FAZ plus ArtikelMissbrauch im Kindergarten

„Es gibt keinen Schlussstrich, niemals“

Von Karin Truscheit
Aktualisiert am 17.07.2020
 - 08:49
Mutter des Missbrauchsopfers
Über Monate hinweg wurde ihr Sohn von seinem Therapeuten im Kindergarten sexuell missbraucht – manchmal, während direkt nebenan der Morgenkreis stattfand. Ein Gespräch mit der Mutter eines Missbrauchsopfers.

Am 21. März 2019, an Ihrem Geburtstag, haben Sie erfahren, dass im ehemaligen Kindergarten Ihres Sohns Kinder missbraucht wurden. Was war Ihr erster Gedanke?

Lass es nicht mein Kind sein! Das hab ich gedacht. Ich hatte morgens über eine Whatsapp-Gruppe gehört, dass in unserem Kindergarten ermittelt wird. Mein Sohn war dort bis 2018. Die Polizei hatte für Betroffene eine Telefonnummer mitgeteilt. Dann habe ich meine Mutter angerufen, sie aber nicht erreicht. Sie war beim Beerdigungsinstitut, denn meine Oma war in der Nacht zuvor gestorben. An diesem Tag kam einfach alles zusammen.

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Missbrauch in der Therapiestunde

Der Angeklagte habe „keine echte Schuldeinsicht, kein echtes Bedauern gezeigt“, sagte der Vorsitzende Richter, als das Landgericht Würzburg am 25. Mai einen 38 Jahre alten Logopäden wegen schweren sexuellen Missbrauchs an sieben Jungen zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren und vier Monaten verurteilte. Der Mann hatte die Kinder zumeist in zwei integrativen Kindergärten in Würzburg in seinen Therapiestunden missbraucht – während manchmal direkt nebenan der Morgenkreis stattfand. Seine Opfer waren in ihrer Entwicklung eingeschränkt oder geistig behindert. Der Begriff „Missbrauch“ gibt nur unzureichend wieder, um welche Taten es in Würzburg ging – und in vielen Fällen geht, die vor kurzem etwa in Nordrhein-Westfalen aufgedeckt wurden: Gemeint sind bei weitem nicht nur Übergriffe wie Berührungen im Genitalbereich, das „Befummeln“ von Kindern. Gemeint sind vielmehr anale Vergewaltigungen von Kleinkindern. Der Logopäde hatte sich und seine Opfer bei solchen Gewalttaten fotografiert oder gefilmt. Gefasst wurde er durch Ermittlungen im Darknet. Dort war er laut Anklage in Foren aktiv, die „The Love Zone (TLZ)“ oder „Boys a priori“ heißen. Um Zutritt zu solchen Foren zu erhalten, in denen die Nutzer kinderpornographisches Material tauschen, werden oft „proof pics“ als eine Art Eintrittskarte verlangt. Das sind selbsterstellte kinderpornographische Abbildungen. Der Logopäde hatte der Anklage zufolge seine „sexuellen Handlungen“ an kleinen Jungen aufgenommen, um sein „sexuelles Verlangen“ zu befriedigen, aber auch, um in solchen Foren mitmachen und dort im „Ranking“ aufsteigen zu können. Bei der Urteilsverkündung hob der Richter hervor, dass der Angeklagte durch seine Taten „ganze Familien quasi pulverisiert“ habe. ktr.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Truscheit, Karin
Karin Truscheit
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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