Elfriede Jelinek

Hausbesuch bei der Nobelpreis-Erträgerin

Von Georg Diez, Wien
11.10.2004
, 12:32
„Eine Ehre, die für mich zu groß ist im Moment”
Elfriede Jelinek haßt öffentliche Auftritte; aber dann hat sie doch die Tür aufgemacht und über den Preis gesprochen, über die Last, die er ihr aufbürdet, aber auch über das Glück, das er bedeutet.
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Das Haus ist klein und unscheinbar, wie alles in dieser Straße, wie alles in diesem Teil der Stadt. Es ist graubraun und hat Fenster, die man nur einbaut, wenn man keinen Lärm im Haus haben will oder keine Einbrecher. Von der Innenstadt sind es gut zwanzig Minuten hier heraus, nach Hütteldorf, wo sich Wien in den grünen Hügeln verliert. Neben dem Gartentor sind zwei Klingeln, die Metallschilder daneben sind ohne Namen.

Das ist von Bedeutung. Alles ist an so einem Tag von Bedeutung. Es geht schließlich um den Preis.

Elfriede Jelinek macht die Tür auf. Zuerst sind da ihre Augenbrauen, die sie leicht orange nachgezogen hat, dann sind da ihre Augen, die freundlich und ein bißchen müde schauen und dabei sagen, daß sie die Situation schon versteht, es ist für uns alle nicht angenehm, da müssen wir jetzt durch, notfalls zusammen. Dann ist da ein komplettes Gesicht. Sie lächelt.

„Ich kann das nicht ertragen, dieses Angeschautwerden”
„Ich kann das nicht ertragen, dieses Angeschautwerden” Bild: AP

"Kommen Sie herein."

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So klar war das nicht. So klar war das ganz und gar nicht. Aber man kann ja mal Glück haben.

Sie geht die Treppe hoch. Oben ist ein helles Wohnzimmer, wo auch das rosa Bild hängt, das im Fernsehen zu sehen war und in den Zeitungen und auf der ganzen Welt. Sie setzt sich auf das weiße Sofa mit dem Stahlgestell, auf dem auch der Teddybär sitzt, auf dem auch das rosa Kissen ist, auf dem "Elfi" steht. Sie hat weite schwarze Hosen an und einen beigefarbenen Pullover, sie hat diese Elfriede-Jelinek-Frisur, sie schaut aus wie jemandes beste Freundin. Das Telefon klingelt.

"Ich gehe da mal schnell hin", sagt sie, als ob sie das erklären müßte.

Sie weiß es seit Donnerstag halb eins. Sie hat dann gleich den Sekretär der Akademie in Stockholm angerufen und ihm gesagt, daß sie nicht kommen kann. "Der hat das verstanden", sagt sie, "da bin ich ihm auch sehr dankbar."

Es ist seltsam. Schon am Anfang entsteht eine Leichtigkeit um sie herum, die daher rührt, daß für sie alles so schwer ist.

Der Preis also. Das Telefon klingelt noch ein paar Mal an diesem Vormittag, sie geht immer hin und spricht kurz mit den Leuten. Dann setzt sie sich wieder auf das Sofa und schaut einen an. "Das ist eine Ehre, die für mich zu groß ist im Moment", sagt sie. "Es ist doch unvorstellbar, daß ich mich jetzt neben Leuten wie Beckett und Hemingway wiederfinde." Sie macht eine Pause. "Gleichzeitig ist so ein Preis auch ein aggressiver Akt. Ein Eindringen."

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Der Blick geht normalerweise weit von hier oben, die Hügel gegenüber liegen heute im grauen Dunst. Sie gibt kaum Interviews, seit das mit dem Preis bekannt ist. Und dieses nur wegen ein, zwei Zufällen. "Ich mag Ihre Sonntagszeitung", hatte sie gesagt. Aber was ist so schlimm an der Preisverleihung?

"Ich kann das nicht ertragen", sagt sie, "dieses Angeschautwerden. Irgendwann ist einmal der Punkt dagewesen, wo es einfach nicht mehr ging."

Die Sätze, die sie sagt, kommen ruhig, sie kommen präzise, sie kommen mit Pausen. Sie sind ganz anders als die Sätze, die Elfriede Jelinek schreibt.

Sie erzählt von der Disziplin, mit der sie sich früher gezwungen habe, sich den Menschen auszusetzen, eine 68er-Disziplin, wie sie sagt, ein politischer Akt, weil sie doch Rechenschaft schuldig war diesen Menschen gegenüber, die "als Steuerzahler mein Scheintum mitfinanzierten". Sie erzählt davon, daß es ein Fehler war, soviel zu reden damals, über ihre Bücher zum Beispiel, über "Lust" oder "Die Klavierspielerin", "es wird ja sowieso mißverstanden, was man sagt". Sie erzählt von dem Bild, das sich andere von ihr machen, und wie sie dieses Bild nicht mehr erfüllen will.

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Es war das Bild des Wunderkindes, der Feministin, der Skandalautorin, der Rabiatpoetin, der Theaterfurie, der Haiderfeindin, der Vaterlandsverräterin. Jetzt also das Bild der Nobelpreisträgerin.

"Ich wollte nie eine öffentliche Person sein", sagt sie. "Ich habe diese Rolle nicht gesucht, wir Künstler in Österreich haben diese Rolle nicht gesucht. Aber jemand muß ja die Drecksarbeit machen." Sie meint den Krieg und die Lügen, den Faschismus und die Pornographie, die Männer, die Sprache, den Sport und die Bergbahn von Kaprun. Sie meint die Welt.

"Das einzige, was ich mir wirklich wünsche", sagt sie, "ist es, zurückgezogen zu leben. Ich will nur in Ruhe gelassen werden."

Die Uhr tickt. Stille ist etwas, das tief in einen sinkt.

Die Bücher, die sie in dieser Stille schreibt, sind laut, sie sind aggressiv, sie sind ein Akt der Notwehr. Sie machen es denen nicht leicht, die sie lesen, aber auch denen nicht, die über sie schreiben, das zeigten die manchmal gequälten Reaktionen in den Zeitungen, nachdem das mit dem Preis bekanntgeworden war. Jelinek treibt die Sprache in ihren Büchern voran, wie ein Werkzeug, wie eine Waffe, wie ein Geschenk, das verletzt.

"Ich bin eine Triebtäterin", sagt sie, sie hat die Arme verschränkt und wirkt entspannt. "Schreiben erfordert eine libidinöse Disziplin. Schreiben ist notwendig, um den Druck abzulassen, damit der Schädel nicht zerspringt. Schreiben ist eine Rage, die vom Verstand kontrolliert wird."

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Sie schreibt sehr schnell, in ihren Morgenstunden, sie schreibt ihre Texte immer wieder neu, sie ist sehr ungeduldig, sie legt Schicht über Schicht, wo andere Schicht um Schicht freilegen. "Der Schriftsteller Hans Lebert und sein Roman ,Wolfshaut' waren sehr wichtig für mich", sagt sie. "Bei ihm kommt die Sprache aus dem Boden, bei mir kommt sie wie eine Lawine."

Sie spricht dann von Handke und von Pynchon, "dieser Gigant", sie spricht davon, daß sie von ihren Romanen nie wirklich leben konnte, nur von den Theaterstücken und den Übersetzungen, sie spricht davon, daß der Preis ihr vor allem eines bringen kann, die Freiheit, sich auf ihre eigenen Dinge zu konzentrieren, "ich sehe dann die Zeit vor mir liegen wie ein ruhiges Meer". Und dann sagt die Nobelpreisträgerin den Satz: "Ich habe ja nichts anderes gelernt."

Das könnte jetzt natürlich kokett wirken. Orgel hat sie gelernt, Klavier hat sie gespielt, von der Mutter angetrieben, unten hat sie einen Flügel stehen, einen Steinway, "den sollte ich eigentlich weggeben", sagt sie, "ich spiele viel zu selten darauf". Sie schaut kurz aus dem Fenster, dann sagt sie: "Dabei bin ich eine gute Begleiterin."

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Wenn man will, dann ist das auch so ein Satz von Bedeutung.

Da sind der Wille und der Mut und die Unbedingtheit. Da sind die Angst und die Verletzlichkeit und das Scheitern. Da ist der Drill der Mutter, da ist die Erwartung des Vaters, da ist das späte, späte Kind Elfriede, ihr Vater ist schon 48, als sie geboren wird, und ihre Mutter 43, und sie bleibt die einzige. Da sind der jüdische Sozialist und die großbürgerliche Katholikin, da sind zwei Welten, "die über mir zusammengeprallt sind und mich zermalmten", sagt sie und lächelt. Da sind dieser Preis und dieser Satz, der durchaus nicht nur aufs Klavierspielen zielt.

Sie denkt in Partituren, sie hört die Sprache wie Musik, sie ist die Figur der Autorin, in all ihren Widersprüchen, in der Dynamik von Selbstinszenierung und Rückzug, sie kennt diese Widersprüche, sie ist ihre eigene Begleiterin.

Sie redet jetzt wieder vom Schreiben, sie redet von ihrem Buch "Die Kinder der Toten", das sie für ihr entscheidendes Werk hält, der Wahn der Geschichte als Gespenstergeschichte. "Das ist der Text, den ich schreiben wollte", sagt sie, "alles andere waren dann Fleißarbeiten. Ich bin aber auch entlastet, daß ich darin gesagt habe, was ich sagen wollte." Es war diese "unglaubliche österreichische Geschichtsverlogenheit", an der sie sich abgearbeitet hat, dieses Land, das sich immer als erstes Opfer der Nationalsozialisten gesehen hat. "Es waren", sagt sie, "die Toten in meiner Familie, die mich verpflichtet haben, dieses Buch zu schreiben."

Es klingelt an der Tür. Die Nachbarn kommen und bringen die Einkäufe, weil sie das heute wirklich nicht schafft. "Ich hab' keine Granny Smith bekommen", sagt der Mann. "Laß dich umarmen", sagt die Frau. "Das sind solche Schätze", sagt Elfriede Jelinek, nachdem sie wieder gegangen sind. Und: Natürlich hat sie sich gefreut, über den Preis, über die Anrufe, über die Autorenkollegen, die gratuliert haben. "Ich habe gar nicht gewußt", sagt sie, "daß ich so viele Leute kenne."

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Dann erzählt sie wieder von ihrem jüdischen Vater, der als Chemiker in der Kriegsindustrie arbeitete und geschützt war durch seine Frau, die einen gefälschten Ariernachweis hatte. Er hat seine Tochter auf den Antifaschismus verpflichtet, "er hat mich schon als Kind gezwungen, die Filme anzuschauen mit den Bergen von Leichen". Da ist ihr Gesicht zum ersten Mal richtig leer.

"Verpflichtet", dieses Wort sagt sie ein paar Mal, "Disziplin", auch das ist ein wichtiges Wort. "Ich bin ein klassischer autoritärer Charakter", sagt sie, "ich spüre diese Reflexe zum Gehorsam und muß sie in mir bekämpfen."

Auch diese Worte führen dorthin, wo alles hinführt, in die Familie. "Eine richtige Beziehung", sagt sie, "hatte ich nie zu meinem Vater. Er war als Figur zu schwach und wurde dann bald verrückt." Sie sagt das ganz selbstverständlich, sie ist so gerade dabei, sie ist wohl in allem sehr gerade und gleichzeitig sehr fragil. Sie spricht von ihren eigenen psychischen Problemen, von den Therapien, "seit ich in der Volksschule war", von ihren Ängsten.

Nur über ihre Mutter will sie nicht sprechen. Und erzählt dann doch. Wie sie die sehr alte Frau hier vor ein paar Jahren im Haus gepflegt hat, wie sie diese Zeit fast zerstört hätte, wie nach dem Tod der Mutter mit 97 dieser Rückzugsschub kam, der immer noch anhält. "Ich habe mich davon nicht erholt", sagt sie. Sie ist so offen in so einem Moment, sie schaut einen mit ihren grauen Augen an und ist doch sehr weit weg.

"Ich habe den allergrößten Respekt vor Menschen, die andere pflegen", sagt sie. "Das ist größer, als jede Kunst je sein könnte. Aber mir ist seit damals eine panische Angst vor dem Alter geblieben. Ich denke, man sollte sich rechtzeitig umbringen."

Es ist ein dunkles Land, das Elfriede Jelinek bewohnt, aber es ist ein helles Dunkel, das aus ihr strahlt.

Das Haus, in dem sie wohnt, hat sich noch ihre Mutter gebaut. Elfriede Jelinek wird weiter zwischen Wien und München pendeln; dort wird sie sich jetzt für ein paar hundert Euro mehr eine größere Wohnung leisten. Sie wird weiter versuchen, sich nicht von den Politikern vereinnahmen zu lassen. Sie wird weiter fürchten, daß ihr Dasein durch den Preis eine Schwere bekommt, "die ich nicht will". Sie wird weiter für das Theater schreiben, "ich mag das", sagt sie, "wenn meine Sprachphantasie von jemand anderem aufgenommen wird. Ich schätze dieses Zusammenspiel mit Regisseuren. Was ich selbst will, das weiß ich - mich interessiert eher, was jemand anderes daraus macht." Als nächstes kommt das Stück über den Irak-Krieg, das das Burgtheater im Frühjahr aufführen wird. Dann vielleicht ihre Version von "Maria Stuart", eine RAF-Variante mit Ulrike Meinhof als Maria und Gudrun Ensslin als Elisabeth. "Ich werde immer schreiben", sagt sie, "weil ich muß."

Langsam ist ihre Stimme heiser. Sie nimmt einen Schluck Wasser. Sie wird natürlich weiter Prosa schreiben, "es wird wieder eine Gespenstergeschichte werden", sagt sie, "eine Gothic Novel, da habe ich meine Form gefunden". An Österreich aber, sagt sie, hat sie sich abgearbeitet.

Sie lehnt sich zurück, auf dem Sofa, auf dem auch ein Teddybär sitzt. "Ich werde mich erst einmal an der Freiheit berauschen, die mir der Preis bringt."

Der Nebel draußen ist etwas heller geworden. Wenn sie sich entspannen will, blättert Elfriede Jelinek in der italienischen "Vogue", die auf dem kleinen Tisch vor dem Sofa liegt. Und glücklich, sagt sie, glücklich ist sie, wenn sie sich alte Parry-Mason-Filme anschaut. Das ist unsere Preisträgerin. Das ist das Phantom von Wien.

Und das mit den zwei Klingelschildern ohne Namen? Hat das nun eine Bedeutung?

Ach, Bedeutung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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