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Schwangerschaftsrisiko

Macht Ibuprofen Töchter unfruchtbar?

Von Joachim Müller-Jung
 - 23:05
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Es ist ein erster Verdacht, mehr noch nicht, doch die Belege, die ein französisches Team von Reproduktionsmedizinern jetzt nach Experimenten mit Eierstockgewebe von nicht einmal zwölf Wochen alten Föten abgeliefert hat, können jungen Paaren definitiv Sorgen bereiten. Auf den Mikroskopbildern der Forscher ist ein Mosaik an sich blutjunger Zellen aus dem Ovarialgewebe von weiblichen Föten zu sehen. Ein Gewebeverband, der allerdings an vielen Stellen durchsetzt ist von tiefbraunen Stellen, die wie faules Fallobst aussehen. Tatsächlich handelt es sich dabei um embryonale Keimzellen in den unterschiedlichsten Stadien des Absterbens. Im schlimmsten Fall sind die Hälfte der Eizellen abgestorben – von „dramatischen Verlusten“ ist bei den Wissenschaftlern die Rede.

Das sorgfältig kultivierte Gewebe war zuvor im Labor Ibuprofen ausgesetzt worden, und zwar in Dosierungen, die denen entsprechen, wie sie offenbar viele Föten im Mutterleib in den ersten zwölf Wochen ausgesetzt sind – vorausgesetzt die Mütter nehmen die Schmerzmittel über zwei oder mehrere Tage ein, was nach Auskunft der Wissenschaftlerinnen in vielen westlichen Ländern für etwa dreißig Prozent der Frauen zutrifft.

Warnungen vor Ibuprofen sind nicht neu. Die meisten Schwangeren erfahren in den Beipackzetteln, von Hebammen und Ärzten, dass das wirksame Schmerzmittel in späteren Schwangerschaftsphasen durchaus zu Missbildungen führen kann. Deshalb wird es von den Frauen in der Regel gemieden. Anders in den ersten drei Monaten. Abgesehen davon, dass viele Frauen von der Schwangerschaft erst später erfahren, gab es bisher keine klaren Warnungen, was das erste Trimester betrifft. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Föten dem Mittel bei schmerzgeplagten Patientinnen tatsächlich ausgesetzt sind, in dieser Phase am größten.

Die französischen Forscher um Séverine Mazaud-Guittot vom Inserm in Rennes, die ihre Studie zusammen mit schottischen und dänischen Forscher ausgeführt haben, suchten nach möglichen Effekten im Fötalgewebe. Dazu arbeiteten sie mit Kliniken zusammen, in denen abgetrieben wurde und die Frauen ihr Einverständnis für Experimente mit dem abgetriebenen Fötus gaben. So kam mehr oder weniger frisches Ovarialgewebe von 185 abgetriebenen weiblichen Föten zusammen. In den folgenden Tagen wurden Experimente im Labor gemacht, die mit den Vorgängen im Mutterleib womöglich nicht viel zu tun haben – was die Wissenschaftler auch dazu bewegt, ihre Versuchsergebnisse vorsichtig zu interpretieren und vor übereiligen Schlüssen zu warnen.

Ungehindert durch die Plazenta-Schranke

Tatsächlich aber haben sie Effekte festgestellt, die sie in vielfacher Hinsicht überraschten. Der erste: Die Plazentabarriere ist für das Ibuprofen offenbar kein Hindernis. Im Nabelschnurblut, das die Föten versorgt, wurden bei Frauen, die teilweise bis zu 800 Milligramm täglich einnahmen, die gleichen Konzentrationen gefunden wie im Blut der Frau selbst. Der Wirkstoff tritt vom mütterlichen quasi ungehindert in den kindlichen Blutkreislauf und ist dort in den gleichen Konzentrationen zu finden. Die zweite Überraschung: das Ibuprofen wirkt radikal. Schon zwei bis sieben Tage mit der üblichen Tagesdosis vieler Schmerzpatienten haben ausgereicht, die embryonalen Vorläufer der Eizellen in großer Zahl zu zerstören. Und: Die Teilung vieler Zellen war eingeschränkt. Je nach Dosis (bis 10 Mikromolar) und Dauer starben bis zur Hälfte der Urkeimzellen ab. Und nur wenigen der geschädigten Zellen erholten sich wieder, sobald das Schmerzmittel abgesetzt wurde. Diese Hoffnung immerhin bestand. Denn bis zum Ende des ersten Trimesters ist die Entwicklung der Urkeimzellen, die später die Eizellen und die sie umhüllenden Follikelzellen bilden, noch nicht vollständig abgeschlossen.

Allerdings kommen auch nicht viele zusätzlichen Keimzellen hinzu. Mädchen werden mit einem mehr oder weniger festgelegten Reservoir an Eizellen geboren. Der Vorrat schrumpft zwar im Laufe der Jugend und des frühen Erwachsenenalters sukzessive, aber in der Regel ist ein Überschuss an befruchtungsfähigen Eizellen bis zum Eintritt der Menopause vorhanden. Die Frage, die sich Séverine Mazaud-Guittot nun in ihrer Publikation in der Fachzeitschrift „Human Reproduction“ stellen, lautet: Wird dieses Reservoir durch die Verwendung von Ibuprofen in den ersten Schwangerschaftswochen nachhaltig vermindert, bleiben die restlichen Zellen intakt? Antworten darauf können die Mediziner nach diesen ersten Untersuchungen im Labor nicht geben. Fraglich ist nicht nur, ob es wirklich Langzeiteffekte gibt und ob die Fruchtbarkeit der Töchter später wirklich eingeschränkt ist, unklar bleibt auch, wie andere Schmerzmittel-Alternativen in diesem Labortest abschneiden würden. Der Körper geht mit Zellschäden und mit Wirkstoffen oft anders um als solche Gewebepräparate im Labor. Deshalb fordern die Mediziner weitergehende Studien mit den Arzneien und bleiben in ihrer Publikation erst einmal extrem vorsichtig: „Nach den Versuchen gilt unsere Sorge der Einnahme von Ibuprofen in der frühen Schwangerschaft, wenn die scheidenden Organe sich entwickeln, und ebenso gibt es das Risiko, dass ein ausreichendes Keimzellreservoir nicht aufgebaut werden könnte.“

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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