Elke Sommer wird achtzig

Wunder gibt es

Von Claudius Seidl
Aktualisiert am 05.11.2020
 - 18:26
Elke Sommer, 1964
Elke Sommer hat sich nicht nach oben gearbeitet – sie wurde entdeckt, und dann war sie sofort da: eine Erscheinung, ein Weltstar, eine deutsche Schauspielerin, die auch in Hollywood verehrt wurde. Ein Glückwunsch zum achtzigsten Geburtstag.

Ihr ist geschehen, was sonst nur äußerst selten passiert, obwohl doch seit Beginn der Filmgeschichte so viele davon träumen: Elke Sommer wurde entdeckt, vom großen italienischen Regisseur und Produzenten Vittorio De Sica, der nur ihr Foto in einer Zeitung sah – und dass daraus tatsächlich eine Filmkarriere wurde, lässt sich am besten aus einer italienischen und sehr katholischen Perspektive verstehen: aus dem Glauben daran, dass die Bilder ihre eigene Wahrheit offenbaren. Und dass Wunder jederzeit geschehen können.

Und genau so sah ihr erster Auftritt in ihrem ersten Film auch aus, in „L’amico del giaguaro“, einem charmanten und etwas betulichen Film über kleine Gauner in Rom: Ein Auto hält an, eine blonde, junge Frau steigt aus – und die vier jungen Männer auf der anderen Straßenseite können, was sie sehen, nur als übersinnliche Erscheinung deuten. Später wird sie vor der Fontana di Trevi stehen – und man stellt sich vor, wie Federico Fellini den Film sieht und dabei denkt, dass sie jetzt da hineinsteigen müsste. Was er ein Jahr später mit Anita Ekberg inszenieren wird.

Elke Sommer, geboren 1940 in Berlin, von dort mit ihren Eltern vor den Bomben nach Franken geflohen, aufgewachsen in Marloffstein am Rand der Fränkischen Schweiz – Elke Sommer hatte Ferien gemacht in Viareggio, sie hatte an einer Misswahl teilgenommen und gewonnen: So kam ihr Bild in die Zeitung. Und so kam es, dass sie im Jahr 1959 gleich in drei italienischen Filmen zu sehen war, darunter das verrückte Rock-’n’Roll-Musical „I ragazzi del juke box“ mit Adriano Celentano, inszeniert von Lucio Fulci, der später der Meister des italienischen Horrors wurde.

Wer hat von wem geträumt?

Ihr erster deutscher Film war wohl auch der schönste, „Das Totenschiff“, Georg Tresslers von der Filmgeschichte fast vergessene Verfilmung eines Romans von B. Traven, in dem Horst Buchholz durch eine südliche Landschaft wandert, und im Mittagslicht sitzt ein Mädchen am Wegrand, und die Blicke, die die beiden tauschen, sind so inszeniert, dass man sich fragt: Hat er von ihr geträumt oder sie von ihm?

In einem Illustrierteninterview hat Elke Sommer einmal erzählt, wie sie, viel später, in einem unerklärlichen Moment, aus ihrem Körper herausgefahren sei und sich von außen betrachtet habe. Was man ihr schon deshalb glauben mag, weil genau so auch die Auftritte der jungen Elke Sommer waren: Sie schien ganz bei sich zu sein – und zugleich neben sich zu stehen und zu staunen, über sich selbst, über die Blicke, die Kamera und Zuschauer auf sie warfen. Und darüber, wie sie dabei wirkt. Eine schöne junge Frau und die Kamera, das wirft ja immer die Machtfrage auf: Wer bestimmt, was zu sehen ist, wer fügt und unterwirft sich? Wenn man heute Elke Sommers frühe Filme wiedersieht, hat man nicht den Eindruck, dass sie in diesem Spiel die Schwächere ist. Elke Sommer, als sie dann angekommen war in Hollywood, leistete sich einen Mann, der praktisch nichts verdiente. Und dem sie ein schönes Haus und regelmäßig ein neues Auto spendierte.

Die Filmgeschichte ist ungerecht – wir erinnern uns, zu Recht, an Blake Edwards’ „Ein Schuss im Dunkeln“, in dem die lustigste ihrer Sexszenen darauf hinauslief, dass, weil der Partner Peter Sellers war, das Schlafzimmer in Trümmer fiel. Vergessen sind aber leider „Heiße Katzen“ oder „Rollkommando“, Filme, in denen sie sehr böse Frauen mit sehr viel Vergnügen spielte. Dabei sind es gerade solche nicht ganz so meisterhafte Filme aus Italien, England, Amerika, in denen, unbehelligt vom Kunstwollen eines Regisseurs, Elke Sommers Präsenz und somnambuler Zauber sich besonders gut entfalten können. Es ist allerhöchste Zeit, das Werk Elke Sommers wiederzuentdecken. Heute wird sie achtzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seidl, Claudius
Claudius Seidl
Redakteur im Feuilleton.
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