„Der Dichter und der Neonazi“

Im schlimmsten Feind den Menschen sehen

Von Hubert Spiegel
13.04.2021
, 17:52
Erich Fried im Jahr 1986
Zeugnis einer bizarren Freundschaft: In Briefen diskutierten der linke jüdische Lyriker Erich Fried und der fanatische Neonazi Michael Kühnen in ernsthaftem Ton darüber, ob Frieds Großmutter tatsächlich in Auschwitz ermordet wurde.

Der Schüler Michael Kühnen ist vierzehn Jahre alt, als die NPD im September 1969 zur Bundestagswahl antritt. Als die Partei an der Fünfprozentklausel scheitert, verbringt der Junge die halbe Nacht heulend in seinem Zimmer, steht aber in den folgenden Tagen und Monaten weiterhin fast täglich auf dem Bonner Marktplatz, um Passanten die „Deutschen Nachrichten“ anzubieten, die Parteizeitung der NPD. Er verehrt Adolf Hitler und leugnet den Holocaust. Seine Mitschüler am katholischen Collegium Josephinum wählen ihn 1973 dennoch zu ihrem Schülersprecher. Ein Jahr später verpflichtet Kühnen sich für zwölf Jahre bei der Bundeswehr, wird Leutnant, lässt sich zum Einzelkämpfer ausbilden und ist aktiv beim Aufbau der Untergrundzelle „SA-Sturm 8. Mai“ beteiligt. Ziel der Zelle ist die Wiedererrichtung der NS-Diktatur.

Erich Fried ist sechs Jahre alt und gerade eingeschult, als er 1927 bei einer Weihnachtsfeier in seiner Schule ein Gedicht aufsagen soll. Als er mitbekommt, dass sich unter den Gästen auch der damalige Wiener Polizeipräsident Schober befindet, der kurz zuvor beim Wiener Justizpalastbrand ein Blutbad mit mehr achtzig Toten unter linken Demonstranten hatte veranstalten lassen, erklärt der Knirps auf offener Bühne, dass er vor diesem Herrn sein Gedicht nicht aufsagen werde. Johann Schober, der später österreichischer Bundeskanzler wird, verlässt den Saal. Gute zehn Jahre später, jetzt ist er etwa so alt wie der Schülersprecher Michael Kühnen, gründet der Schüler Erich Fried eine antifaschistische Widerstandsgruppe, verteilt Flugblätter und riskiert damit sein Leben. Er ist siebzehn, als sein Vater von der Gestapo zu Tode geprügelt wird. Als seine Großmutter von den Nationalsozialisten vergast wird, ist Erich Fried vor den Nationalsozialisten bereits nach London ins Exil geflohen.

Ein Gedicht von Adolf Hitler?

Kann man sich vorstellen, wie Michael Kühnen und Erich Fried Mitte der achtziger Jahre ernsthaft und in geradezu freundschaftlichem Ton darüber diskutieren, ob Frieds Großmutter tatsächlich in Auschwitz ermordet wurde, ob der Holocaust tatsächlich stattgefunden hat oder ob es sich dabei nicht in Wahrheit um ein Propagandamärchen der Siegermächte handele?

Holocaust-Leugner, darunter Michael Kühnen, 1978 bei einer Aktion der „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ in Hamburg.
Holocaust-Leugner, darunter Michael Kühnen, 1978 bei einer Aktion der „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ in Hamburg. Bild: Picture-Alliance

Kühnen ist Anfang dreißig, mehrfach vorbestraft und gilt seit einigen Jahren als Kopf und Anführer der deutschen Neonazis. Fried, Jahrgang 1921, ist mehr als dreißig Jahre älter, ein undogmatischer Linker und politischer Lyriker, der Shakespeare übersetzt hat und mit Rudi Dutschke befreundet war. Seine 1979 erschienenen „Liebesgedichte“ waren ein Bestseller, und ihr Autor gilt als einer der meistverkauften deutschsprachigen Lyriker nach 1945. Den Spitznamen „Stören-Fried“, den ihm konservative Kreise aufgrund seiner vielfältigen Interventionen verpasst hatten, nahm er als Auszeichnung. Er galt als konfliktfreudig bis zur Kampfeslust, aber auch als unermüdlich guter Zuhörer und in den diskurstrunkenen siebziger Jahren als einer der wenigen, die in der Lage waren, auch im heftigen Streitgespräch offen anzuerkennen, wenn der Gegner ausnahmsweise einmal ein gutes Argument vorgetragen hatte.

Am 23. Mai 1985 schickt Kühnen dem Lyriker Fried ein maschinengeschriebenes Muttertagsgedicht. Es steht auf der Rückseite eines ausländerfeindlichen Flugblatts der „Deutschen Frauenfront. Gau Niedersachsen “ und handelt recht rührselig von der Mutterliebe eines Sohnes: „Wenn deine Mutter alt geworden, / und älter du geworden bist“, so lautet der Anfang. Handschriftlich hat Kühnen folgende Frage daneben notiert: „Ist ein Mann ,böse‘, der so schreiben und fühlen kann?“ Als Verfasser galt Adolf Hitler, wenn auch vermutlich zu Unrecht.

Verständnis oder Verblendung?

Kann man etwas anderes als Bösartigkeit vermuten, wenn ein Neonazi einem Mann wie Fried ein Gedicht schickt, das Hitler zugeschrieben wurde? Erich Fried vermochte das. Er ist das größere Rätsel in dieser erstaunlichen Begegnung, die beide Seiten offenbar als schicksalhaft empfunden haben. Beide waren von Radio Bremen zu einer Talkshow eingeladen worden, und als Kühnen nach öffentlichem Protest kurzfristig wieder ausgeladen wurde, bezog Fried noch in der Sendung eindeutig Position: „Ob man den einladen soll oder nicht, darüber kann man streiten. Wenn man ihn eingeladen hat, ihn auszuladen, ist ganz bestimmt falsch und kleinkariert.“ Als man nach der Sendung in der Kantine zusammensaß, rief Kühnen an und wurde tatsächlich durchgestellt: Er wolle sich bei Fried bedanken. Damit begann, was Thomas Wagner in seinem Buch „Der Dichter und der Neonazi“ (Klett-Cotta Verlag) zu Recht als „eine deutsche Freundschaft“ bezeichnet. Sein Buch ist differenziert und sachlich. Die Parallelen zu jüngeren Diskursen über die Verständigung mit einer extremen Rechten bleiben allerdings ungezogen.

Sechzehn Briefe sind dokumentiert, von jedem der beiden jeweils acht. Der Ton ist offen, vertrauensvoll, mitunter ausgesprochen herzlich. Einmal unterzeichnet Fried mit „Einstweilen alles Liebe! Dein Erich“. Kühnen, der wirre Ideologe, der allein die SS für alle Greuel des NS-Staates verantwortlich machen will, fühlt sich ernst genommen und gibt sich als Realpolitiker, der bereit ist zu tun, was getan werden muss. Was sie vereint, so glaubt Kühnen, sei die Gegnerschaft gegenüber der bestehenden Ordnung. Was der 1991 verstorbene Kühnen nicht sieht, nicht sehen kann: Er wird zum Objekt, an dem Fried seine tiefsten Überzeugungen auf die Probe stellt. Denn Fried ist durchdrungen von einem Humanismus, der auch im schlimmsten Feind immer den Menschen sieht, selbst wenn dieser sich bemüht habe, „die Spuren seines Menschentums zu verwischen“. Fried hatte erlebt, wie seine Wiener Mitschüler zu Faschisten wurden, die zwar alle Juden aus Österreich vertreiben wollten, aber gegen ihn persönlich nichts hatten. Er wusste genau, dass es keinen Faschismus mit menschlichem Antlitz geben kann, aber wenn er sich an seine Jugend erinnerte, erinnerte er sich auch an einen Faschismus mit den Gesichtern halber Kinder.

Fried war nicht naiv, aber er tat gern so. Vielleicht lag seine größte Illusion in dem Glauben, es sei möglich, Verführer und Verführte auseinanderzuhalten. Dass Kühnen nicht nur eins von beiden war, wollte er offenbar nicht wahrhaben. Fried starb 1988. Seine Hoffnung, dass ein Mensch lernen könne, auch schwerste Schuld auf sich zu nehmen, wenn einer „von der anderen Seite“, wie er es nannte, bereit sei, „zu verstehen und zu lieben“, hat sich nicht erfüllt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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