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Schutz vor Viren

Wie gefährlich ist Dreck wirklich für Kinder?

Von Kerstin Mitternacht
 - 07:54
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Genüsslich tunkt Eva ihre Reiswaffel in den Sand auf dem Spielplatz und beißt ein großes sandiges Stück ab. Danach wird die Reiswaffel noch ein paarmal paniert und aufgegessen. Zum Trinken gibt es Wasser von den Wasserspielen, die auf dem Spielplatz laufen. So kann ein Spielplatz-Kinder-Menü in der Stadt aussehen, wenn Eltern einmal kurz nicht hinschauen. Auch Gras und Blumen werden gerne einmal probiert. Jeder Erwachsene bekommt schon bei dem Gedanken an das schmutzige Wasser Magenschmerzen und findet auch Sand im Mund mitunter recht ekelhaft.

Einige Eltern gehen allerdings entspannt mit dem Thema um, andere wiederum versuchen, ihr Kind vor dem Spielplatzdreck und heruntergefallenem Essen zu schützen, und sprühen alles mit Desinfektionsmittel ab. Da werden ständig Hände abgewischt und „Nicht in den Mund nehmen!“ gerufen, ein heruntergefallener Keks sofort in den nächsten Mülleimer geworfen und das Kind nach dem Ausflug auf den Spielplatz gebadet und gewaschen, damit es sauber ist. Doch wie sinnvoll ist das, und sind Keime nicht auch nützlich? Wie entspannt können Eltern mit Dreck umgehen, und wann ist es wichtig, aufzupassen?

Professor Eckard Hamelmann von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderzentrum Bethel in Bielefeld, beantwortet die zehn wichtigsten Fragen zur Kinderhygiene.

1. Ist Dreck grundsätzlich schädlich? Wie gefährlich sind Bakterien und Viren?

Vor einer übertriebenen Sorge vor Keimen rät Hamelmann ab. Ein normales Leben auf dem Spielplatz oder im Wald sei erst einmal nicht gefährlich. In Dreck kann nämlich vieles stecken: Gutes und Schlechtes muss man hier unterscheiden. Es gibt laut Hamelmann harmlose Bakterien, die vom Körper wahrgenommen werden, aber zu keiner Krankheit führen, und dann gibt es Bakterien und Viren, die zu Krankheiten führen können, zum Teil auch zu gefährlichen.

„Allerdings leben auf uns auch zehn Mal mehr Mikroben, als wir eigene Körperzellen haben“, erklärt Hamelmann. Und zu viel Sauberkeit schade eher, da unser Immunsystem im Kindesalter sonst nicht richtig eingeschaltet werde. „Allergien und Autoimmunerkrankungen wie Diabetes Typ 1 treten heute viel häufiger auf, als das früher noch der Fall war. Genetisch kann dies nicht begründet werden. Es sind Umweltfaktoren, die dazu beitragen“, sagt Hamelmann. Der Grund: Es fehle heute in der frühen Kindheit oft der Kontakt zu Mikroben und Pilzen, die unser Immunsystem anregen und regulieren.

2. Helfen Kindern viele Infektionen, um das Immunsystem aufzubauen?

„Die Frage lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten“, sagt Hamelmann. Es komme immer auf die Art und Weise der Infektion an und wer diese bekommt. Wenn sich ein Frühgeborenes ein für Erwachsene „harmloses“ Schnupfenvirus einfängt, kann dies bei ihm eine schwere Infektion der Luftwege auslösen, die im schlimmsten Fall bis zur Beatmung auf der Intensivstation führen könne. Zudem hat ein Frühgeborenes nach einer solchen Infektion ein deutlich höheres Risiko, Asthma zu entwickeln. Für dieses Kind ist diese Virusinfektion natürlich nicht gut.

Positiv sei aber grundsätzlich, dass durch die Auseinandersetzung mit Keimen bei sonst gesunden Kindern eine Grundstimulation des Immunsystems erreicht wird, so dass das Immunsystem aufgebaut werden kann.

3. Wie viel Schutz brauchen Neugeborene?

Ein Segen der Zivilisation und echter medizinischer Fortschritt seien erst einmal die verbesserte Hygiene und die Verfügbarkeit von Antibiotika, so Hamelmann. Das habe unsere Überlebensrate enorm erhöht, und deswegen sind Säuglings- oder auch Müttersterblichkeit dramatisch zurückgegangen. „Da Neugeborene und Säuglinge in den ersten drei Monaten einen natürlichen Nestschutz haben und von der Mutter eine Basisausstattung an Abwehrkräften gegen die üblichen Krankheitserreger mitbekommen haben, müssen sich Eltern bei gesunden Babys nicht übertrieben verrückt machen“, sagt Hamelmann. Eltern müssen also zu Hause keine aktiven Desinfektionsmaßnahmen treffen und mit einem Desinfektionsmittel um das Baby herumwischen. Hamelmann rät aber, dass es sinnvoll sei, sich regelmäßig die Hände zu waschen, vor allem, wenn man von draußen hereinkommt. Wichtig sei natürlich die Durchführung der Standardimpfungen ab dem 3. Lebensmonat, so wie vom Robert-Koch-Institut empfohlen.

4. Wie lange bleiben Bakterien und Viren an den Händen?

Teilweise bleiben Keime sehr lange an den Händen, berichtet Hamelmann. „Wenn man einen Handabdruck in einer Petrischale nimmt, um zu sehen, welche Bakterien auf der Haut angesiedelt sind, dann kann man sich über das rege Leben auf uns schon wundern.“ Auch überleben einige Keime tagelang auf Oberflächen wie Tastaturen oder Türgriffen. Gutes und richtiges Händewaschen ist daher sinnvoll, gerade wenn man nach der Fahrt mit Bus und Bahn nach Hause kommt, so der Experte.

5. Auf was muss man beim Händewaschen achten?

Ob kaltes oder warmes Wasser, ist egal, denn viele Keime erwischt man tatsächlich erst ab 60 Grad, und diese Temperatur ist für das Händewaschen zu heiß. „Seife ist sinnvoll, da damit das Fett besser weggeht, in dem sich die Keime gerne aufhalten. Beim Abtrocknen sollte man allerdings von bereits gebrauchten Handtüchern eher Abstand nehmen, da sie oft ein eigener Infektionsherd sein können“, sagt Hamelmann.

6. Wenn Kinder mit Geld spielen, finden das viele Erwachsene eklig. Ist Geld tatsächlich so dreckig?

„Ja, Geld ist dreckig, da es durch tausend Hände gegangen ist“, sagt der Kinderarzt. Aber die meisten Keime darauf tun einem gesunden Kind erst einmal nichts. Zudem sollten Eltern, wenn es um die oft gefühlt ewig anhaltende Erkältungszeit im Winter geht, bedenken, dass es durchaus normal ist, wenn Kleinkinder in der Heizperiode fünf bis sechs Erkältungskrankheiten haben, die bis zu einer Woche dauern können. Daran sind nicht mangelnde Hygiene oder das Spielen mit Geld schuld, sondern schlicht ein Immunsystem, welches sich erst entwickeln muss.

„Anders ist es natürlich, wenn ein Kind einen echten Immundefekt hat und auch auf harmlose Keime keine richtige Antwort findet, da müssen Eltern natürlich auch bei Geld wachsam sein.“

7. Wie oft sollten Kinder baden?

Grundsätzlich gilt die Faustregel: Nicht zu häufig, nicht zu heiß und nicht zu lang. „Einmal die Woche ist aber okay. Wichtig ist, dass Kinder nicht zu lange baden, da sonst die Haut aufweicht und wichtige Keime des Mikrobioms auf der Haut verlorengehen können“, sagt Hamelmann. Tägliches Abduschen sei dagegen kein Problem; hier reicht es auch häufig, wenn das Kind nicht richtig schmutzig ist, klares Wasser oder pH-neutrale Seife zu verwenden.

8. Können Kinder, wenn Essen heruntergefallen ist, es aufheben und essen?

Eine „3-Sekunden-Regel“, von der oft die Rede ist, wenn etwas auf den Boden gefallen ist, gibt es in diesem Sinne nicht. „Keime warten nicht drei Sekunden, und es kommt immer darauf an, wer den Ort vorher berührt hat“, sagt Hamelmann.

Erwachsene mit einem intakten Immunsystem könnten problemlos Sachen, die auf den Boden im eigenen Wohnraum gefallen sind, noch essen, das komme immer auf die persönliche Einstellung an, sagt Hamelmann. Bei Kleinkindern würde der Kinderarzt Essen, das im öffentlichen Raum heruntergefallen ist, nicht mehr den Kindern geben. In der eigenen Wohnung ist das aber meist kein Problem und ungefährlich, wenn dort nicht überall mit Straßenschuhen herumgelaufen wird.

9. Wie schlimm ist es, wenn Kinder nacheinander an etwas lutschen?

Das ist grundsätzlich nicht schlimm und der Austausch von Körperflüssigkeiten ja eher ein normales Verhalten. Anders sieht es natürlich aus, wenn eines der Kinder krank ist – dann sollte man aufpassen, rät der Kinderarzt.

10. Darf man den Schnuller ablecken, wenn er heruntergefallen ist, und dem Baby dann wiedergeben?

Kinder, deren Mütter regelmäßig den Schnuller ablecken, haben tatsächlich weniger Allergien. Es ist bekannt, dass eine höhere Vielzahl von Keimen auf unseren Körperoberflächen – also ein vielfältiges Mikrobiom – das Immunsystem von Säuglingen positiv beeinflusst und das Risiko von Allergien und Autoimmunerkrankungen wahrscheinlich senkt. Das Ablecken des Schnullers erhöht also die Chance, dass das Immunsystem sich mit mehr Keimen auseinandersetzen muss. Die Kehrseite ist das erhöhte Risiko für Karies. Wenn die Mutter Karies hat oder eine andere ansteckende Krankheit, sollte sie davon absehen.

Quelle: F.A.S.
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