Esprit Montmartre in Frankfurt

Unsere Freundin und Schwester, die Prostituierte

Von Julia Voss
08.02.2014
, 12:48
Picasso, Van Gogh, Toulouse-Lautrec und Suzanne Valadon: Die Ausstellung „Esprit Montmartre“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zeigt uns die Bohème auf dem Montmartre.
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Diese Ausstellung kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. In Deutschland wird noch debattiert, ob Prostitution weiter legal bleiben soll, in Frankreich wurde sie gerade verboten - und nun stürmen solche Bilder die Frankfurter Schirn Kunsthalle: Sie sind prächtig, traurig, lustig, mitfühlend, herablassend, ausbeuterisch oder mitreißend. Sie sind bunt, grau, riesig, wandfüllend, winzig, modern, gewagt oder marktschreierisch. Sie alle stammen aus einer Epoche, in der ein Frauentypus plötzlich fast so häufig dargestellt wurde wie im Mittelalter die Muttergottes: die Prostituierte.

„Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900“ lautet der Titel der Schau. Sie könnte auch „Glanz und Elend der Kurtisanen“ heißen, nach dem berühmten Roman von Honoré de Balzac. Zweihundert Kunstwerke von 26 Künstlern sind versammelt, darunter Berühmtheiten wie Vincent van Gogh, Pablo Picasso oder Henri de Toulouse-Lautrec. Aber es gibt vor allem auch Fundstücke, Entdeckungen, Überraschungen.

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Zwei Welten aus Rot und Grau

Wer mit den Frankfurter Räumlichkeiten vertraut ist, erkennt die Ausstellungshalle nicht wieder: Empfangen wird der Besucher in einem dunkelroten Kabinett, gezeigt werden dort Gemälde und Fotografien, die den Montmartre zunächst menschenleer vorstellen, das Viertel, die Topographie. Der Rest der Ausstellungshalle wird durch eine Trennwand geteilt, so dass zwei Galerien entstehen, gestrichen in den Farben Rot und Grau. Tatsächlich erzählt die Schau eine doppelte Geschichte: von Ruhm, Rebellion und Karrieren - und von Ausbeutung, Alkoholismus und Absinth.

Man betritt eine Welt, in der die Herren fast immer bekleidet und die Damen nackt sein müssen, in der die Männer Künstler, Kabarettisten, Bürger, Kunden und Freier sind und die Frauen viel zu häufig eine Ware. In der Ausstellung ist Pierre Bonnard der einzige Künstler, der auch einen Mann nackt in Frontalansicht darstellt, 1898 in einem kleinen Gemälde. Der Mann stemmt den Arm in die Hüfte. Den Unterleib, die Lenden, hüllt Bonnard in dunkle, verschwommene Pinselstriche, als wollte er dem Mann auf dem Bild doch noch in letzter Sekunde ein Handtuch zuwerfen, um sich zu bedecken.

Prostitution oder Hunger

Wie also lebte es sich auf dem Montmartre? Und wie frei war die Bohème, die als Bürgerschreck antrat und angeblich die Konventionen der Bourgeoisie verachtete? Eine Fotografie, gleich im ersten Raum, zeigt den Montmarte als Panorama, ein Hügel aus Gipsgestein, seit 1860 Teil des wachsenden Paris, übersät mit zusammengezimmerten Hütten, mehr Bruchbuden als Häuser. Noch 1904 sieht der Montmartre aus wie eine Favela. Missbilligend scheinen die angrenzenden hochgeschossigen Häuser aus stuckverzierten Fenstern herüberzusehen.

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Und trotzdem war der Montmartre vor allem ein Versprechen: Hier hatten sich, nachdem die Steinbrüche stillgelegt worden waren, zuerst Diebe, Hehler, Zuhälter und Obdachlose angesiedelt. 1871 jedoch, als die Pariser Kommune revoltierte, diente der Montmartre als Schlupfwinkel. Er stieg vom Versteck zum Symbol auf, für Freiheit, für Rebellion.

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Hat der Montmartre das Versprechen gehalten? Ebendiese Frage kann man als Leitfaden durch die Ausstellung nehmen. „Die Künstler“, schreibt die Kuratorin Ingrid Pfeiffer im Katalog, „agierten in diesem Umfeld wie Seismographen für eine Gesellschaft, in der die Doppelmoral gang und gäbe war. Während die bürgerlichen Frauen das Haus nur in Begleitung verlassen konnten, hatten die Frauen der unteren Schichten alle Bewegungsfreiheit, waren jedoch auch Freiwild für alle Arten der Ausnutzung.“ 1870 lag der Durchschnittslohn für Frauen bei 2,14 Franc, Männer verdienten mit 4,75 Franc mehr als das Doppelte. Zola stellte fest, die Arbeiterin könne nur zwischen Übeln wählen: „entweder Prostitution oder Hunger oder langsamer Tod“.

Unsterbliche Einsamkeit

Der Montmarte war das Vergnügungsviertel von Paris, hier fanden Frauen Arbeit in Tanzlokalen, in Bordellen oder auch als Modelle. Jeden Montag fand an der Place Pigalle ein Markt für Malermodelle statt, dort suchten sich Künstler die Frauen aus, die sie für ihre Bilder brauchten. Und natürlich war der Montmartre auch eine Vergnügungsindustrie: 1881 eröffnete das Kabarett „Le Chat Noir“, 1889 das Varieté „Moulin Rouge“. Die Häuser plakatierten in der ganzen Stadt, einige betrieben sogar eigene Zeitschriften, und diese Kampagnen hatten einen Erfolg, von dem Werber heute noch träumen. Viele der Plakate, die nun in Frankfurt zu sehen sind, hängen noch immer in den Zimmern von Teenagern. Sie schmücken Seifendosen, Menükarten, Notizbücher oder Sofakissen.

Die berühmtesten Entwürfe stammen von Henri de Toulouse-Lautrec, der mit etlichen Gemälden in der Schau vertreten ist. Er, dessen Kunst zum Marketingmotor wurde, der alkoholsüchtig war und 1901 an Syphilis starb, lieferte auch die traurigsten Ansichten der Szene, die Rückseite der wilden Nächte. „Seule“, allein, heißt eine Ölskizze auf Karton von 1896. Auf einem Bett liegt eine junge Frau, sie ist nackt und trägt kniehohe Strümpfe, die Uniform der Prostituierten. Ihr Körper ist nicht mehr als eine Hülle, geisterhaft und kraftlos wie ein Handschuh, der ausgezogen und weggeworfen wurde.

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Die Kreativen sind nur zu Gast

Im Zentrum der Schau steht die Künstlergeneration nach den Impressionisten. Den Auftakt machen mit vier Gemälden Van Gogh, der 1886 nach Paris kam und die Gemüsebeete auf dem Montmartre malte. Zu den Prostituierten schrieb er in einem Brief, den der Katalog zitiert: „Besagter unterwürfiger Hure gehört mehr meine Sympathie als mein Mitleid. Ausgestoßen und abgelehnt von der Gesellschaft, wie Du und ich es als Künstler sind, ist sie gewißlich unsere Freundin und Schwester. Und in dieser Stellung als Auswurf findet sie - wie auch wir selbst - eine Unabhängigkeit, die, genau betrachtet, auch ihre Vorteile hat.“ Tatsächlich teilten viele Künstler mit den Prostituierten die finanzielle Not, sie wohnten wie sie in ungeheizten Gebäuden.

Und trotzdem besaßen die männlichen Künstler Privilegien, die niemals eine Prostituierte genießen konnte: die Bürgerrechte zum Beispiel und die Vision einer besseren Zukunft. Im Alter von zwanzig Jahren, 1901, malte Pablo Picasso die kleine federgeschmückte Dame, die in „Femme assis à la terrasse d’un café“ an einem Tischchen wartet. Als Picasso erfolgreich wurde, zog er weg vom Montmartre. Die kleine Frau mit dem grünen Gesicht aber sitzt weiter vor ihrem Glas wie ein Maskottchen, die Trophäe einer Einsamkeit, mit der man sich schmückte, ohne ihr selbst ausgesetzt zu sein.

Allerdings: Der Montmartre, der häufig trügerische und verführerische Zauberberg von Paris, hielt doch auch manchmal sein Versprechen und brachte andere Geschichten hervor. In Frankfurt wird die der Malerin Suzanne Valadon erzählt. Sie wurde 1865 als das uneheliche Kind einer Näherin in einem Dorf bei Limoges geboren, 1870 zog die Mutter mit ihr nach Paris, auf den Montmartre. Suzanne Valadon verdiente ihr Geld zunächst als Modell, sie war die Muse und Geliebte von Renoir und Toulouse-Lautrec.

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Und dann, wie durch ein Wunder, nahm sich diese Frau die Freiheit, von der alle so gerne sprachen und wechselte die Seiten. Zu malen gefiel ihr besser, als gemalt zu werden. Dutzende von Skizzenbüchern füllte sie mit Zeichnungen, Degas pries ihr Talent. 1894 stellte sie zum ersten Mal aus, 1900 wurde Ambroise Vollard ihr Händler. Die Schirn zeigt neben dem liegenden Akt das hinreißende Porträt ihr alten Mutter und ihres Sohnes Maurice Utrillo von 1910.

Wer diese große und bewegende Ausstellung verlässt, wird nicht umhinkönnen, den Vergleich zu ziehen: Auf dem Monmartre, man kann es im Katalog nachlesen, gab es die „maisons d’abattage“, die Schlachthäuser, in denen Prostituierte im Sechs-Minuten-Takt Freier abfertigen mussten. Flatrate-Sex heißt das im neuen Zuhälterdeutsch. Nur einen Steinwurf entfernt liegt das Frankfurter Bahnhofsviertel, in dem heute die junge Generation tanzt und trinkt, während die Menschenrechte in den Bordellen nebenan außer Kraft gesetzt sind.

Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900. In der Schirn Kunsthalle Frankfurt bis zum 1. Juni. Der Katalog kostet in der Ausstellung 34 Euro

Zur Seite des Museums

Quelle: F.A.Z.
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