den Zauberern zu gehören scheint. Wie viele von Swifts Büchern handelt auch „Da sind wir“ vom Ende einer Ära.

„Ich war schon lange nicht mehr in Brighton“, sagte Graham Swift, der die Recherche gern aufs Nötigste beschränkt. Ein Kinderkarussell, dessen hölzerne Pferde zu Culture Clubs „Karma Chameleon“ im Kreis galoppierten. Einzelne, zum Teil geschlossene Verkaufsbuden. Die kegelförmige Rutschbahn des Helter Skelter. Dort, wo sich einst das Theater befand, eine Achterbahn vom Typ „Wilde Maus“. Swift stand am Geländer, unter ihm das Meer, die tosende Brandung, die die Pfeiler der Pier umspülte. Der starke Seewind zerzauste sein Haar. Am Tag, an dem „Da sind wir“ von seinem englischen Verlag angekündigt wurde, war sein Pate gestorben, mit dem Swift zeitlebens eine tiefe Freundschaft verbunden hatte. Die Vorfreude auf die Veröffentlichung des Romans war von dem keine zwei Monate zurückliegenden Tod seines langjährigen amerikanischen Verlegers Sonny Mehta überschattet.

Wenn Swift mit dem Zug durch die Londoner Vororte fährt, denkt er an seine Kindheit in South Croydon zurück, an seinen 1992 verstorbenen Vater, dessen Lebenszeit er inzwischen überschritten hat. In der Unrast des aufdämmernden Alters schreibt Graham Swift seine besten Bücher. Er blickte Richtung Horizont. Europa konnte man von hier aus auch in weniger stürmischen Zeiten nicht sehen, das Virus lag Ende Februar auch in Brighton schon in der Luft.

Swift sagte: „Gönnen wir uns die ganze Brighton-Erfahrung: Was halten Sie jetzt von Fish and Chips?“

Quelle: F.A.S.
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