Marshall Sahlins gestorben

Kultur versteht man nur von innen

Von Patrick Bahners
07.04.2021
, 20:57
Der Gedanke, dass jede Kultur ihren eigenen Sinn hervorbringt und ihren eigenen Wert hat, war eine liberale Idee. Diese Tradition der Anthropologie setzte Marshall Sahlins fort, der im Alter von neunzig Jahren gestorben ist.

Aus gegebenem Anlass hat Horst Bredekamp am 8. März im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung daran erinnert, dass Franz Boas, einer der Begründer der Wissenschaft der Ethnologie, am Berliner Völkerkundemuseum einen „Kulturbegriff“ entwickelte, „der sich kategorisch gegen jede hierarchische Höher- oder Tieferstellung wendet“. Als Ableitung dieses Kulturbegriffs ergebe sich auch „die Bestimmung des Menschen nicht durch Statik und Hierarchie, sondern durch Bewegung und Relativität“. Eines der Bedenken gegen den mit Boas verknüpften Kulturrelativismus lautet, mit der Idee der Pluralität und Selbständigkeit der Kulturen im Außenverhältnis sei der Glaube an eine Übermacht homogener Vorstellungen im Inneren einer Kultur verbunden. Bringen methodische Vorentscheidungen also die Bewegung und Relativität aller Kulturen der Statik und Hierarchie jeder Kultur zum Opfer?

In einem Londoner Vortrag mit dem witzigen, auf einen Film Jean-Luc Godards von 1967 anspielenden Titel „Zwei oder drei Dinge, die ich über Kultur weiß“, trat Marshall Sahlins, der seit 1973 einen Lehrstuhl für Anthropologie an der University of Chicago bekleidete, diesem Einwand 1998 entgegen. Ja, Boas lehrte, dass die Kultur das Verhalten determiniere. Aber dieses Lehrstück war in dem Kontext, in dem Boas seine Texte schrieb, laut Sahlins ein liberaler Gedanke, nämlich „das zeitgenössische Gegengift gegen den Rassismus“.

Boas, Sohn in Westfalen assimilierter Juden, kam 1893 als Kurator der Weltausstellung zur Feier des vierhundertsten Jahrestags der Expedition des Kolumbus nach Chicago und blieb in Amerika. Sahlins wurde 1930 in Chicago geboren. Er wuchs ebenfalls in einem säkularen jüdischen Haushalt auf; seine Vorfahren kamen aus Russland. Die Alternative zur bestimmenden Kraft der Kultur im Schrifttum der Fachkollegen von Boas war die Annahme, die Antriebe des Verhaltens seien angeboren.

Sahlins unterschied den Ansatz von Boas auch von einem nicht-biologischen, aber ebenso strikten Determinismus, dem Evolutionismus seines Lehrers Leslie White. Dessen Grundgedanken, dass das Individuum das Werkzeug seiner Kultur sei, nannte er schrecklich. White habe den Einzelnen in seinem Verhältnis zur Kultur mit einem unbemannten Flugzeug verglichen, das vom Boden aus mit Radiowellen gesteuert werde. Er hätte nicht gedacht, bekannte der fast siebzigjährige Sahlins, dass er eine solche akademische Entmündigung des Menschen zu seinen Lebzeiten noch einmal erleben werde – bis dann in seinem Fach der „Diskurs“ die „Kultur“ ersetzte.

Wider den kolonialen und den postkolonialen Schematismus

Repariert man den schrecklichen Vergleich von White, so sitzt gemäß dem von Sahlins ausgelegten Begriff der Kultur das Individuum am Steuer, obwohl es weder das Fahrzeug noch die Verkehrsregeln gemacht hat. Die Kultur stellt sich als eine überindividuelle Zwischenwelt dar, ein System von Zeichen, das Selbstbestimmung gerade dadurch ermöglicht, dass es mit seiner Bestimmungsmacht vorgefunden wird. Sahlins betonte, dass die deutsche Völkerkunde, aus der Boas hervorging, sich schon im achtzehnten Jahrhundert vom schematischen Universalismus der Kolonialwissenschaft der Kolonialmächte absetzte.

Gerne zitierte Sahlins aus Herders „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“: „Der Kalmucke sieht Rauch, wo ihn kein europäisches Auge gewahr wird; der scheue Araber horcht weit umher in seiner stillen Wüste.“ Im gleichen Abschnitt sagt Herder vom „freien Natursohn“: „Er kennt mit Genauigkeit die Gegenstände, die er sah; er erzählt mit Genauigkeit die Sagen, die er hörte. Seine Zunge stammelt nicht, so wie sein Pfeil nicht irrt; denn wie sollte seine Seele bei dem, was sie genau sah und hörte, irren und stammeln?“ Alle Völker sind Kulturvölker, weil sie ihre Gegenstände und ihre Sagen so genau kennen, dass Kultur etwas ist, das von innen heraus verstanden werden muss: Das war die Grundüberzeugung von Sahlins, von der aus sich auch seine Position in der berühmten Kontroverse mit Gananath Obeyesekere über den Tod von James Cook entschlüsselt.

„Der Tod des Kapitän Cook“ lautete der Titel der deutschen Fassung des Buches Historical Metaphors and Mythical Realities“, die der Wagenbach-Verlag 1986 herausbrachte, fünf Jahre nach dem Original. Einer der beiden Übersetzer war Hans Medick, einer der Pioniere der alltagsgeschichtlichen Forschung unter den deutschen Historikern. Obeyesekere, aus Sri Lanka gebürtig, kritisierte Sahlins 1992 in dem Buch „The Apotheosis of Captain Cook: European Mythmaking in the Pacific“. Die These von Sahlins, die Hawaii-Insulaner hätten den britischen Kapitän für ihren wiedergekehrten Gott Lono gehalten, war für seinen Kollegen aus Princeton eine imperialistische Legende mit der Prämisse, dass Wilde unvernünftiger seien. Brillant erwiderte Sahlins drei Jahre später in seinem Buch „How ,Natives’ Think: About Captain Cook, for Example“, es sei sein postkolonialer Kritiker, der einen provinziellen westlichen Begriff von Rationalität absolut setze. Die Kultursöhne von Hawaii sahen sehr wohl, dass Cook nicht wie sie aussah, aber im Unterschied zu den Christen stellten sie sich ihre Götter auch nicht menschenähnlich vor.

Ein halbes Jahr nach seinem Schüler David Graeber, mit dem er 2017 ein 556 Seiten starkes, online offen zugängliches Buch „On Kings“ publizierte, ist Marshall Sahlins, der meistzitierte Autor seines Faches, am 5. April 2021 in Chicago gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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