FAZ plus ArtikelNach dem PEN-Eklat

Wohin mit all den Alten?

EIN KOMMENTAR Von Jan Wiele
16.05.2022
, 19:15
Er ist als PEN-Präsident zurückgetreten, aber seine Worte wirken nach: Deniz Yücel
Wurst-Käse-Szenario beim deutschen PEN: Die desaströse Tagung in Gotha lässt bleibende Schäden zurück und viele Fragen offen.
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Keine Frage, der Streit im deutschen PEN hat literarisch-theatralische Dimensionen – von welcher Qualität, darüber lässt sich wiederum streiten. Die Kritiken tendieren eher zum Trash-Stück als zum Königsdrama. Und die Schmähung der Autorenvereinigung als Bratwurst­bude, mit der Deniz Yücel polternd die Bühne verließ, wird ihr als Etikett wohl lange anhaften. Das in seinen Dimensionen vielleicht schiefe, aber sofort eingängige Bratwurst-Bild wurde jedenfalls, was mediale Wirksamkeit angeht, ein letzter Coup. Nur wird zu der Einschätzung, es gebe gar keine schlechte PR, in diesem Fall wohl niemand gelangen (außer vielleicht dem Bürgermeister von Gotha, der sich, wie berichtet wird, auf weitere PEN-Tagungen freut, weil seine Stadt noch nie so präsent in den Medien gewesen sei). Der Rücktritt des gesamten Präsidiums zog weitere Rücktritte und Austritte nach sich; manche, die jüngst überlegt haben, ob sie sich zuwählen lassen sollen, überlegen es sich noch einmal, wieder andere finden ihren Verein zum Fremdschämen.

Auch die böse, zuvor wohl eher von außen gestellte Frage, wie literarisch wertvoll denn überhaupt manche Schriftsteller der Vereinigung von „Poets, Essayists and Novelists“ seien, hat Yücel nun mitten in diese hineingetragen, indem er sich etwa auf der Tagung in Gotha bei einem Wortgefecht mit dem inzwischen ebenfalls zurück­getretenen Generalsekretär Heinrich Peuckmann hämisch über dessen Publikationen äußerte (und Peuckmann sich freilich auch hämisch über Yücel, man schenkte sich nichts). Zuvor hatte Yücel Peuckmann in einem Interview als „Religionslehrer“ bezeichnet – was dieser war, er hat aber auch viele Bücher veröffentlicht. Für sich genommen, ist das ein absurdes Spiel im Spiel: Ein Präsident des PEN, der selbst nicht Schriftsteller ist, bemängelt die schriftstellerische Qualität von dessen Mitgliedern. Nur finden die das nicht so lustig. Wer in Gotha vor Ort war, hat neben dem Staunen über die Farce des Versuchs, die Tagung geordnet abzuhalten, eben auch gesehen, dass für das weithin als Schauspiel Wahrgenommene echter Schweiß und echte Tränen flossen. So kurios das manche anmutet, hat es auch viel Schaden angerichtet.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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