Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum es so schwierig ist, ohne Lehrer zu lernen

Von Fridtjof Küchemann
Aktualisiert am 20.03.2020
 - 08:05
Es ist für Schulkinder gar nicht so einfach, zu Hause zu arbeiten, weil die Schulen geschlossen sind, selbst bei besten Bedingungen. Über den Zusammenhang von Lernen, Anerkennung und Anregung.

Coronaferien, das sagt sich so leicht: Die Schulen sind noch nicht lange geschlossen, und trotzdem zeigt sich schon, dass in diesem Wort eine irreführende Verheißung steckt. Es ist wichtig, dass Menschen in dieser Zeit nicht so eng beieinander sind, wie es in der Schule einfach unvermeidlich ist, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verzögern. Und ebenso wichtig ist es, dass die Schüler jetzt nicht einfach so etwas wie Ferien ohne Freunde und Draußensein machen, sondern weiter lernen, so gut es eben geht.

Und es geht ganz unterschiedlich gut oder schlecht: Mal steht der Kontakt zwischen Lehrern und ihren Klassen, mal steht er noch nicht so gut. Mal wird viel Papier zum Lesen und Bearbeiten auf den Weg geschickt und kommt auch an. Mal sind es E-Mails, mal läuft das ganze über Websites oder Apps. Mal haben die Schüler ihre eigenen Computer oder Smartphones, mal können sie sich für die Schularbeiten die Geräte von Eltern oder Geschwistern ausleihen – und manchmal sind einfach nicht genügend solcher Geräte in einer Familie vorhanden, wenn alle von zu Hause aus arbeiten müssen.

Aber selbst, wenn der Kontakt und die Versorgung so gut klappt, wie man es sich besser gar nicht wünschen könnte, selbst wenn die Schüler zu Hause die Unterstützung haben, die Ruhe, den Platz und die Zeit, die sie brauchen, selbst wenn sie mit guter Laune zu lernen bereit sind, werden sie merken, dass es schwieriger ist als in der Schule. Einfach, weil jemand fehlt, von dem sich so mancher Schüler insgeheim sogar schon mal gewünscht hätte, dass er gelegentlich fehlen würde: der Lehrer oder die Lehrerin.

In Kontakt bleiben

Klar: Auch mit Lehrern geht es mal gut und mal nicht so gut. Oft haben die Schüler gleich in der ersten Stunde mit einem neuen Lehrer oder einer neuen Lehrerin ein Gefühl dafür, ob sie miteinander klarkommen werden oder nicht, und manchmal ändert sich an dem Gefühl nichts mehr. Es gibt Lehrer, die sich nicht für ihre Schüler zu interessieren scheinen, die sich leicht aufregen oder unfair sind. Gibt es alles. Aber es gibt einen Grund, warum Schüler nicht schon längst mit irgendeiner Lernsoftware alleingelassen werden: weil wir, verkürzt gesagt, Menschen sind.

Forscher, die sich mit unserem Denken und Fühlen beschäftigen, haben das beschrieben. Experten für das Lernen und Lehren können das bestätigen. Von frühester Kindheit an, sagen Psychologen, gibt es zwei Bedürfnisse in uns Menschen, die einander ergänzen: Wir wollen uns sicher und geborgen fühlen, und wir wollen Neues entdecken und erfahren. Wenn wir uns von Leuten, mit denen wir vertraut sind, unterstützt fühlen, macht es nicht nur größeren Spaß, die Welt kennen zu lernen oder überhaupt zu lernen, es hat auch größeren Erfolg.

Gerade in jungen Jahren spielt die Beachtung, die Anerkennung Erwachsener für uns Menschen eine große Rolle. Wenn uns jemand zeigt, dass er uns im Blick hat, wenn uns jemand ermutigt, wenn uns jemand sagt, ob wir etwas schon ganz gut machen und vielleicht noch besser machen können, dann tut das gut, und es macht Lust darauf, sich weiter anzustrengen.

Es gibt aber auch einen Typ Lehrer, der fordert Schüler heraus oder setzt sie unter Druck: Sie sollen ihm beweisen, dass sie besser sind, als er behauptet. Manchmal klappt das ganz gut, manchmal geht es schief. Dann wird es schwierig. Und es gibt noch eine Situation für Schüler, in der es wirklich schwierig wird: Wenn ihnen der Lehrer egal geworden ist, mit seiner Kritik, seinem Lob, seinen Mahnungen, seinen Hilfsangeboten, seiner Sorge. Wenn er nicht mehr an sie glaubt und sie auch selbst nicht mehr daran glauben, dass sie es schaffen können. Wenn die Verbindung zwischen den beiden abgerissen ist. Beide Fälle – Lehrer, die Druck machen, und Schüler, die sich abwenden – zeigen, wie wichtig Lehrer für das Lernen sind.

Das heißt natürlich nicht umgekehrt, dass Lernen nur über Menschen klappt und mit Smartphones und Computern quatsch ist. Man kann ja auch aus Büchern lernen oder aus Bildern. Und zum Glück ist es auch mit immer mehr Digitalem in unserer Welt nicht so, dass in Schulen, die ganz vorne mit dabei sind, einfach ein Haufen Technik in die Klassen gekippt wird, und der Lehrer kann gehen. Selbst wenn sich Schüler dann dort selbständig durch Texte und Videos, durch Quizze und Kontrollaufgaben arbeiten, sind Lehrer dabei und unterstützen: bei allen technischen Fragen, vor allem aber, weil es gut ist, wenn jemand da ist für Rückmeldungen, für Anerkennung und Anregung. Damit sich die Schüler gesehen fühlen können. Und sogar für Lernvideos haben Lernforscher herausgefunden, dass sie erfolgreicher sind, wenn jemand gezeigt wird, der etwas erklärt, als wenn es einfach nur so erklärt wird.

Was heißt das jetzt für die Situation, in der wir uns seit kurzem befinden – der Notlage, dass Schüler zu Hause lernen müssen? Dass Lehrer den persönlichen Kontakt zu ihren Schülern aufrechterhalten sollten, so gut es geht. Dass Eltern versuchen sollten, mit ihrer Aufmerksamkeit und Anerkennung das auszugleichen, was mit den Lehrern gerade fehlt. Und dass alle, Lehrer, Eltern und Schüler, im Blick behalten sollten, dass es gerade alles nicht so einfach ist mit dem Lernen. Aber mit etwas Rücksicht und Nachsicht doch vielleicht ein bisschen leichter.

Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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Quelle: FAZ.NET
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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