Erzieherinnen aus Spanien

Gurke zum Frühstück erfordert Toleranz

Von Bernhard Biener
Aktualisiert am 15.07.2020
 - 06:30
Im Team: der Leiter der Kita Christian Röder mit der Erzieherin Selina Jung und der spanischen Kraft Marta Ferreras-Presa (rechts)
Spanische Erzieherinnen kommen in eine Kindertagesstätte nach Bad Homburg. Dort bekommen sie mehr Anerkennung für ihre Arbeit als in der Heimat. Und staunen über das Frühstück.

Kinder sind Kinder? Nicht ganz. „In Deutschland sind sie selbständiger“, hat Marta Ferreras-Presa schon in den ersten beiden Wochen in der Bad Homburger Kindertagesstätte im Eschbachtal festgestellt. In Spanien fingen sie viel später an, sich selbst anzuziehen, beim Aufräumen anzupacken oder mit Messer und Gabel zu essen. Dafür müssen sie in ihrem Heimatland andere Erwartungen erfüllen. „Wenn sie in die Schule kommen, können sie lesen und schreiben.“

Beim Essen werden noch mehr kulturelle Unterschiede deutlich. Dass man in Deutschland nach 22 Uhr oft nichts mehr serviert bekommt, während sich Restaurants in Spanien dann erst langsam füllen, ist ein klassischer Anlass für Missverständnisse und zwingt zur Umstellung. Aber auch das Frühstück in der Kita brachte für die Spanierin Überraschungen. „Sie essen um diese Zeit Gurken und Paprika“, sagt Marta verständnislos und schüttelt den Kopf über das, was die Kleinen aus ihren Frühstücksdosen holen. „Sag das bloß nicht vor den Kindern!“, mahnt Kita-Leiter Christian Röder in gespielter Sorge um die Bemühungen für gesunde Ernährung.

Ständig auf der Suche nach Fachkräften

Die 29 Jahre alte Frau aus Leon im Nordwesten der Iberischen Halbinsel ist eine von vier Spanierinnen, die vor kurzem ihren Dienst als Erzieherin bei der Stadt Bad Homburg angetreten haben – wegen der Corona-Pandemie erst nach einer zweiwöchigen Quarantäne. „Wir haben derzeit keinen Mangel an Kita-Fachkräften“, sagt Sozialdezernentin Lucia Lewalter-Schoor (SPD). Das würde sich jedoch schnell ändern, wenn sie tatenlos bliebe. „24 Prozent unserer 380 Erzieherinnen gehen in den nächsten fünf Jahren in den Ruhestand“, erläutert die Stadträtin. In dieser Zeit entstünden wegen neuer Wohnquartiere fünf neue Kindertagesstätten in Dornholzhausen, Ober-Erlenbach, Ober-Eschbach und der Innenstadt. „Deshalb suchen wir ständig nach Fachkräften.“

Vor zwei Jahren hat Lewalter-Schoor beim Verein zur Förderung der Integration Behinderter im Taunus spanische Erzieherinnen kennengelernt. Der Verein stellte 2015 die ersten auf eigene Faust ein. Bad Homburg bedient sich hingegen einer deutsch-spanischen Personalagentur. Diese ist zwar im ganzen Rhein-Main-Gebiet und im Münchner Raum tätig. Den neuen Partner kennt Geschäftsführer Raúl Krämer, der in Bad Homburg aufgewachsen ist, jedoch besonders gut. „Hier in der Kita Eschbachtal habe ich immer meine kleine Schwester abgegeben, wenn ich nebenan in die Grundschule gegangen bin.“

Erzieherinnen haben „eine sehr gute Qualifikation“

2011 begann Krämer zunächst, Krankenschwestern nach Deutschland zu vermitteln. Doch diese fühlten sich hier oft unterfordert, da sie in Spanien nach einem Studium deutlich mehr Verantwortung tragen. Auch Erzieherinnen haben in Spanien studiert. „Sie haben eine sehr gute Qualifikation, werden dort aber weniger wertgeschätzt als hier“, so Krämer Das zeige sich vor allem an den Arbeitsbedingungen mit einem niedrigen Personalschlüssel, geringem Gehalt und kaum Aussicht auf unbefristete Anstellung. „Von den Erzieherinnen, die jedes Jahr in Spanien ausgebildet werden, arbeiten deshalb nur zehn Prozent in ihrem Beruf.“ Entsprechend groß ist die Nachfrage für die 75 Plätze, die seine Agentur jährlich anbietet. „Wir haben mehr als 4500 Bewerber.“

Die Auswahl spielt eine große Rolle. „Wir suchen motivierte Frauen und Männer, schauen nach den Interessen und ob die familiäre Situation erwarten lässt, dass sie vielleicht doch bald wieder zurück in ihre Heimat wollen.“ Sechs Monate lang lernen sie intensiv Deutsch – täglich fünf Unterrichtsstunden und zwei Stunden Hausaufgaben. Auch während des ersten Jahrs in Deutschland machen die Frauen und wenigen Männer – zehn Prozent der Vermittelten – einen Sprachkurs. Zudem werden sie von einem Coach begleitet, um sich im deutschen Alltag zurechtzufinden.

Integrationsverein hält Versuch für gelungen

Entsprechend gering ist nach Worten Krämers die Abbrecherquote. „In den vergangenen beiden Jahren ist eine junge Frau zurückgekehrt.“ Seine Agentur habe inzwischen 480 spanische Erzieherinnen integriert, davon 190 im Rhein-Main-Gebiet, etwa in Frankfurt, Heusenstamm, Neu-Isenburg und Oberursel. Die ersten zwölf Monate Arbeit in den Kindertagesstätten dienen als Anerkennungsjahr. „In der Ausbildung in Spanien fehlt der praktische Teil“, sagt Krämer. Danach könnten die Abschlüsse anerkannt werden. Die Erzieherinnen sollen später von der Stadt Bad Homburg übernommen werden und nicht die Einzigen bleiben. „Wir haben einen Rahmenvertrag mit der Agentur abgeschlossen“, sagt Lewalter-Schoor.

Andernorts sind die Erfahrungen gut. Der Integrationsverein hält den Versuch nach fünf Jahren für gelungen. „Die Kolleginnen von damals sind immer noch hier“, sagt Jutta Dilling, stellvertretende Leiterin der Kita Eichwäldchen in Oberursel. Die Zahl hat sich von neun auf 14 erhöht. Die Anerkennung der Abschlüsse sei inzwischen einfacher. In ihrem Team arbeiten fünf Spanierinnen, die mit den Kindern Deutsch sprechen. „Wir sind keine zweisprachige Kita.“ Aber es gebe eine Spanisch-AG, und die Kinder lernten etwas über die Unterschiede von Sprachen. Und die spanischen Kolleginnen hätten sich inzwischen auch an den hiesigen Lebensrhythmus gewöhnt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Biener, Bernhard
Bernhard Biener
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.
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