Empathie

Überdehnte Hausmoral

EIN KOMMENTAR Von Christian Geyer
21.11.2013
, 17:30
Seit man nicht mehr von Einfühlung, sondern von Empathie spricht, hält man ihre Wirkung für grenzenlos. Stoppt das modische Gerede vom Empathiemangel!

Die Karriere der Empathie ist atemberaubend. Der gesamte säkulare Tugendkatalog scheint auf die Fähigkeit zur Einfühlung geschrumpft zu sein, wobei eben Einfühlung nicht mehr Einfühlung, sondern „Empathie“ genannt wird. In ihrer gräzisierten Lehnübersetzung tritt die ehemals betuliche Einfühlung als technische Vokabel auf, streift den sentimentalen Grundton ab und wird als Schlüsselkompetenz des effizienten Lebens trainierbar. Entsprechend ist Empathiemangel so ziemlich die schlimmste Charaktereigenschaft, die jemandem attestiert werden kann, wobei - und das ist das Unsägliche am globalen Empathiegebot - es um eine Ethik der grenzenlosen Einfühlung geht, bei der Nähe und Ferne der Bezugspersonen keine Rolle spielen sollen.

Schon Arnold Gehlen hat hierin eine „Überdehnung der Hausmoral“ erkannt, bei welcher die Substanz des Mitleids verlorengehe. Nach Gehlen hat jetzt der forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber einen Aufschrei gegen die allumfassende Empathie-Forderung formuliert. Er sieht in ihr einen „therapeutischen Fetisch“ und umgekehrt im Empathiemangel einen allzu bequemen Befund, wenn es um den Zusammenhang mit Kriminalität geht. Der rabiate Psychopath leide häufig gerade nicht an einem Mangel an psychologischem Einfühlungsvermögen, vielmehr stelle er dieses Vermögen raffiniert in den Dienst seiner manipulativen Energie.

Eine Empathieschulung als therapeutische Maßnahme könne hier geradezu kontraproduktiv wirken, so Kröber, wie überhaupt die modische Konzentration auf Empathiemangel die tatsächlich relevanten Fragen im kriminellen Spektrum eher verdecke: „Straftaten zeichnen sich strukturell dadurch aus, dass sie keine Rücksicht nehmen auf andere. Insofern ist mangelnde Rücksichtnahme keine Erklärung für Straftaten, denn man kann nicht eine mangelnde Rücksichtnahme mit mangelnder Rücksichtnahme erklären. Vielmehr geht es um die Frage, unter welchen Konstellationen wir Rücksicht nehmen und unter welchen Konstellationen wir keine Rücksicht nehmen.“ Wie wäre es, Empathie einfach wieder Einfühlung zu nennen? Dann begrenzt sich der Begriff schon ganz von selbst.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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