Urlaub daheim mit Kindern

Auf geht’s in den heimischen Wilden Westen!

Von Alex Westhoff
Aktualisiert am 02.08.2020
 - 16:36
„Schau mal, dahinten!“: Weil das Gelände der Alten Fasanerie in Hanau mehr als 100 Hektar groß ist, sind nicht alle Tiere stets aus nächster Nähe zu sehen.
Auge in Auge mit Wolf und Wisent: Ein Ausflug mit den Kleinen in die Wildparks von Wiesbaden und Hanau kann eigentlich kaum misslingen. Ein Tipp zum Zeitvertreib in den Sommerferien.

Da steht er in voller Pracht in seinem Revier, den mächtigen Kopf leicht geneigt. Fast eine Tonne bringt der Bulle auf die Waage. Nicht despektierlich gemeint: Aber das sieht man ihm auch an, dem Wisent. Was für ein Waldkoloss! „Boah“, flüstern sich die beiden beeindruckten Fünfjährigen zu. Die beiden Achtjährigen sind wie in einen Bann gezogen von der Herde. „Das“, sagt einer von ihnen, „sind Büffel, wie früher bei den Indianern im Wilden Westen.“ Und nun stehen sie im wilden Hessen? Nicht ganz. Die Wisente, auch Europäischer Bison genannt, leben im Wildpark Alte Fasanerie in Hanau/Klein-Auheim. Als eine von 35 einheimischen Arten, die dort in großen, naturnahen Gehegen gehalten werden.

Man kann festhalten: Ein Ausflug dorthin kann eigentlich kaum misslingen. Weil es für Eltern und Kinder mitten in einem Mischwald viel zu sehen und zu entdecken gibt. Weil es von Spielplätzen bis hin zum Ponyreiten genug Abwechslung gibt, über das reine Erspähen der Wildtiere hinaus.

Die Alte Fasanerie ist, zumal an Wochenenden, sicher kein Geheimtipp für Ausflügler. Die Kennzeichen auf dem großen Parkplatz verraten, dass hier nicht nur Hanauer Waldspaziergänger angezogen werden, sondern auch Familien aus ganz Rhein-Main Kind und Kegel aus ihren Autos laden. Doch im Park hat man nie das Gefühl, dass man sich gegenseitig auf den Füßen steht. Dafür sorgt schon das schiere Ausmaß des Geländes mit mehr als 100 Hektar und mehr als 15 Kilometer Wanderwegen. Das Areal ist eben und überwiegend schattig, was an heißen Sommertagen angenehm ist.

„Luchs, komm raus. Wo bist Duuuu?“

Tipp: Für die Kleinen ein Laufrad mitbringen. Denn in der Alten Fasanerie geht es nicht wie im Zoo von einem Gehege direkt zum nächsten. Die Areale für die Tiere sind so weitläufig, dass dazwischen stets ein Fußmarsch nötig ist. Was die Kleinen schon mal zum Quengeln veranlasst. Zumal das Glück den kleinen Waldläufern und Wildspähern nicht immer hold ist, weil die Tiere ausreichend Gelegenheit haben, sich zurückzuziehen und vor den Besucherblicken zu verbergen. Bei unserem Besuch an einem sonnigen Samstag haben wir mal Glück: Elchkuh Jule verbringt den Mittag mit zaunnahem Äsen – die Kinder können aus der Nähe staunen über ihre enorme Schulterhöhe. Und mal Pech: „Luchs, komm raus. Wo bist Duuuu?“

Die Großen zieht es dann flugs weiter zu den Wölfen. Die Alte Fasanerie beherbergt neben den grauen Europäischen Wölfen auch Polarwölfe. Seit in Hanau im Jahr 2004 mit der Aufzucht dieser Unterart mit dem weißen Fell begonnen wurde, hat der Wildpark einen gehörigen Schub an Popularität erfahren. Nun sollte man nicht unbedingt damit rechnen, Auge in Auge mit dem vermeintlich bösen Wolf zu stehen. Aber einen Blick auf die Tiere erhascht man beim Marsch entlang des Zauns irgendwann eigentlich immer. Wobei die Polarwölfe sich im Wald freilich farblich besonders gut abheben vom Untergrund.

Glück benötigt man derzeit noch, um die beiden Neuzugänge kennenzulernen. Das Brüderpaar mit den historisch klangvollen Namen Romulus und Remus hat Ende Juni eine Reise durch Hessen unternommen. Aus dem Wildpark Edersee nach Klein-Auheim zu ihrer Adoptivmutter Leyla, die sich der beiden fremden Welpen sofort liebevoll angenommen hat. Die fürsorgliche Mutter hält die Brüder meist noch versteckt.

Coronabedingt finden aktuell keine Fütterungen statt, denen Besucher beiwohnen können. Auch wird kein Tierfutter mehr verkauft. Einen Besuch lohnt die Falknerei im Park (Extraeintrittsgebühr, www.falknerei-hanau.de), auch wenn die Flugvorführungen mit dem engagierten Falkner derzeit nicht stattfinden können.

Den Kindern gefällt's

Nach der Stärkung vom Imbisswagen, aus dem die Bratwürste mit Pommes im hohen Takt gereicht werden, soll aus dem reinen Tierebeobachten ein aktives Tierereiten werden. Für sportliche vier Euro je Kind im Sattel können Eltern ein Pony auf einem kleinen Rundkurs führen. Immerhin: Die Jungs an der Pony-Station sind cool drauf und achtsam mit den Tieren. Und ja, den Kindern gefällt’s. Zum Abschluss noch ein letztes Mal zurück zu den Wildschweinen. Ein lustiges Bild, wenn die Frischlinge den Bachen mitten durch die Suhle folgen und ihnen das Wasser fast bis zum Halse steht.

Wildschweine in Wildparks könnte es aber bald kaum noch zu sehen geben. Denn die (für Menschen ungefährliche) Afrikanische Schweinepest hat in Europa unter anderem schon die Nachbarn Belgien und Polen erreicht. In der Fasanerie Wiesbaden, dem anderen großen Wildpark in der Region, hat man schon reagiert. Die erhöhte Plattform für Besucher am Wildschwein-Gehege ist gesperrt, und bis auf wenige langjährige borstige Fasanerie-Bewohner werden keine Exemplare mehr gehalten. Das sollte freilich niemanden von einem Besuch des Parks abhalten, in dem einst Fürsten ihrem Jagdvergnügen nachgingen. Und zwar nicht nur, weil der Eintritt traditionell frei ist (Online-Ticket nötig, siehe Kasten), sondern weil der hübsch angelegte Park vor den Toren der Stadt ein prima Ausflugsziel ist. 40 einheimische Tierarten leben auf einem im Vergleich zur Anlage in Hanau kleineren (aber hügeligeren) Gebiet. Was dazu führt, dass das Wild zwar weiß Gott nicht beengt gehalten wird, die Fußwege aber deutlich kürzer sind.

Elterlich taktisch empfiehlt es sich, den Schildern „Rundweg“ zu folgen. Denn dann führt einen der Weg zunächst stramm berghoch, was bei zu Beginn noch besonders tatendurstigen Kindern erfahrungsgemäß zu weniger Klagen führt. Wenn man sich überhaupt erst mal auf den Weg tiefer in den Park hinein gemacht hat. Denn hinter dem Eingang wartet direkt ein großer Spielplatz. Bevor die Kinder vergessen, warum man eigentlich hier ist, gilt es, sie von den Spielgeräten loszureißen. Beispielsweise mit dem Argument, dass die Schafe und Ziegen hungrig sind (stimmt sogar) und sich auf das am Eingang erworbene, mit den Händen durch den Zaun zu reichende Futter freuen.

Nur 500 Besucher dürfen gleichzeitig in den Park

Ein Highlight ist der Tunnel, durch dessen gläserne Wände man einen Blick in Wohn- und Schlafstube von Fuchs und Dachs werden kann. Auf dem Weg dorthin erklärt Papa etwas altklug den Kindern, dass sie sich wenig Hoffnungen machen sollten, einen nachtaktiven Dachs an einem Ferien-Montagnachmittag zu sehen. Am Gehege angekommen, ist dann ein fast hyperaktiv mit diversen Heimarbeiten beschäftigter Dachs zu beobachten. Papas Wildtier-Autorität ist fortan etwas angekratzt. Zumal er auch mit – von den sehr gut gemachten Schautafeln flugs abgelesenen – Daten und Fakten nicht mehr glänzen kann. Die Achtjährigen lesen mittlerweile selbst.

Coronabedingt dürfen aktuell nur bis zu 500 Besucher gleichzeitig in den Park. Und wer dann auch noch zu Randzeiten kommt, genießt einen tiefgrünen, friedlichen Ort mit Wildtieren vor Augen und einem vielstimmigen Vogelkonzert im Ohr.

Ein bisschen enttäuscht sind die Kinder nur, als sie vor dem Bauzaun stehen, der den Weg auf den Holzsteg zu Braunbär, Wolf und Luchs versperrt. Gesperrt, weil die Abstandsregelungen dort nicht einzuhalten sind. Auch die täglichen Fütterungen, bei denen man Bär und Co sicher zu Gesicht bekäme, sind pandemiebedingt ausgesetzt. So verputzt die Besuchergruppe die mitgebrachten Butterbrote auf einer Bank mit Blick auf das dichtbewaldete, zweieinhalb Hektar große Bärengehege, lauscht auf jedes Blätterrasseln und Astknacken. Doch der große Braune lässt sich nicht blicken.

Dafür ein kleines Braunes mit weißen Punkten und staksigen Schritten. Ein Rehkitz chillt direkt am Zaun, während Mama sich an der Futtergabe durch die Kinder erfreut. Ein Rothirsch präsentiert sein prächtiges Geweih. Doch plötzlich, wie auf ein geheimes Signal hin, sprengt die ganze Herde im gestreckten Galopp die Wiese hinunter – ein herrliches Bild. Die Kinder rennen den Zaun entlang hinterher, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Die Lösung: Tierpfleger haben die großen Futterkrippen gefüllt. Die Besucher staunen noch über den tiefen Blick des Schreiadlers, die Neugierde der Fischotter und wie nahe sie einem Storchen-Paar kommen dürfen. Und Zeit für ein Eis bleibt auch.

Öffnungszeiten der Fasanerien in Wiesbaden und Hanau

Fasanerie Wiesbaden: Geöffnet täglich von 9 bis 18 Uhr. Wichtig: Der Eintritt ist unentgeltlich, derzeit aber coronabedingt nur möglich mit einem für ein bestimmtes Zeitfenster zu lösenden Online-Ticket. Es sollen sich aktuell nicht mehr als 500 Personen gleichzeitig im Park aufhalten. Es wird darum gebeten, die Fasanerie nach drei Stunden (die übliche Aufenthaltsdauer) wieder zu verlassen. Für besonders beliebte Zeitfenster am Wochenende empfiehlt sich eine frühzeitige Buchung. Führungen und Workshops werden in reduzierten Gruppengrößen wieder angeboten. Weil die Anzahl der Parkplätze überschaubar ist, wird zu einer Anreise mit der Stadtbus-Linie 33 geraten. Das Restaurant Jagdschloss Fasanerie mit hübschem Biergarten ist derzeit von 12 bis 20 Uhr geöffnet. Wilfried-Ries-Str. 22, www.wiesbaden.de/fasanerie, Telefon: 06 11/4 09 07 70

Alte Fasanerie Hanau: Geöffnet täglich von 9 bis 18 Uhr (Verbleib im Park bis 19 Uhr möglich). Eintritt: Erwachsene sieben Euro, Kinder (drei bis 17 Jahre) 3,50 Euro. Es sollen sich aktuell nicht mehr als 2000 Besucher gleichzeitig im Park aufhalten. Zu Peak-Zeiten am Wochenende kann es zu kurzen (laut Parkverwaltung nicht mehr als fünfzehnminütigen) Wartezeiten an den Kassen der beiden Eingänge kommen. Die Buchung von zweistündigen Führungen ist wieder möglich. Tipp: Verschiedene Rallyes für Kinder sind auf der sehr informativen Homepage zum Herunterladen und Ausdrucken verfügbar. Fasaneriestr. 106, www.hessenforst.de/alte-fasanerie, Telefon: 0 61 81/61 83 30 10. (west.)

Quelle: F.A.S.
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