Corona-Regelungen in Kitas

Bei Rotznase nach Hause schicken

Von Rainer Schulze
Aktualisiert am 19.07.2020
 - 09:01
Hin- und hergerissen zwischen Arbeit und Kinderbetreuung: Vielen Eltern graut schon vor der Erkältungswelle im Herbst und Winter.
Schon eine Schnupfennase kann Kitas in Hessen jetzt reichen, ein Kind heimzuschicken. Der Kinderarzt Ralf Moebus sieht das kritisch. Er hat einen besseren Vorschlag.

Kleinkinder, deren Nase läuft, werden aus den Kitas nach Hause geschickt, weil die Erzieher eine Corona-Ansteckung ausschließen wollen. Ist das angemessen?

Aus meiner Sicht nicht. Die Kinder, die in diesen Tagen zu uns in die Praxis kommen, haben keine hohe Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 erkrankt zu sein. Im Hochtaunuskreis gab es in den letzten sieben Tagen nur eine nachgewiesene Neuerkrankung. Für Frankfurt sieht es ähnlich aus. Dort waren es innerhalb von einer Woche sieben Neuerkrankungen auf 100.000 Einwohner. Das ist sehr gering. Wir sehen Kinder mit banalen Infekt-Erkrankungen, die wir ganz eindeutig auf die typischen Erkältungsviren zurückführen können. Dass Kinder mit einer laufenden Nase ohne weitere Beeinträchtigungen zum Arzt kommen, ist nicht nötig. Wir werden im Herbst und Winter noch ganz andere Situationen erleben, wenn die üblichen Erkältungswellen über uns kommen.

Wie ist die Lage in den Praxen?

Für uns Kinder- und Jugendärzte hat sich die Situation in dem Moment, in dem die Kindertagesstätten geöffnet wurden, gravierend geändert. Unsere medizinischen Fachangestellten am Telefon sind gnadenlos überlastet. Es kommen immer mehr Patienten, die aus den Kitas heimgeschickt wurden. Einige Gesundheitsämter fordern eine Bescheinigung vom Arzt, dass das Kind sich nicht mit Corona infiziert hat. Das können wir nicht leisten, denn es gibt eine Restmöglichkeit eines falsch negativen Testergebnisses. Und wenn ich heute einen Abstrich mache, weiß ich nicht, wie das Ergebnis morgen oder übermorgen aussehen würde. Ich attestiere eine Scheinsicherheit, die gar nicht realistisch ist. Vor allem wissen wir nicht, wie viele unserer Kinder asymptomatische Träger dieser Infektion sind.

Ist es angemessen, ein Kind, das mit einer Schnupfennase zu Ihnen kommt, auf Covid-19 zu testen?

Wir müssen zwischen den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts unterscheiden – und der medizinischen Notwendigkeit. Die Vorgaben des RKI sind angemessen für Erwachsene: Sie sollen einen Abstrich bekommen, ganz egal, welche Erkältungssymptome sie haben. So lautet die Empfehlung an die Ärzte. Aber für Kinder, die viel häufiger erkältet sind als Erwachsene, ist das nicht angemessen. Es gibt viel mehr Infekt-Erreger als das tatsächliche Coronavirus, das wir fürchten müssen. Die Wahrscheinlichkeit, sich durch ein anderes Virus eine Erkrankung einzuhandeln, ist vielfach höher.

Und ist ein Test bei einer „Rotznase“ medizinisch notwendig?

Will ich als Arzt meinem Patienten nicht schaden, muss ich mir gut überlegen, in welchem Fall ich eine diagnostische und therapeutische Maßnahme ergreife. Wenn ich bei einem Kind einen Hals-Nasen-Rachenabstrich mache, muss ich erst in der Nase und danach tief den Rachen über mehrere Sekunden abstreichen. Das ist nicht schön für das Kind. Das Kind wird das nächste Mal nicht mehr freudig zu mir kommen. Hat ein Kind einen positiven Abstrich, muss es natürlich in Quarantäne, das ist klar. Aber derzeit mache ich etwa 50 Abstriche pro Woche – und hatte bislang nicht einen positiven.

Das heißt: Ich traumatisiere die Kinder mit einer Untersuchung, deren Nutzen mir medizinisch fragwürdig erscheint. Wir wollen diejenigen, die krank sind, testen und untersuchen – und nicht diejenigen, die lediglich eine laufende Nase haben.

Wenn Kinder selbst mit milden Erkältungssymptomen wie Schnupfen nicht mehr in die Kita gehen dürfen: Was bedeutet das für die Eltern?

Bei Kindern unter drei Jahren ziehen sich Rhinovirus-Erkrankungen bisweilen über Wochen und Monate hin. Die Nase läuft mitunter ohne Unterlass, den ganzen Winter durch. Führt das zu einem Ausschluss aus der Kita, könnten die Eltern nicht mehr zu ihrer Arbeitsstelle gehen. Eine Rotznase darf nicht dazu führen, dass die Eltern vollkommen ausfallen. Für die Kinder wäre das ebenfalls gravierend, weil sie die frühkindliche Bildung nicht erfahren können. Spätestens im Kindergartenalter nimmt die außerhäusliche Betreuung und Bildung der Kinder einen sehr großen Stellenwert ein. Wir machen uns große Sorgen um die Kinder. Denn gerade in Elternhäusern, in denen das Bildungsniveau etwas geringer ist, ist es besonders wertvoll, wenn die Kinder in der Kita eine frühkindliche Bildung erfahren.

In einer Verordnung des Landes Hessen heißt es: „Kinder dürfen die Kindertageseinrichtung dann nicht betreten, wenn sie Krankheitssymptome für Covid-19 aufweisen.“ Laut des RKI sind Husten und Fieber mit 48 beziehungsweise 41 Prozent die häufigsten Symptome, 21 Prozent der Infizierten hatten Schnupfen, bei 15 Prozent war der Geruchs- und Geschmackssinn beeinträchtigt. Es folgen Lungenentzündung, Halsschmerzen, Atemnot, Kopf- und Gliederschmerzen, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen, Durchfall, Apathie und so weiter. Was bleibt da noch übrig?

Da bleibt nichts mehr übrig. Wir müssen vom RKI eine klare Fassung haben, die das Wohl der Kinder im Blick hat und sich eindeutig auf die Kinder bezieht. Außerdem können Kinder auch asymptomatisch erkranken. Wir können uns nicht auf Symptome verlassen, wenn wir eine Erkrankung ausschließen wollen. In den Hygieneempfehlungen des Landes für die Kitas ist nirgends von einer Attestierung oder einer Vorstellung beim Arzt die Rede. Aber das wird auf Kreis- und Gemeindeebene anders interpretiert. Die Einzigen, von denen ein Attest verlangt wird, sind diejenigen, die wegen einer chronischen Grunderkrankung die Schulen und Kitas nicht besuchen dürfen, weil sie unbedingt vor einer Corona-Infektion geschützt werden müssen. Das ist auch richtig so.

Sind Kinder und Eltern also abhängig von der subjektiven Einschätzung des einzelnen Erziehers und dessen Angst, sich anzustecken?

Wir werden eine gewisse Wellenform erleben. Immer dann, wenn mehr Fälle gemeldet werden, wird sicherlich großzügiger nach Hause geschickt. Solange die Infektionszahlen aber so niedrig sind wie jetzt, wird die persönliche Angefasstheit eine Rolle spielen. Erzieher, die einen Risikopatienten daheim haben, schicken ein Kind möglicherweise schneller nach Hause.

Bislang galt Fieber als allgemein akzeptiertes Signal, dass ein Kind ernsthaft krank ist und keinesfalls in die Kita sollte.

Ein Kind, das Fieber hat, darf nicht in die Kita geschickt werden. Die meisten Eltern handeln da verantwortungsvoll. Es kann aber dazu führen, dass die Eltern weniger verantwortungsvoll sind, wenn sie ständig wegen Banalitäten zu Hause bleiben und fürchten müssen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Wir müssen ganz klar die berufstätigen Eltern im Blick haben. Das muss sich in den Empfehlungen des RKI auch niederschlagen. Wir müssen diejenigen testen, die klar symptomatisch sind, bei denen eindeutige Symptome mit Fieber vorliegen. Ein leichter Schnupfen ist kein Grund, nicht in die Kita zu gehen, wenn man im Hintergrund eine vernünftige Strategie hat, wie man in einer Kita eine Infektionsausbreitung verhütet.

Wie könnte diese Strategie aussehen?

Wir müssen uns doch fragen: Wie können wir die Kinder zur gesamtheitlichen Bildung und Erziehung weiter zulassen, aber dabei relativ sicher verhindern, dass eine Kita ein Ort eines Infektionsursprungs werden kann? Dazu könnte man gepoolte Testungen anwenden, also ganze Kohorten von zum Beispiel zehn Kindern auf einmal testen. Es gibt die Variante des Rachenspülwassers: Alle Kinder spülen den Mund aus und spucken nacheinander in ein großes Gefäß, aus dem dann die Probe entnommen wird. Sollte dann eine Kita eine positive Kohorte aufweisen, müssten die Kinder einzeln getestet und die Erkrankten herausgenommen werden. Eine Sippenhaft für alle halte ich nicht für angemessen. Der öffentliche Gesundheitsdienst kann diese Testungen vornehmen. Das ist durchführbar, wenn ich mir das Geld für unnötige Testungen spare.

Und diese Kohorten-Testungen sollten regelmäßig erfolgen?

Mindestens einmal pro Woche. In Hochzeiten kann man die Taktung erhöhen. Man muss sich nur überlegen, wie man die Proben gewinnt. Es reicht wahrscheinlich nicht, dass jeder einmal in den Eimer spuckt. Ein Rachenspülwasser ist denkbar.

Einjährige können noch nicht gurgeln.

Da brauchen wir eine andere Teststrategie. Aber im Kindergartenalter geht das. Auch im Nasensekret von Kindern ist Virusmaterial ablesbar. Eine Variante der Testung könnte sich durch die Safekids-Studie der Universität Frankfurt ergeben: Eltern nehmen nach vorheriger Anleitung zu Hause den Abstrich bei ihren Kindern ab. Hier erwarten wir mit Spannung die Ergebnisse in zwei bis drei Monaten.

Auf diese Weise könnte man das Sicherheitsbedürfnis der Erzieher und anderer Eltern und Kinder stillen und gleichzeitig verhindern, dass viele Eltern grundlos ausfallen, weil ihre Kinder wegen Rotznasen nicht mehr in die Kita können?

Genau.

Wie zeitlich dringend ist das Problem?

Wir sollten die Sommerferien nutzen, um mit medizinischem Sachverstand eine Strategie für die Kitas zu entwickeln. Denn nach den Sommerferien werden mit dem Einsetzen der Erkältungssaison die Erkrankungszahlen zunehmen.

Die Fragen stellte Rainer Schulze

Quelle: F.A.S.
Rainer Schulze - Portraitaufnahme für das Blaue Buch
Rainer Schulze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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